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Foto: Angelika Neuhofer

Abtauchen zu Ruinen

Von SEBASTIAN EDER
Foto: Angelika Neuhofer

26. August 2020 · Taucher müssen sich in diesem Sommer warm anziehen, denn der Urlaub in tropischen Gefilden ist unter Coronabedingungen schwierig bis unmöglich. Ganz einfach zu erreichen ist der Attersee in Österreich – und er stellt neben erfrischenden Temperaturen auch andere Überraschungen für Sporttaucher bereit.

Das heute alles etwas anders ist, merke ich spätestens, als ich zwei Atemregler in der Hand halte. In früheren Tauchurlauben wurde mir immer nur ein Atemregler ausgehändigt, der zwar aus zwei Schläuchen mit Mundstücken zum Atmen bestand – aber nur an einem Ventil an der Pressluftflasche angeschlossen wurde. Jetzt stehe ich am Rande des Attersees in Oberösterreich, habe die beiden Atemregler in der Hand und schaue mir die Pressluftflasche noch mal genauer an. Tatsächlich: Dort gibt es zwei Anschlüsse. Tauchlehrerin Sonja Brandmaier erklärt mir, was ich vor Jahren im Tauchkurs bestimmt schon mal gelernt habe: „In kaltem Wasser ist es besser, wenn der Reserveatemregler ein eigenes Ventil hat – falls der andere Atemregler vereist.“ Vereist. Dieses Wort kenne ich auch nicht aus den Tauch-Briefings in Costa Rica, Ägypten, auf Bali oder den Malediven. Dort ging es eher um Salzwasser, Sonnencreme und „sharks“. Sonnencreme brauche ich an diesem Hochsommertag nicht. Es soll später gewittern.

Idyllisch: Der Attersee in Oberösterreich
Idyllisch: Der Attersee in Oberösterreich Foto: Sebastian Eder

An uns rast ein Lastwagen vorbei, wir haben direkt an der Straße geparkt, die um den Attersee herumführt. Viel Platz ist nicht zwischen dem Ufer und den Bergen. Möglichst schnell zwänge ich mich in einen sieben Millimeter dicken Neoprenanzug. Tauchlehrerin Brandmaier steigt währenddessen entspannt in ihren Unterzieher, eine Art Ganzkörper-Fleece – darüber zieht sie einen Trockenanzug, der keinerlei Wasser an die Haut lässt. „So bleibt es schön warm“, sagt sie. „Im Winter ziehe ich darunter noch eine beheizte Weste.“ Dann spricht sie wieder über „Vereiser“: „Wenn das Wasser kälter als zehn Grad ist, kann es zu einem Vereiser kommen – und die Temperatur erreicht man hier schnell.“ Was bei einem Vereiser passiert? „Die Luft schießt unkontrolliert aus dem Atemregler. In dem Fall wechseln wir einfach auf das zweite Gerät – und drehen das erste Ventil zu.“

Wir laufen mit unserer Ausrüstung los, steigen über eine Treppe ins Wasser, dort trinke ich einen Schluck aus dem See – schließlich wurde mir Trinkwasserqualität angekündigt. Und im Roten Meer kann man vor dem Tauchen nicht einfach mal einen Schluck nehmen. Dort warten unter Wasser allerdings auch keine „Sprungschichten“. Diesen Begriff habe ich grade ebenfalls erst kennengelernt, er beschreibt folgendes Phänomen: Wasserschichten mit verschiedener Dichte mischen sich nur langsam, und weil die Dichte auch von der Temperatur abhängt, wird es im Attersee nicht langsam kälter, wenn man abtaucht – sondern sprunghaft. Diese Aussicht steigert meine Gelassenheit nicht. Gelassenheit ist beim Tauchen aber wichtig, weil sie das Gegenteil von Panik ist.

Abtauchen: Unter der Oberfläche wird es kalt.
Abtauchen: Unter der Oberfläche wird es kalt. Foto: Sebastian Eder

Als wir die Luft aus unseren Jackets lassen und langsam unter der Seeoberfläche verschwinden, bemerke ich das nächste Problem: Meine Maske ist undicht, in sie strömt langsam Wasser. Kaltes Wasser. Ich versuche es zu ignorieren und sinke in die Dunkelheit, Tauchlehrerin Brandmaier ist an meiner Seite. Trotzdem steigt leichte Panik in mir auf, als wir die erste Sprungschicht erreichen, ich kaum etwas sehe und mir wegen des kalten Wassers kurz der Atem stockt. Aber dann erreichen wir unser erstes Ziel – und ich finde zur Ruhe. Wir sind an einem Haus aus Holzpfählen angekommen, dem „Pfahlbauhaus“, das 2018 im Attersee als Tauchattraktion versenkt wurde. Es steht symbolisch für 111 archäologische Fundstellen, die rund um die Alpen das Unesco-Welterbe Prähistorische Pfahlbauten bilden. Im Attersee wurden drei dieser Pfahlbau-Siedlungen gefunden, sie dürfen allerdings nicht betaucht werden, weil sie zu empfindlich sind. Deswegen gibt es drei künstliche Stationen, an denen sich Taucher über die Geschichte der bis zu 6000 Jahre alten Dorfruinen informieren können. An dem Pfahlbauhaus, das wir gerade erreicht haben, hängen Informationstafeln. Für mich ist das perfekt: Ich kann mich sammeln, irgendwann bin ich so ruhig, dass ich das Wasser aus meiner Maske pusten kann – und weil der Druck in zehn Meter Tiefe höher ist, wird sie danach so fest an mein Gesicht gepresst, dass kein Wasser mehr hineinströmt.

Taucher im Attersee: Man muss fokussiert sein, um einen Fisch zu entdecken.
Taucher im Attersee: Man muss fokussiert sein, um einen Fisch zu entdecken. Foto: Angelika Neuhofer

Ich sehe wieder etwas, wir tauchen weiter und ich freue mich fast schon auf noch kälteres Wasser: Das kann doch nicht alles gewesen sein! Leider war das tatsächlich nicht alles, die nächste Sprungschicht trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Die Kälte schmerzt, es fühlt sich an wie in den kalten Becken, in die man nach dem Saunagang steigt. Nur verlässt man die nach ein paar Sekunden wieder. Ich kriege Kopfweh. Zum Glück tauchen wir langsam wieder Richtung Wasseroberfläche – sprungartig wird es wärmer. Wir halten noch kurz an einer umgedrehten Badewanne, in der eine Luftblase zulässt, dass man sich unter Wasser unterhält. Dann tauchen wir an zwei Kreuzen vorbei, die an außerhalb des Wassers verunglückte Taucher erinnern – und kommen wieder an der warmen Oberfläche an.

Fast wie im Meer: Auch ein Wrack können Taucher im Attersee bewundern.
Fast wie im Meer: Auch ein Wrack können Taucher im Attersee bewundern. Foto: Angelika Neuhofer

Wenig später sitze ich zusammen mit Michaela und Thomas Lenz an der Basis der Tauchschule „Underpressure“. Das Ehepaar war gemeinsam mit mir tauchen. Sie kommen aus Voralberg, eigentlich wollten sie in diesem Urlaub mit ihren beiden Söhnen nach Dubai und Ko Samui fliegen – auf der Insel wollten die Kinder ihren Tauchschein machen. „Das ist coronabedingt ins Wasser gefallen“, sagt Thomas Lenz. „Die Jungs wollten aber unbedingt tauchen lernen, deswegen haben wir nach einer guten Tauchschule in Österreich gesucht – so sind wir hier gelandet.“ Er und seine Frau waren vor diesem Urlaub mehr als zehn Jahre lang nicht mehr tauchen. „Jetzt haben wir es mal wieder versucht – und sind begeistert“, sagt Michaela Lenz. „Vor allem bin ich aber von der Tauchschule begeistert. Hier sind meine Kinder in guten Händen.“ Über dieses Lob freut sich Nadine Bockmüller. Sie leitet das Tauchzentrum „Underpressure“ zusammen mit ihrem Mann. „Zu uns kommen in diesem Jahr wegen Corona viele Taucher, die sonst auf die Malediven oder nach Ägypten fliegen“, sagt sie. „Manche sind erst mal enttäuscht, weil es kalt ist und es keine bunten Fische gibt. Aber am Ende haben sie meistens ihren Spaß. Man muss sich langsam rantasten an die Kälte.“ Sie selbst ist eingefleischte Kaltwassertaucherin: „Man taucht hier viel fokussierter, um einen Fisch zu sehen. Und dann ist die Freude umso größer.“ Außerdem sei es ein ganz neues Erlebnis, in einem Trockenanzug zu tauchen. „Das kann man bei uns an einem Tag lernen. Es eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Am besten ist es hier nämlich im Winter, weil das Wasser da ganz klar und die Sicht sehr gut ist.“ Bei vier bis fünf Grad kaltem Wasser wachsen kaum noch Algen.

Sprunghaftes Abtauchen: Im Attersee wartet ein Pfahlbauwald darauf, von Sporttauchern erkundet zu werden.
Sprunghaftes Abtauchen: Im Attersee wartet ein Pfahlbauwald darauf, von Sporttauchern erkundet zu werden. Foto: Angelika Neuhofer

Auch wenn mittlerweile wieder viele Gäste ins „Underpressure“ kommen, der Start ins Jahr war nicht leicht. Vom 16. März an musste der Betrieb wegen Corona vier Wochen schließen, danach herrschten noch zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen in Österreich, richtig los ging es erst wieder am 1. Mai. „Am Anfang waren die Gäste noch sehr vorsichtig und wollten wissen, wie das mit dem Desinfizieren des Leihmaterials funktioniert“, sagt Bockmüller. „Wir haben eine Desinfektionsstraße eingerichtet. Vorher wurden vor allem die Atemregler desinfiziert, jetzt desinfizieren wir alles, vom Neoprenanzug bis zu den Flossen.“ Ob es Gäste gab, die wegen möglicher Corona-Lungenschäden Angst vor dem Tauchen hatten? „Nein, und die müssten im Zweifel eben einen Arzt fragen“, sagt Bockmüller. „Ich kenne Leute, die hatten Corona und sind danach zum Lungenfacharzt gegangen. Die konnten problemlos wieder tauchen.“

Und es gibt sie doch: Fische im Attersee
Und es gibt sie doch: Fische im Attersee Foto: Angelika Neuhofer

Die meisten Taucher, die aus dem Ausland an den Attersee kommen, sind aus Deutschland, der Tschechischen Republik und Polen. Viele brauchen kein Leihmaterial von einer Tauchbasis, sondern bringen sogar ihre Pressluftflaschen selbst mit. Auffüllen lassen können sie die zum Beispiel im Hinterhof der „Pension zur Nixe“, die von Günter Oberschmid geleitet wird. Er taucht hier schon seit Anfang der neunziger Jahre, heute ist er Vorsitzender des Tauchkompetenzzentrums Attersee, in dem 40 Betriebe organisiert sind, die sich um Tauchtouristen bemühen. Das Zentrum wurde 2006 gegründet, weil Infrastruktur für Taucher fehlte. Oberschmid sagt: „Es gab keinerlei Einstiegshilfen am Ufer, man musste immer mit der ganzen Ausrüstung über die Steine robben.“ Heute gibt es 21 offizielle Taucheinstiegsstellen, die mit Hilfe eines Katalogs oder der Website atterseediving.com einfach zu finden sind.

Warm eingepackt: Ein Taucher im Attersee
Warm eingepackt: Ein Taucher im Attersee Foto: Angelika Neuhofer

Auch die Pfahlbau-Stationen hat das Kompetenzzentrum installiert. „Wir wollten Attraktionen unter Wasser schaffen, das ist gut angekommen“, sagt Oberschmid. Ein anderes Ziel, das er und seine Kollegen lange verfolgt haben, war es, die Tourismussaison zu verlängern. „Badegäste kommen hier sechs oder sieben Wochen im Jahr hin, dann wird der See zu kalt. Aber die Taucher kommen das ganze Jahr lang, seit es relativ günstige Trockenanzüge gibt. Außerhalb der Hauptsaison ist die Sicht im Wasser besser – und es gibt genügend Parkplätze am Ufer.“ In Österreich kostet die „Dive Card“, mit der man das ganze Jahr in jedem öffentlichen Gewässer tauchen darf, 18 Euro.

Oberschmid erinnert sich gut an Zeiten, als Trockenanzüge noch kein Standard waren. „Ich habe meine Tauchprüfung im Januar im Neoprenanzug gemacht, Außentemperatur minus 15 Grad. Da gab es noch nichts anderes. Dann hat man halt nicht drei Tauchgänge am Tag gemacht, sondern zwei.“ Was am Tauchen im See Spaß macht? „Man entflieht der Hektik, hat seine Ruhe und ist im Schwebezustand. Aus Deutschland ist man schnell hier. Und nach dem Tauchen kann man Kulturprogramm machen, das geht auf den Malediven nicht.“ Ob das Tauchen im See gefährlicher als im warmen Wasser ist? „Nein. Es gab hier tödliche Unfälle. Aber das waren meistens Taucher, die sich nicht an die Regeln gehalten haben.“ Eigentlich sollte jeder Taucher wissen, dass die Grenze des Sporttauchens bei 40 Metern liegt, ab 50 Metern unter der Oberfläche droht eine Sauerstoff-Vergiftung. „Wenn man als Sporttaucher trotzdem auf 60, 70, oder 80 Meter geht, ist das extrem gefährlich“, sagt Oberschmid. „Wenn dann etwas passiert, ist nicht der See schuld.“ Den technischen Tauchern, die mit speziellem Gerät tiefer tauchen, passiere fast nie etwas. „Die kennen sich aus.“ 2005 tauchte ein ehemaliger Berufssoldat im Attersee 165 Meter tief. Auf dem Weg an die Oberfläche legte er 34 Dekompressionsstopps ein.

Vor zwei Jahren wurde dieses Pfahlbauhaus zur Freude der Sporttaucher im Attersee versenkt. Wo die echten Ruinen genau liegen, wird nicht kommuniziert, um sie vor Zerstörung zu schützen.
Vor zwei Jahren wurde dieses Pfahlbauhaus zur Freude der Sporttaucher im Attersee versenkt. Wo die echten Ruinen genau liegen, wird nicht kommuniziert, um sie vor Zerstörung zu schützen. Foto: Johanna Kiebler

Solche Ambitionen hat Sonja Brandmaier nicht – aber auch sie taucht am liebsten im kalten Wasser. Bevor sie Tauchlehrerin am Attersee wurde, arbeitete sie vier Monate in Ägypten in einer Tauchschule. „Das hat mir nicht so gefallen. Dort hat man sehr große Gruppen, es ist stressiger. Der See ist für mich perfekt, das ist meine Heimat. Man muss einfach nur gut isoliert sein.“ Womit wir wieder bei mir wären: Ich bin nämlich überhaupt nicht isoliert. In der Hand habe ich ein paar Stunden nach dem ersten Tauchgang wieder keinen Trockenanzug, sondern den – noch nassen – Neoprenanzug. Beim Mittagessen war mir so kalt, dass ich von der Veranda in den Innenbereich des Fischrestaurants wechseln musste, das direkt neben der „Underpressure“-Tauchbasis liegt. Es fühlte sich an, als sei die Kälte in jeden Winkel meines Körpers vorgedrungen und hätte sich dort festgesetzt. Erst das warme Essen konnte sie vertreiben. Jetzt geht es schon wieder ins Wasser. Sonja Brandmaier sagt: „Wir fahren aber nicht weit weg, falls das Gewitter doch noch kommt.“

Es gibt am Attersee 21 offizielle Taucheinstiegsstellen, die mit Hilfe eines Katalogs einfach zu finden sind.
Es gibt am Attersee 21 offizielle Taucheinstiegsstellen, die mit Hilfe eines Katalogs einfach zu finden sind. Foto: Sebastian Eder

Wenig später stehen wir wieder an ihrem Auto neben der Straße und ich zwänge mich in den Neoprenanzug. Müssen wir uns wegen des Gewitters Sorgen machen? „Nein, wenn es kommt, leuchten Lichter am Rand des Sees“, sagt Brandmaier. „Man kann von jeder Stelle am Ufer aus mindestens zwei sehen. Und wenn die Warnlichter nicht leuchten, können wir ohne Probleme 40 Minuten tauchen.“ Was uns unter Wasser erwartet? „Hier gibt ein großes Seegrasfeld“, sagt Brandmaier und strahlt. Ich kannte Seegras bisher eher als Argument, nicht in einen See zu gehen, aber gut.

Wir stapfen ins Wasser, tauchen ab – und ich mache eine unerwartete Erfahrung: Mir ist nicht mehr so kalt. Offenbar habe ich mich schon ein bisschen an die Temperaturen gewöhnt. Und wenn mir doch kurz kalt wird, steige ich einfach ein bis zwei Meter höher, akklimatisiere mich und versuche es noch mal. Irgendwann genieße ich es tatsächlich, einfach schwerelos durchs Wasser zu gleiten, ohne immer auf der Suche nach dem nächsten bunten Fisch zu sein. Und kurz vor dem Auftauchen entdecke ich etwas. Es ist grau, kommt auf mich zu und wird immer größer: ein Hecht. Auch schön. Vielleicht passt dieses entschleunigte Tauchen zum Zeitgeist, denke ich. Immerhin muss man vorher nicht ins Flugzeug steigen, den Klimawandel befeuern, und so dazu beitragen, dass irgendwann auch die letzte Koralle vom aufgeheizten Wasser zerstört wird. Im Attersee könnte das Wasser für meinen Geschmack allerdings ruhig etwas wärmer sein. Andererseits: Das nächste Mal kann ich ja das Tauchen im Trockenanzug lernen. Vielleicht im Winter, wenn die Sicht noch besser ist. Mit Heizweste.

Anreise
Den Attersee erreicht man gut mit dem Zug über Vöcklabruck.

Tauchen
Informationen zum Tauchen gibt es auf atterseediving.com, allgemeine Tipps auf attersee-attergau.at und alles zum Unesco-Welterbe Prähistorische Pfahlbauten auf pfahlbauten.at.

Übernachtung
Die Pension zur Nixe kann man unter nixe.at erreichen, das Tauchzentrum „Underpressure“ unter up-divecenter.at.

Tauchkarte
Mit der „Dive Card“ kann man das ganze Jahr in jedem öffentlichen Gewässer in Österreich tauchen, 18 Euro (arge-tauchen.at).

Weitere Informationen unter austria.info
Foto: Sebastian Eder

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 26.08.2020 08:06 Uhr