https://www.faz.net/-gxh-7m1em

Tansania : Mit Vollgas und Sam durchs Chaos

  • -Aktualisiert am

Mein Bajaji ist meine Burg: Sam vorne, Totenkopf hinten Bild: Sven Weniger

Daressalam lernt man am besten auf den drei Rädern eines Bajaji kennen. Im knatternden Taxi des kleinen Mannes wird die Fahrt durch die größte Stadt Tansanias zum Abenteuer.

          4 Min.

          Es ist früh, ich weiß. Aber es muss sein. Wer in Daressalam an einem Tag eine Menge Dinge zu erledigen hat, der sollte mit den Hühnern aufstehen. Sam schläft noch auf der Rückbank seines Bajaji, ein paar Meter vom Hotel entfernt geparkt. In zwei Stunden wartet hier, im schicken Strandviertel Msasani, ein Dutzend der dreirädrigen Mopeds auf Kunden, auf den Straßen werden sie wie ein endloser Treck vorbeiknattern. Doch um fünf Uhr dreißig sieht es anders aus. Ich hebe die Seitenplane an, mit der sich bei schlechtem Wetter Fahrgäste vor Regen schützen, und wecke Sam. Zwei Minuten später sind wir unterwegs zur Frühmesse in der St. Peter’s Church.

          Einmal in Fahrt, sind bei Sam alle Spuren von Müdigkeit verschwunden. Er sitzt vorne auf dem Sattel und versucht im Dämmerlicht des heraufziehenden Tages schlecht beleuchtete Straßen auszumachen und unbeleuchtete Fahrzeuge. Der Gast auf der Rückbank genießt den letzten Hauch kühler Nachtluft und döst. Schnell kommt man nun voran, noch. Ich bitte Sam zu warten, bis ich aus der Kirche komme, er setzt sich wieder nach hinten und nickt ein.

          Kontrollverlust der Behörden

          Drei Millionen Einwohner hat die größte Stadt Tansanias, vielleicht sogar viereinhalb Millionen. Auch in Dar, wie sie von ihren Bewohnern kurz genannt wird, die übrigens nicht die Hauptstadt des Landes ist, weiß das niemand so genau. Ihre Ausdehnung ist doppelt so groß wie die ihrer Partnerstadt Hamburg. In Daressalam unterwegs zu sein ist wie reisen.

          Sam manövriert sein Bajaji nun vorsichtiger durch den dichter werdenden Verkehr. Ubungo liegt acht Kilometer entfernt, das sollte in einer halben Stunde zu schaffen sein.

          Viele tausend Bajajis sind in Daressalam registriert, eine unbekannte Zahl tourt ohne staatliche Lizenz durch den Moloch. Sie kommen eigentlich aus Indien; Asien und Schwarzafrika sind voll von ihnen. Kaum ein Tourist, der sich nicht so hat chauffieren lassen. Fürs blau lackierte Moped mit den zwei Hinterrädern, dem Aufbau mit Dach und dem Totenkopf am Chassis hat Sam umgerechnet etwa anderthalbtausend Euro bezahlt, second hand. Pro Tag verdient er um die fünfzehn Euro, das ist ein vernünftiges Einkommen. Vor allem mit Müttern und Kindern, Einkäufern mit viel Gepäck, eiligen Geschäftsleuten. Es gab eine Zeit, da waren Bajajis in Daressalam verboten. Das Taxi des kleinen Mannes stand für Kontrollverlust der Behörden, für Chaos im Verkehr, durch dessen Lücken sie sich in Schlangenlinien winden. Den meinten die Behörden ohne die Karren besser regeln zu können.

          Das Gefühl des Kutschiertwerdens

          Aber dann gibt es da noch die Daladalas, Kleinbusse, in die sich die Menschen pferchen, die taugen auch nicht gerade als Vorbild für eine Verkehrsregulierung deutscher Prägung. Wenn sie irgendwo stehen, um Fahrgäste ein- und auszuladen, dann kommt kein Auto mehr an ihnen vorbei. Oder die Bodabodas. Zehntausende Motorräder ohne jede Registrierung kurven durch die Stadt. In endlosen Reihen warten sie am Straßenrand. Ihre Kunden sind Hasardeure und Menschen, die ihr Schicksal gerne in Gottes Hand legen. Für ein paar Cent wird man gefahren, wohin man will, natürlich ohne Helm oder sonst eine Absicherung, sollte während der Fahrt etwas passieren. Doch ohne den Transportsektor mit seiner Mikroschattenwirtschaft, die sehr viele Menschen ernährt, wären viele Bewohner von Daressalams noch viel ärmer, als sie es ohnehin sind. Bajajis abschaffen zu wollen war eine Schnapsidee realitätsferner Politiker.

          Weitere Themen

          In einem Spiegel aus Eis

          Dantes Verse : In einem Spiegel aus Eis

          Aus russischer Sicht ist der Blick auf die Commedia besonders interessant. Die Dichterin Maria Stepanowa findet darin ihre Pandemie-Gegenwart wieder.

          Warum diese Typen so sind

          Neue Storys von Emma Cline : Warum diese Typen so sind

          Die Manson-Sekte lieferte Emma Cline den Stoff für ihr Romandebüt „The Girls“. In ihrem neuen Buch „Daddy“ geht es wieder um privilegierte Männer mit toxischen Manieren. Ein Gespräch über MeToo, den Klimawandel und die Sehnsucht nach Familienidylle.

          Topmeldungen

          Traute Runde (von links): Heinz Göldner, Helmut Thümmel, Elisabet Thümmel, Dieter (Dietrich) Klos, Ursula Pischmann und Brigitta Lehmann-John.

          Serie „Besuch beim Wähler“ (5) : Hart am Wasser

          Die Senioren des Dresdner Kanusportvereins haben ihre Leidenschaft über die Zeitenwende gerettet – über Politik reden sie lieber nicht, denn da fliegen schnell die Fetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.