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Terror : Tunesien geht unnachgiebig gegen islamistische Gruppen vor

  • Aktualisiert am

Seit einem Jahrzehnt ist Tunesien von Anschlägen und Aufständen islamistischer Gruppen weitgehend verschont geblieben.

          2 Min.

          Für die tunesische Regierung liegt die Sache klar auf der Hand: Ein Unfall sei für die Explosion auf der Urlauberinsel Djerba verantwortlich, von einem Anschlag auf die Ghriba-Synagoge könne keine Rede sein. Gleichzeitig geht die Regierung seit Jahren unnachgiebig gegen extremistische Moslems und verbotene Oppositionsbewegungen vor. Das Image von Tunesien als sicherem Ferienparadies soll keinen Kratzer bekommen. Mittlerweile mehren sich jedoch die Stimmen, die einen Terroranschlag für wahrscheinlich halten.

          Nachdem in Frankreich Brandsätze auf Synagogen geschleudert wurden und die Lage in Nahost weiter eskaliert, scheint ein Anschlag von extremistischen Moslems auf das jüdische Gotteshaus durchaus möglich. Bundesinnenminister Schily (SPD) hält ein Attentat für wahrscheinlich. Auch Udo Steinbach, Leiter des Hamburger Orient-Instituts, geht von einem Anschlag aus. Hintergrund sei vermutlich der „diffuse Zorn in breiten Teilen der Bevölkerung“ gegen das israelische Vorgehen in den Palästinensergebieten, sagt Steinbach.

          Extremistenführer gingen ins Exil

          Seit einem Jahrzehnt ist Tunesien von Anschlägen und Aufständen islamistischer Gruppen weitgehend verschont geblieben, während im Nachbarland Algerien Zehntausende im Bürgerkrieg zwischen Armee und Extremisten-Gruppen getötet wurden. Parteien, die ihr Programm auf die Religion stützten wie die islamische En-Nahda (Wiedergeburt), erhielten in Tunesien keine Zulassung. En-Nahda-Führer Rachid Ghanouchi ging ins Exil, andere Mitglieder wurden festgenommen.

          Auch andere Gruppierungen wie die Front Islamique Tunisien (FIT) und der tunesische Ableger der vom Palästinenser Takiuddin an-Nabhani gegründeten Hizb Tachrir (Befreiungspartei) wurden offenbar größtenteils zerschlagen. Die FIT warnte 1995 nach Angaben des US-Außenministeriums Ausländer davor, länger in Tunesien zu bleiben. Anschläge blieben aber bislang aus. Nach US-Angaben soll das Al-Qaida-Netzwerk von Extremistenführer Usama bin Ladin auch Gruppen in Tunesien unterstützt haben.

          Kampf gegen Terrorismus im Rahmen des Rechtsstaates

          Die tunesische Sicherheitspolitik gehe systematisch gegen alles vor, „was sich islamisch geriert“, sagt Steinbach. Er vermutet hinter der Explosion einen „spontanen“ Ausbruch des Hasses auf Israel und kein von langer Hand geplantes Attentat. Ziel sei die jüdische Synagoge gewesen und nicht die Touristen. Die En-Nahda dementierte Medienberichte, wonach sie für die Explosion verantwortlich sei.

          Präsident Zine el Abidine Ben Ali betonte noch im Januar, dass der Kampf gegen Extremismus und Terrorismus im „Rahmen des Rechtsstaates“ geführt werde. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sehen das anders. In den vergangenen Jahren reichte laut jüngstem Amnesty-Jahresbericht immer wieder schon der Verdacht, Anhänger einer verbotenen Organisationen zu sein, für eine Festnahme und Folter. Repressionen sind dabei nicht nur islamistische Gruppen ausgesetzt.

          „Ein Land des Friedens und der Toleranz“

          Mit seiner rigorosen Sicherheitspolitik konnte Präsident Ben Ali sein Land nach außen als Hort der Stabilität in einer unruhigen Region präsentieren. Davon profitiert vor allem der Tourismussektor, die wichtigste Devisenquelle des Landes. Bereits nach den Anschlägen vom 11. September musste die Branche aber Einbrüche verkraften. Nach Ansicht von Steinbach würde der Tourismus weitere schwere Einbußen erleiden, sollten sich die Hinweise für ein Attentat weiter verdichten.

          Tourismusminister Mondher Zenaidi eilte bereits kurz nach der Explosion zur Synagoge und versicherte der kleinen jüdischen Gemeinde, Tunesien bleibe „ein Land des Friedens und der Toleranz“. Um möglichst schnell die Spuren des grausamen Unglücks zu entfernen, erhielt die Ghriba-Synagoge schon einen Tag nach der Explosion einen neuen Anstrich.

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