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Tegernsee : Das Ursprüngliche wiederentdecken

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Heilfasten de Luxe

Während unten am See ein Hotel nach dem anderen schließt und nur die Deppen glauben, auf der Promenade Philipp Lahm, Manuel Neuer oder wenigstens die Giulia Siegel entdecken zu können, wird in Wahrheit hier oben entschieden, wer ganz allgemein im Land Spielführer ist.

Der scheinbar bescheidene Auftritt im Hinterland ist perfekte Tarnung dieser Detox-Oligarchen, denn was will man ihnen vorwerfen? Es gibt ja nichts, keinen Brotkorb, keine aufgeschnittene Kiwi auf dem Zimmer, keinen warmen Sekt, keine Ausrutscher, keine Farben, kein Dauergedudel, nur altes Brot und Tee.

Praktiziert wird, was für den Amateur nach Pornographie oder Anabolika klingt: die F.-X.-Mayr- Kur. Früher als Milch-Semmel-Kur bekannt, kann man auch im Bayerischen Wald nach ihr heilfasten, aber dreimal so viel Geld für genauso altes Brot wirft man im „Lanserhof“ zum Fenster hinaus ins frisch angesäte Gras.

Von Kautrainer und Basentee

Später beim Abendessen scherzt FX-Bademantel im Vorbeigehen: „Gleich gibt’s Schnitzel.“ Ich kann nicht antworten, da ich einen „Kautrainer“ (alte Semmel) einspeichle, und winke ihm nur aufmunternd zu. Außerdem kann ich nicht richtig mitreden. Ich bin nur kurz da und werde gleich heimlich eine Tafel Espresso-Schokolade essen, während auf ihn eine Tasse Basentee und im Anschluss ein Bratschenkonzert wartet. Dann geht’s „zurück in die Zelle, hahahaha . . . halt wie beim Uli, ohne Alkohol, ohne Susi, ohne Fun, nur a bisserl anderes Ambiente“.

Noch später, während der Mond auf die schwarzen Wälder scheint, gehe ich eine Runde spazieren. Die Luft ist kalt, die Erde riecht, sicher treiben sich Füchse und Hasen herum. Als ich zurückgehe, ist das Hotel versperrt, halb elf, alle schlafen. „21 000 Quadratmeter Revitalisierung“: zu. Nur im Müllraum finde ich schließlich eine Tür, die offen ist, und komme ungestört ins Hotel. Nicht auszudenken, welches Sicherheitskonzept gerade nicht funktioniert hat. Ich hätte theoretisch Susanne Klatten entführen können!

Der See und seine vielen Gesichter

Anzeichen für den Städter, auf dem Land zu sein: ein Kieswerk, ein Sägewerk, festlich erleuchtete Tankstellen, nasse Wolken, die über den Bäumen hängen, in jedem Wertstoffhof der Verdacht auf eine Leiche.

Anzeichen dafür, am Tegernsee zu sein: der Sansibar-Store Rottach-Egern (ein Ableger aus Sylt), die Jazzlounge in der Event-Arena ebenfalls Rottach, das verwaiste Jod-und-Schwefel-Bad in Bad Wiessee, die Mercedes-Dichte auf dem Schülerparkplatz des Gymnasiums Tegernsee, die Gerüchte über die Tiefgarage von Uli Hoeneß, in der angeblich der ganze FC Bayern parken kann, überall: rote Cordhosen.

Wobei an einem anderen Tag, wenn der See in der Sonne eisig glitzert wie ein Diamant, eingefasst in waldige Höhen, alles wieder anders aussieht. Ich darf mir ein sehr teures, blankpoliertes Mountainbike leihen. Der See liegt da wie Spielzeug mit seinem Kloster, den Biergärten, der Eisenbahn, tiefblau und ganz schön klein gemessen an den Geschichten über den mondänen Kurort, die plötzlich etwas aufgeblasen wirken.

Bekannt und unbekannt zugleich

Es gibt kaum einen anderen Ort in Deutschland, über den jeder denkt, schon alles zu wissen. Niemand hat es sich entgehen lassen, Uli Hoeneß, der nur ein paar Kilometer südlich von hier wohnte, „Vater Teresa vom Tegernsee“ zu nennen, weil es im Moment kein besseres Synonym für reiche Abzocker zu geben scheint als den Tegernsee. Denn wer verachtet nicht, wofür der See steht: den Protz, die Bausünden, den Jodelstil. Dafür kann der See aber nichts.

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