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Tegernsee : Das Ursprüngliche wiederentdecken

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Die Zeiten, in denen man in Rottach-Egern dem sogenannten Jetset auflauern konnte, sind schon lange vorbei Bild: imago/imagebroker

Angeben am Tegernsee war einmal, und jetzt ist auch noch Uli Hoeneß weg. Heute kommen Reiche hierher zum Heilfasten. Warum es sich sonst noch lohnt, einfach ins Tiefblaue hinein zu verreisen.

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          Vor dem „Bachmair“ in Rottach-Egern sind Parkplätze frei. Das Panoramarestaurant mit Seeblick ist geschlossen. Das „B“ mit der Krone, das jeden Teppich ziert, ist, denkt man beim Gang durch das leere Hotel, mehr Bürde als Zierde. Nur in der hintersten Stube ist ein Tisch besetzt, es sieht aus, als dürfe jemand aus der Belegschaft Geburtstag feiern. Draußen vor den Boutiquen im Erdgeschoss immerhin zwei Edelarbeitslose. Die eine fragt: „Wo is’ jetzt des Outlet?“

          Vorbei die Zeiten, als sich Harald Juhnke auf der Münchner Maximilianstraße im Bademantel ins Taxi setzte und „Zum ,Bachmair‘“ stammelte. Als die Sommergäste aus dem Rheinland am nächsten Morgen spekulierten, wer Udo Jürgens nachts aufs Zimmer begleiten durfte. Und wen derjenige, der nachts vom Segeln kam und barfuß hinüber in den „Nightclub“ zum Zigarettenholen ging, noch treffen konnte, von den Gästen, die man damals den „Jetset“ nannte: Rudi Carrell, Uschi Glas, Conny Froboess, Roberto Blanco, den jungen Thomas Gottschalk. Und sogar Bob Marley, der glaubte, in Rottach vom Krebs geheilt zu werden. Der Jetset zog weiter nach Sylt und nach Mallorca. Industriebosse und Sportler kamen und kauften sich allen geologischen Gutachten zum Trotz Zweitwohnsitze in Hanglage, Hauptsache Tiefgarage. Der bekannteste von ihnen, Uli Hoeneß, sitzt jetzt im Gefängnis, und so wie seine Art der Geldverehrung und Zockerei angeblich nicht mehr gefragt ist, ist auch der Tegernsee aus der Mode gekommen.

          Auf kleinen Pfaden zu großer Entspannung

          Um zu begreifen, was den See, der schon von seinem Ruf lebte, als die Wittelsbacher in Tegernsee zur Jagd anreisten, retten soll, muss man ihn verlassen. Hinter Gmund nimmt man die Straße Richtung Waakirchen und dann die Abzweigung nach Marienstein. Nur teure oder recht klapprige Autos sind hierher unterwegs. Das ehemalige Bergarbeiterdorf Marienstein, in dem 1961 die letzte Schicht gefahren wurde, ist für die einen Endstation, für die anderen geht es einem diskreten Schild folgend weiter durch den Wald bis zu einem Anwesen, von so kühl eleganter Zurückhaltung, dass neugierige Besucher gar nicht erst von der Security nach ihrem Anliegen befragt werden müssen, um sich fehl am Platz zu fühlen: Willkommen im „Lanserhof“.

          Mag der alte Tegernsee für seine Gäste außer Angeben noch Überraschungen, die Nähe zum Volk und einen Vollrausch parat gehabt haben, der neue überlässt nichts mehr dem Zufall. Wer hier Ferien macht, hat genaue Vorstellungen und keine Zeit zu verschwenden. Also hinein in den Tunnel, der Bade- und Haupthaus der Luxusklinik verbindet und direkt zum Thema führt, dem modernen Sehnsuchtsort der Superreichen: ihrem Darm.

          Kuren für ermattete Reiche

          Der Tunnel ist leer bis auf „FX-Bademantel“ und mich. Ein endloser, mit edlen Lärchenhölzern ausgekleideter Schlauch, in dem man gedanklich ganz schön auf Abwege kommt, dann urplötzlich ein menschlicher Moment: Stachlige Waden und ein quarzgrauer Bademantel beugen sich zum Boden. FX-Bademantel prüft die Sockelleisten. Er ist Bauunternehmer aus Freilassing und zählt vermutlich zu den Milliardären, die laut Boulevardpresse im „Lanserhof“ „entspannen“. Ein lustiger Vogel, bereits seit einer Woche da und extrem zufrieden. Mit den Leisten, mit dem Leben. Fünf Kilo sind auch schon runter.

          Was im Haupthaus in Lans bei Innsbruck bereits seit einigen Jahren hervorragend funktioniert, lässt sich auch hier oben, versteckt im einstigen Landschaftsschutzgebiet, so gut an, dass man keine Verkaufsabteilung braucht: eine ultraschicke Kuranlage für Leute, die überzeugt davon sind, dass der Grund für ihre Ermüdung aus ihren Eingeweiden kommt und daher eine Darmsanierung nötig ist.

          Heilfasten de Luxe

          Während unten am See ein Hotel nach dem anderen schließt und nur die Deppen glauben, auf der Promenade Philipp Lahm, Manuel Neuer oder wenigstens die Giulia Siegel entdecken zu können, wird in Wahrheit hier oben entschieden, wer ganz allgemein im Land Spielführer ist.

          Der scheinbar bescheidene Auftritt im Hinterland ist perfekte Tarnung dieser Detox-Oligarchen, denn was will man ihnen vorwerfen? Es gibt ja nichts, keinen Brotkorb, keine aufgeschnittene Kiwi auf dem Zimmer, keinen warmen Sekt, keine Ausrutscher, keine Farben, kein Dauergedudel, nur altes Brot und Tee.

          Praktiziert wird, was für den Amateur nach Pornographie oder Anabolika klingt: die F.-X.-Mayr- Kur. Früher als Milch-Semmel-Kur bekannt, kann man auch im Bayerischen Wald nach ihr heilfasten, aber dreimal so viel Geld für genauso altes Brot wirft man im „Lanserhof“ zum Fenster hinaus ins frisch angesäte Gras.

          Von Kautrainer und Basentee

          Später beim Abendessen scherzt FX-Bademantel im Vorbeigehen: „Gleich gibt’s Schnitzel.“ Ich kann nicht antworten, da ich einen „Kautrainer“ (alte Semmel) einspeichle, und winke ihm nur aufmunternd zu. Außerdem kann ich nicht richtig mitreden. Ich bin nur kurz da und werde gleich heimlich eine Tafel Espresso-Schokolade essen, während auf ihn eine Tasse Basentee und im Anschluss ein Bratschenkonzert wartet. Dann geht’s „zurück in die Zelle, hahahaha . . . halt wie beim Uli, ohne Alkohol, ohne Susi, ohne Fun, nur a bisserl anderes Ambiente“.

          Noch später, während der Mond auf die schwarzen Wälder scheint, gehe ich eine Runde spazieren. Die Luft ist kalt, die Erde riecht, sicher treiben sich Füchse und Hasen herum. Als ich zurückgehe, ist das Hotel versperrt, halb elf, alle schlafen. „21 000 Quadratmeter Revitalisierung“: zu. Nur im Müllraum finde ich schließlich eine Tür, die offen ist, und komme ungestört ins Hotel. Nicht auszudenken, welches Sicherheitskonzept gerade nicht funktioniert hat. Ich hätte theoretisch Susanne Klatten entführen können!

          Der See und seine vielen Gesichter

          Anzeichen für den Städter, auf dem Land zu sein: ein Kieswerk, ein Sägewerk, festlich erleuchtete Tankstellen, nasse Wolken, die über den Bäumen hängen, in jedem Wertstoffhof der Verdacht auf eine Leiche.

          Anzeichen dafür, am Tegernsee zu sein: der Sansibar-Store Rottach-Egern (ein Ableger aus Sylt), die Jazzlounge in der Event-Arena ebenfalls Rottach, das verwaiste Jod-und-Schwefel-Bad in Bad Wiessee, die Mercedes-Dichte auf dem Schülerparkplatz des Gymnasiums Tegernsee, die Gerüchte über die Tiefgarage von Uli Hoeneß, in der angeblich der ganze FC Bayern parken kann, überall: rote Cordhosen.

          Wobei an einem anderen Tag, wenn der See in der Sonne eisig glitzert wie ein Diamant, eingefasst in waldige Höhen, alles wieder anders aussieht. Ich darf mir ein sehr teures, blankpoliertes Mountainbike leihen. Der See liegt da wie Spielzeug mit seinem Kloster, den Biergärten, der Eisenbahn, tiefblau und ganz schön klein gemessen an den Geschichten über den mondänen Kurort, die plötzlich etwas aufgeblasen wirken.

          Bekannt und unbekannt zugleich

          Es gibt kaum einen anderen Ort in Deutschland, über den jeder denkt, schon alles zu wissen. Niemand hat es sich entgehen lassen, Uli Hoeneß, der nur ein paar Kilometer südlich von hier wohnte, „Vater Teresa vom Tegernsee“ zu nennen, weil es im Moment kein besseres Synonym für reiche Abzocker zu geben scheint als den Tegernsee. Denn wer verachtet nicht, wofür der See steht: den Protz, die Bausünden, den Jodelstil. Dafür kann der See aber nichts.

          An diesem Morgen rollt er in munteren kleinen Wellen so frisch und klar ans Ufer, dass das leichte Kopfweh schnell verfliegt. Der Fischer bringt Kaffee. Seine Leute bauen den Grill auf. Reservierungen werden keine mehr angenommen. Das „Fischerei-Bistro“, eine Art Ableger der berühmten Fischerei im Wiesseer Ortsteil Abwinkl ist jetzt schon die Topadresse der Saison. Weil die Saiblinge aus sind, müssen wir hinein ins Boot und hinüber nach Tegernsee. Wie der junge Fischer, Chef des Bistros und Schulabbrecher, Christoph von Preysing, breitbeinig im T-Shirt den See stehend überquert, als wäre Hinsetzen etwas für Loser, sieht er fast so aus, als stünde er auf den eisgrauen Wellen. Egal, dass er ein albernes Glitzer-T-Shirt trägt, auf dem „Bunga Bunga rules“ und „Mei Liebba“ steht. Endlich ist es da, das versprochene Syltfeeling, und aus Wasser, Mann und Fisch wird für einen herrlichen Moment eine Einheit, ein Versprechen von schlichter Zuversicht, dass die Zukunft eine gute sein wird.

          Lehrstunde in Botanik

          Auf Vorschlag von Thomas Mandl, dem einzigen Tegernseer, der als „Sozi“ im Kreisrat sitzt, nehmen wir am Nachmittag den „Winterweg“ auf die Neureuth. Mit jedem Schritt über die matschige Erde nach oben auf den Tegernseer Hausberg werden die Alpenchalets und Seniorenresidenzen kleiner, bis sie kaum noch zu erkennen sind. Hat man den steilen Anstieg durch den Wald hinter sich und tritt durch hartnäckige Schneeflecken aus dem Schatten in die Sonne, blühen, was man auf einmal unbedingt wissen will und später googeln wird: Himmelschlüssel, Silberwurz und Leimkraut.

          Dann hebt sich der Blick, und neue Berge und Fragen tauchen auf. Der SPD-Mann zählt die Namen der Berge auf, die man, aus München kommend, seit der Kindheit kennt, die Blauberge, den Fockenstein, den Wendelstein, das Karwendelgebirge, und dann schweigen wir ein bisschen. Das würde man gerne länger tun. Und dann vielleicht mal wieder „Servus“ sagen oder „Grüß Gott“, ganz ohne Ironie und ohne Hintergedanken, einfach, weil man in Bayern geboren ist, einfach ins Blaue hinein, das hier blauer ist als anderswo. Für eine kurze Zeit gelingt es sogar. Der Himmel wird weit, und die Sonne scheint zwischen die Gedanken. Doch dann schieben sich wieder die dreißig spanischen Krankenschwestern aus dem „Medical Park“ in Bad Wiessee dazwischen, die schwer Anschluss finden, denen höchstens mal ein Mann nachpfeift, aber niemand eine Wohnung vermieten möchte, die Pläne der Ernst Tengelmann GmbH für ein „Almdorf“, was auch immer das sein soll, das Wissen, dass Tourismus nie unschuldig ist.

          Gast ist nicht gleich Gast

          Wir reden über die Gastfreundschaft, die selektiv ist. „Willkommen ist nur, wer 150 Euro am Tag liegen lässt. Eine normale Familie kann es sich nicht mehr leisten, hier Ferien zu machen. Und die Einheimischen ziehen weg, weil es kaum Wohnungen gibt, und wenn es welche gibt, die Miete zu hoch ist. Tegernsee hat 600 Betten verloren, und alle tun so, als wäre es ein Marketingproblem, meiner Meinung aber ist es ein strukturelles.“ Warum die Menschen die Natur kaputtmachen, obwohl sie auf sie angewiesen sind? Mandl zitiert Hannah Arendt („gebrauchen statt verbrauchen“), Immanuel Kant („Das radikal Böse“) und Karl Valentin („Jedes Ding hat drei Seiten“).

          So fein und blau liegt der See weit unter uns, dass man eigentlich auch gerne investieren möchte. Mandl hat eine Idee. Oben auf der Alm empfiehlt er den Käsekuchen.

          Der Weg zum Tegernsee

          Anreise Am besten ab München mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB). Für 16 Euro ist man in knapp einer Stunde am Tegernsee.

          Übernachtung Im „Lanserhof Tegernsee“ bei Marienstein kostet die Nacht im Doppelzimmer ab 300 Euro pro Person. Ein „Lans Med Kennenlern-Wochenende“ (inklusive eines ärztlichen Beratungsgesprächs, einer Tiefenmassage und eines Salzbads) kostet ab 797 Euro pro Person für zwei Nächte. Eine Woche „Lans Med Basic“ exklusive Unterkunft kostet ab 1410 Euro. Informationen zu einzelnen Behandlungen und weiteren Specials unter www.lanserhof.com

          Essen Zum Beispiel in der Fischerei Tegernsee in Bad Wiessee: www.fischerei-tegernsee.com/bistro.html Weitere Informationen unter www.tegernsee.com Diese Reise wurde unterstützt vom „Lanserhof Tegernsee“.

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