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Tegernsee : Ein Saibling saß auf einem Bachgerieselkiesel

Küche mit Aussicht: Die Genusswerkstatt im Seehotel Überfahrt Bild: Klaus Lorke / No Limit Fotodesign

Christian Jürgens, einer der besten deutschen Köche, hat den Tegernsee zu seiner kulinarischen Heimat erkoren - und mit der „Genusswerkstatt“ einen Schrein errichtet.

          6 Min.

          Am Ufer des Tegernsees, dort, wo er ganz still und gedankenverloren wird, steht ein kleines, trauriges Tuffsteinkreuz mit der eingravierten Jahreszahl 1544. Es ist so rührend in seiner Bescheidenheit, dass man unwillkürlich innehält und die Schrifttafel neben ihm liest: Das Kreuzlein erinnert an das schreckliche Schicksal eines Brautpaares, das in der Kirche von Egern heiratete, dann in ein Wirtshaus auf der anderen Seeseite ruderte und bei der Heimkehr in einem Sturm samt der halben Hochzeitsgesellschaft jämmerlich ertrank. Ungläubig blickt man auf den See, der so sanftmütig daliegt, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun - und fragt sich ein wenig fröstelnd, ob er jetzt auch noch zu so viel Arglist und Grausamkeit fähig wäre. Doch dann schaut man sich die Landschaft ringsum an, eine Welt jenseits aller Sorgen, frei von Verwundungen, Narben, Bitternis, und ist sich ganz sicher: Seit jenem Schicksalssturm des Jahres 1544 hat der Tegernsee nichts Tragisches mehr erlebt.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Glück macht schön. Davon profitiert der Tegernsee wie kaum ein zweiter Ort in Deutschland. Fast unwirklich schön sieht er aus, ganz so, als sei er nach seinem eigenen Klischee geformt worden: Bayerischer ist Bayern nirgendwo als in diesem Bilderbuchtableau aus Wasser, Tannen, Almen, Gipfeln, Heimat glücklicher Kühe und glücklicher Menschen, eine Kulturlandschaft wie im Trachtensonntagsanzug. Doch sie ist weit entfernt von Touristenkitsch, Gott bewahre, sondern ein Gemälde, das mit der Inbrunst der Heimatliebe gemalt wurde. Es ist eine Welt aus Zwiebeltürmen, Schindeldächern und Maibäumen, aus gütigen Gottesmüttern an Hausfassaden, koketten Lustschlösschen auf Felsvorsprüngen und dem See als ruhendem Pol, tief wie ein Kiel. Ihren inneren Frieden scheint diese Welt längst gefunden und viel zu tiefe Wurzeln geschlagen zu haben, um jemals aus dem Geschmacksgleichgewicht zu geraten. Hier ist kein Platz für neureichen Protz, sondern nur für sehr viel sehr diskretes Geld, das am liebsten Dirndl statt Dolce trägt und die Lärchenholzfassaden seiner Villen pittoresk verwittern lässt, als wohnte dahinter immer noch ein braver Landmann in Lederhose und kein altbajuwarischer Baulöwe.

          Regionalität im prunkvollen Wellness-Weihetempel

          Man kann Christian Jürgens verstehen, dass ihn seine Suche nach dem Glück hierhergeführt und er die Gegend rund um den Tegernsee zum Leitmotiv seiner Küche erkoren hat - ausgerechnet er, der Temperamentvollste, Unbändigste, Impulsivste unter den deutschen Spitzenköchen, der noch mit Anfang vierzig wie ein junger Wilder auf Sinnsuche wirkt und keinen Hehl daraus macht, dass er aus einem etwas rauheren Milieu als dem Tegernsee stammt. Dort redet niemand, und schon gar nicht Jürgens, als sei er in Eton zur Schule gegangen, und Etikette spielt im Zwischenmenschlichen keine Rolle, sondern klebt ausschließlich auf Bierflaschen. Seit drei Jahren kocht er ein paar Meter vom Tuffsteinkreuz entfernt im Seehotel Überfahrt, einem prunkvollen Wellness-Weihetempel der Althoff-Gruppe, die unter ihren Dächern mehr Gourmetrestaurants Zuflucht gewährt als jede andere Hotelkette in Deutschland und ihre Gäste nur von den Allerbesten ihres Fachs bekochen lässt.

          Selbstredend ist Jürgens der am höchsten dekorierte Koch Bayerns. Zwei Michelin-Sterne, neunzehn Gault-Millau-Punkte, fünf "F" vom Feinschmecker lobpreisen eine Küche, die Regionalität ganz anders, nämlich viel kühner definiert, als es der neuerdings sehr in Mode gekommene, kulinarische Lokalpatriotismus gerne macht: Sie unterwirft sich weder Dogmen noch Doktrinen, verteufelt keine Produkte mit längerer Anreise als eine Handvoll Kilometer, kennt keine heiligen Kühe, hält das heimische Landschwein nicht für das Goldene Kalb und will stattdessen auf dem Teller ein kulinarisches Porträt der Region schaffen, sozusagen ihr Bildnis für den Gaumen - aber nicht im Stil eines langweiligen Hyperrealismus, sondern immer mit einer Brechung durch Ironie und Intellekt.

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