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Salomonen-Inseln : Tauchen zwischen Weltkriegs-Wracks

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Der Maschinenblock eines japanischen Transportsschiffs. Der Kapitän hat es nach einem amerikanischem Bombardement auf Sand gesetzt, um wenigsten die Mannschaft zu retten. Bild: Adam Beard

Auf den Salomonen tobten einst die verlustreichsten Schlachten des Pazifikkrieges. Was davon übrig blieb, liegt auf dem Grund des Stillen Ozeans, erobert von Korallen. Für Touristen Grund genug, bis ans Ende der Welt zu reisen.

          Die Fenster des Cockpits sind zerborsten, der Lichtkegel der Lampe schweift über ein verkrustetes Lenkrad, einen Gashebel, durch Wolken von Glasfischen, über rostige Sitze, gepolstert mit roten Schwämmen. Auf dem Armaturenbrett liegt ein blauer Seestern wie ein Stofftier – oder wie der Talisman des japanischen Piloten, der hier einst saß und Patrouille flog in seiner Kawanishi H6K. Sie war das größte Wasserflugzeug der kaiserlichen Luftflotte, 40 Meter breit spannten sich ihre Flügel. Jetzt liegt sie auf dem Grund des Pazifiks, den Bauch aufgerissen, einen Flügel abgebrochen. Aus einem Propeller wuchert ein Vasenschwamm, vom Seitenruder am Heck quellen Weichkorallen wie wilder Wein von einer Pergola. Und im Innern sieht man noch die Schüssel der Bordtoilette.

          Für diesen Schrottplatz kommen die Leute von weit her

          „Nicht übel, oder?“, sagt Adam Beard nach dem Auftauchen und grinst. Der 31-jährige Brite sieht aus wie Mats Hummels, nur gebräunter und entspannter. Zusammen mit seiner Frau leitet er die „Taka“, eines von zwei Tauchbooten, die durch die Salomonen kreuzen. Eine nicht unbedingt günstige Art der Ferien, aber etwas Einzigartiges. Um Wracks zu sehen, fliegen fast alle von Beards Gästen um die halbe Welt.

          Die meisten Nichttaucher haben wahrscheinlich noch nie von den Salomonen gehört, diesen rund 1000 Inseln, die sich östlich von Papua in einem 1600 Kilometer langen Bogen in die Südsee strecken. Doch in diesem Archipel tobte 1942 um die Hauptinsel Guadalcanal eine der entscheidenden Schlachten des Pazifikkriegs. Die Vereinigten Staaten schickten 19.000 Marines, um ein strategisch wichtiges Flugfeld zu erobern, die Japaner hielten mit der ganzen Macht ihrer kaiserlichen Flotte dagegen. Sechs Monate dauerten die Kämpfe im Dschungel, zur See und in der Luft. 53 Schiffe und 900 Flugzeuge fanden Forscher bisher am Grund der Meeresstraße vor Guadalcanal, daher ihr heutiger Name: Iron Bottom Sound, Eisensund.

          Ein Bild von einer unbewohnten Südseeinsel.

          „Die meisten Wracks liegen Hunderte Meter tief“, sagt Beard, unerreichbar für Sporttaucher. Zu anderen dagegen kann man schnorcheln. So wie zum White Beach, dem ersten Stopp der Tauchsafari. In einer Tiefe von fünf bis fünfzehn Metern zeigt Beard den durchlöcherten Lauf eines Maschinengewehrs, dann deutet er auf einen unförmigen Haufen und dreht ein imaginäres Lenkrad. Ah, ein umgekippter Lastwagen. Und die lange Metallkapsel? Beard öffnet mit beiden Händen ihren Bauch. Verstehe, die Granate eines Bombers.

          „Die Amerikaner hatten hier ein Camp“, erklärt er später, „am Ende des Kriegs kippten sie Tausende Tonnen Munition ins Meer, Geländewagen und Trucks schoben sie von Pontons hinterher. All den Kriegskrempel zurückzubringen war zu teuer.“

          Die Ersten, die in den 1960er Jahren hier tauchten, waren junge Australier. Sie bargen die Messinghüllen der Munition und verkauften sie. Bis heute holen Fischer Granaten aus dem seichten Meer hoch, öffnen sie und schütteln das Schwarzpulver raus. „Das ist ihr Feuerwerk“, sagt Beard.

          Eines der vielen Flugzeugwracks am Grund der Salomonensee.

          Zwischen all dem Schrott blüht freilich längst frisches Leben. An den verrosteten Säulen des Stegs leuchten Weichkorallen wie Neon-Brokkoli, in einer Gorgonie versteckt sich ein rosafarbenes Pygmäenseepferdchen. Und zwischen den Mangrovenwurzeln lauert ein Schützenfisch, der Insekten mit einem Wasserstrahl abschießt. Er ist einer der Lieblinge von Carmen Toanchina. Die 36-Jährige ist Fischexpertin, Beards Ehefrau und sieht aus wie Shakira, nur natürlicher. Jeden Morgen stellt sie einen neuen, meist superseltenen Fisch vor, auf den man achten soll. Und abends halten sie und ihr Mann abwechselnd Vorträge über Unterwasserfotografie oder die neun Arten von Anemonenfischen auf den Salomonen. Denn auf dem Archipel gibt es viel mehr zu sehen als rostigen Stahl. Auch über Wasser.

          Die „Taka“ tuckert durch ein Labyrinth von Inselchen, manche hügelig, manche flach, aber allesamt von üppigem Regenwald bedeckt. Jungs paddeln in Einbäumen am Ufer entlang und winken, über ihnen segeln Fregattvögel vor Quellwolken. Manchmal surfen Delfine die Bugwelle, drehen Pirouetten, springen übereinander hinweg. Die meisten Gäste bekommen davon wenig mit. In den kurzen Pausen zwischen den Tauchgängen sitzen sie im klimatisierten Speisesaal, sichten ihre Fotos oder studieren Fischbücher. Wohl auch, weil das Oberdeck den Charme eines Hinterhofs hat, mit Mülltonnen und Schläuchen, Kanistern und Besen. Nur die Hängematten vorne verbreiten Urlaubsflair.

          Kinder bestaunen die Besucher ihres Hausriffs.

          Bisher sind nur zwei Tauchschiffe im Archipel unterwegs: die „Bilikiki“, der Platzhirsch seit 25 Jahren. Und die „Taka“. Viel mehr würden es einstweilen auch nicht, sagt Beard. Denn Reisen über die Salomonen sind teuer und schwierig zu organisieren. Und der Bürgerkrieg von 1998 bis 2003, heute euphemistisch the tensions genannt, würgte den zarten Tourismus ab. Milizen verschiedener Ethnien bekämpften sich, der Staat brach zusammen. Am Ende hat Australien eingegriffen, an der Spitze einer Koalition von 15 Pazifikstaaten. Als die Interventionstruppe in Honiara landete, endeten die Kämpfe über Nacht.

          Heute, zwei Jahre nach dem Abzug der Soldaten, ist die Lage ruhig. Parlament und Polizei haben wieder die Kontrolle, auf der Hauptstraße Honiaras drängt sich der Verkehr, Passanten wuseln vor bunt gestrichenen Betonbauten. Viele der Läden gehören Chinesen, sie investieren stark im Inselstaat – was die Salomoner argwöhnisch beobachten.

          Eine Gestreifte Papierblasenschnecke

          Um sich Einfluss zu sichern, stach Australien gerade Huawei aus und verlegt nun das Unterwasserkabel für schnelles Internet. „Eine neue Schlacht um Guadalcanal“, titelte die „New York Times“, „diesmal gegen China.“

          Für Urlauber, die morgens auf dem Tauchschiff vor einem entlegenen Inselchen aufwachen, ist all das weit weg. Großblättrige Bäume hängen über eine Felswand bis ins türkisfarbene Meer hinab, in den Wipfeln flattern feuerrote Kardinalloris umher. „Willkommen im Hartkorallenwunderland“, sagt Beard vor dem Tauchgang in Mblow Mblow und verspricht nicht zu viel.

          Man sinkt hinab in ein kunterbuntes Elbsandsteingebirge, schwimmt durch mehrstöckige Riesenpilze und trampolingroße Tische, Salatfelder und Dornendickichte, Termitenhügel und Kakteen. Darüber tanzen Lichtwellen, schwirren Rifffische. Und hebt man ab und an den Kopf, sieht man draußen im Blau Riffhaie patrouillieren, einen Schwarm silbern glänzender Barrakudas vorbeiziehen oder einen Teufelsrochen davonfliegen.

          So muss die Welt unter Wasser ausgesehen haben, wie Jacques Cousteau sie vorfand. Keine ausgebleichten Korallenskelette, keine Krater vom Dynamitfischen. Zu verdanken ist das Männern wie Raymond Vala. Der kleine Mann mit dem weißen Kraushaar und dem Vollbart, 67 Jahre alt, ist Chief des Dorfs Karamulon. Und Besitzer des vorgelagerten Riffs. „Als wir um die Insel immer weniger fingen, stoppten wir das Fischen hier“, erzählt er. Für den Schutz des Riffs kassiert er nun eine Gebühr von jedem Tauchboot, das hier ankert – so wie die Besitzer jedes Tauchspots auf den Salomonen.

          Touristen bringen mehr als die Dynamitfischerei

          Über weiße Sandwege führt Vala vorbei an Stelzenhütten aus geflochtenen Palmblättern, in Riesenmuscheln wachsen Blumen. Ein Südsee-Idyll, zu dem natürlich auch Mädchen in Baströcken und Perlenketten gehören. Auf dem Dorfplatz warten sie schon und hängen den Gästen Blumenketten um den Hals. Getanzt wird freilich auch. Junge Männer im Lendenschurz stampfen, singen und schlagen im Takt mit Beilen auf ihre Schilde, die Frauen tanzen mit Rasselketten an den Füßen und federgeschmückten Stäben in der Hand. Dazu blasen Musiker auf Bambus-Panflöten und schlagen mit Flipflops auf Plastikschläuche. Steeldrums auf Melanesisch. Unter den Bäumen klatschen dazu Kinder mit blonder Lockenmähne, und Mütterchen kauen versonnen ihre Betelnüsse.

          Winzige Schönheit: Pygmäenseepferdchen

          Vala lächelt, er ist zufrieden mit der Show. Stolz zeigt er die Kirche aus Sperrholzwänden und Wellblechdach und den Kindergarten: eine Tafel unterm Palmdach, wo die Kleinen Englisch und ihre Sprache Lawukalewe lernen. Mit dem Geld der Taucher bezahle er Schulgebühren für die Dorfkinder, sagt Vala, und die Kosten fürs Krankenhaus, wenn einer der 126 Bewohner krank wird. Den Rest spare er. „Wir wollen eine sehr große Kirche bauen.“

          Vielleicht auch, um für die Rettung vor dem Klimawandel zu beten. „Das Meer ist schon stark gestiegen“, sagt Vala, „bei Zyklonen schwappt es unter die Häuser.“ Noch schlimmer sei aber, dass Trawler das Meer leer fischen. „Wir müssen nun immer weiter rausfahren, um etwas zu fangen. Manchmal sind wir den ganzen Tag auf dem Meer.“

          Die Besuche der Tauchboote sind für die Insulaner eine seltene Gelegenheit, Geld zu verdienen. Und so hängt oft eine Flottille von Einbäumen am Heck, wenn das Beiboot abends zurück zur „Taka“ knattert. Auf der Badeplattform breiten die scheu lächelnden Lieferanten Kokosnüsse, Bananen, Tomaten und Süßkartoffeln aus, und die Crew kauft tüchtig ein. „Vom Erlös kaufen die Dörfler Smartphones und Tablets“, sagt Beard, „obwohl sie zu Hause nur Strom aus kleinen Solarpaneelen haben.“

          Die Welten berühren sich nur kurz, die „Taka“ schippert weiter, von Insel zu Insel. Ihre Gäste tauchen über Reihen von Gorgonien, die an Lawinenfangzäune erinnern, und sie tasten sich durch korallenüberwucherte Stahlsäulen in den Frachtraum eines Truppentransporters. Sie schwimmen in einen finsteren Felsspalt, wo Sonnenstrahlen auf dem weißen Sandboden tänzeln. Und sie schweben durchs weihevolle Halbdunkel riesiger Höhlen – einen Geheimspot, passenderweise Kathedrale genannt. An den Wänden hängen Schwämme wie Orgeln, durch Spalten blickt man wie durch Buntglasfenster ins leuchtende Blau, und am Ende wartet der Hochaltar: Man taucht in einem Tümpel inmitten der himmelhohen Säulen des Regenwalds auf. Moment, gibt es auf den Salomonen nicht Krokodile? „Klar“, sagt Beard. „Aber in 18 Monaten habe ich nur zwei gesehen.“ Und die haben fürs Foto stillgehalten.

          Der Weg Zu den Salomonen

          Anreise Von Deutschland aus fliegt man mit einem Zwischenstopp nach Brisbane in Australien (z. B. mit Qantas, Emirates, Etihad, etwa 1000 Euro) und von dort rund drei Stunden mit Solomon Airlines nach Honiara (500 Euro, flysolomons.com).

          Unterkunft Das „King Solomon Hotel“ ist in die Hügel am Rand von Honiara gebaut. Eine Schmalspurbahn führt hinauf zum Pool und zu den Bungalows mit großzügigen Zimmern (DZ inkl. Frühstück ab 980 Salomonen-Dollar, umgerechnet rund 109 Euro, kingsolomonhotel.info).

          Tauchen Master Liveaboards bietet die zehntägige Tauchsafari „Best of Solomons“ ohne Flüge ab 4355 Euro an (masterliveaboards.com).

          Der Veranstalter Tulagi Dive bringt Gäste zu den Wracks nahe Honiara. Zwei Tauchgänge kosten je nach Ziel zwischen 1100 und 1300 Salomonen-Dollar, umgerechnet 122 bis 144 Euro (tulagidive.com). In Honiara gibt es eine Dekompressionskammer.

          Weitere Informationen visitsolomons.com.sb

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