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Indischer Südosten : Wie im Himmel, so auf Erden

Der komplette indische Pantheon, in Gips modelliert und kreischbunt gestrichen: Ein Turm des Minakshi-Tempels von Madur Bild: Picture-Alliance

In Tamil Nadu kann man Indien so rauschhaft, so berauschend erleben wie nirgendwo sonst auf dem Subkontinent – sofern man bei dieser Überdosis Dasein nicht verrückt wird.

          11 Min.

          Kann ein Elefant den Verstand verlieren? Und wenn ja, warum ist dieser noch bei Sinnen, der im Minakshi-Tempel in Madurai wie bei einer Treibjagd um die goldenen Statuen des Götterliebespaares Shiva und Parvati gehetzt wird, angefeuert von Trommeln und Schalmeien und den Schreien der ekstatischen Gläubigen, durch deren Massen er sich im Fackelschein eine Schneise schlägt, ein stoischer Koloss im heiligen Tohuwabohu, geschmückt mit glitzernden Brokatdecken, gesegnet mit den drei Aschestreifen Shivas auf der Stirn, den Symbolen der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Dann endlich wird der Elefant erlöst und verschwindet in den Katakomben des Tempels, während Shiva und Parvati auf starken, nackten Männerschultern in ihr Liebesnest getragen werden, wohlverdient nach ihrem leidvollen Weg zum Glück. Denn Parvati wurde in ihrer Inkarnation als Minakshi mit dem Makel einer dritten Brust geboren, die - so versprachen es ihr die Götter - in dem Augenblick verschwinden würde, in dem sie ihren Ehemann erblicken sollte. Minakshi schnitt sie sich nicht ab, wurde keine indische Amazone, eroberte in ihrem Zorn trotzdem die halbe Welt, marodierte eines Tages am heiligen Berg Kailash, stand dort plötzlich Shiva gegenüber und hatte fortan das dritte Auge des Sanftmutes statt der dritten Brust der Kriegerin.

          Hier ist nicht nur der Glaube so laut wie das Leben

          Auch in ihren Tempel kehrt jetzt Ruhe ein, doch nur für wenige Stunden, weil ihn schon im Morgengrauen wieder die Pilger fluten - Frauen in Saris, so leuchtend wie Safran und Curry, Männer in Dhotis, die nichts anderes als den indischen Wickelrock am Leib tragen und wie wallfahrende Lumpengestalten aussehen, kahlgeschorene Kinder, die ihr Haar den Göttern geopfert und ihre Schädel mit Sandelholzpaste eingerieben haben, sodass sie wie Goldköpfchen durch den Tempel hüpfen. Zwei Stunden lang stehen sie alle vor Shivas und Minakshis Schrein Schlange, um zwei Sekunden lang ihren Segen erflehen zu dürfen. Und noch länger warten sie vor den Tempelküchen in solchen Massen, dass die biblische Speisung der Fünftausend dagegen wie ein Picknick wirkt.

          Der Minakshi Tempel ist eine riesenhafte Anlage.

          Wo sind wir hier hineingeraten? In eine Gottesstadt? In einen Gottesstaat? In allen Winkeln der riesenhaften Anlage flackern Lichter aus geklärter Butter vor Götterstatuen, überall steht buntes Pulver bereit, mit dem sich die Wallfahrer ihr Pilgermal auf die Stirn tupfen, noch in der letzten Ecke kauern Gläubige auf dem Boden, um zu essen, zu schlafen, zu meditieren. Und pausenlos ziehen Priester in lärmenden Prozessionen mit Pauken und Trompeten durch den Tempel, über dem gewaltige Tortürme wachen, bevölkert mit tausend und noch viel mehr Figuren aus dem hinduistischen Pantheon. Es sind himmelsstürmende Bauten, die aus nichts anderem als quietschbunten Gipsleibern aufgetürmt zu sein scheinen, ein wimmelnder Olymp voller Gottheiten und Fabelwesen vom gütigen Vishnu bis zur blutrünstigen Kali, der den Sterblichen immerhin den Trost spendet, dass in Indien nicht nur der Glaube so laut ist wie das Leben, sondern es im indischen Himmel auch genauso voll ist wie auf der indischen Erde.

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