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Syrien : Es war einmal in Palmyra

Das steinerne Gedächtnis der Menschheit: Die arabische Zitadelle Qal’at ibn Ma’n thront seit 700 Jahren über den Ruinen von Palmyra. Bild: AFP

Im syrischen Bürgerkrieg verlieren nicht nur Menschen ihr Leben. Der Krieg zerstört auch die Schätze der Kultur. Erinnerung an ein Land wie kein anderes

          Dass alles seine Zeit hat auf Erden, die Liebe, der Tod, die Jugend und auch das Reisen, ist eine Alltagsweisheit, über die man gewöhnlich nie nachdenkt. Die Welt wandelt sich, das ist klar, aber irgendwie hoffen wir immer, dass alles so weitergeht, wie wir es gewohnt sind. Was der Spruch wirklich bedeutet, spüren wir erst, wenn es mit einem der Dinge und Menschen, an denen unser Denken und Fühlen hängt, endgültig vorbei ist. Wenn ein Freund plötzlich stirbt. Oder wenn ein Land, das man gekannt und geliebt hat, vom Krieg zerstört wird, so sehr, dass es sein früheres Gesicht, auch wenn der Krieg irgendwann endet, nie wiedergewinnen kann.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dann hilft es wenig, sich zu sagen, dass es viel Schlimmeres gibt als den Verlust von ein paar Mauern und Statuen, etwa das unausdenkliche Leid, das die Kämpfe über zahllose Menschen gebracht haben. Oder dass vieles von dem, was die Kultur des Landes ausgemacht hat, in Museen weiterlebt, hinter dickem Glas vor der Zerstörung geschützt. Denn das, was uns in fremde alte Länder zieht, ist ja nicht die Lust an Dingen in Vitrinen. Es ist die Sehnsucht nach dem Zauber der Orte, an denen Geschichte geschah. Wenn die Orte sterben, stirbt er mit ihnen. Keine Rekonstruktion bringt ihn zurück. Nur die Erinnerung bewahrt von ihm einen schwachen Abglanz.

          Wir kamen spät abends nach Syrien, an einem Apriltag vor einundzwanzig Jahren. Das Erste, was wir sahen, war ein knallbuntes Plakat in der Ankunftshalle des Flughafens, das den Sohn des Präsidenten zeigte, Basil al Assad, der sich ein paar Wochen zuvor auf der Schnellstraße mit seinem Mercedes-Sportwagen zu Tode gefahren hatte, als er einen Flug nach Deutschland erreichen wollte. Sein Bruder Baschar, hieß es, sei stark verwestlicht, dennoch wolle ihn Hafiz al Assad, der allmächtige Herrscher des Landes, zu seinem Nachfolger aufbauen.

          Fundament des neuen Glaubens

          Am nächsten Tag verschlang uns Damaskus. Die Stadt, die Karl May in „Von Bagdad nach Stambul“ so geschickt aus englischen Reiseberichten heraus beschworen hat, ist ja nicht, wie europäische Metropolen, kreuz und quer durcheinander gewachsen, sondern in konzentrischen Ringen. Außen das zwanzigste Jahrhundert, dahinter das neunzehnte, und drinnen, in der Altstadt, alle vierzig Jahrhunderte davor. Und dieses steinerne Gedächtnis der Menschheit ist nicht etwa besenrein und mit Boutiquen und Cafés gepflastert wie die Innenstädte Athens oder Roms, sondern staubig, struppig und laut wie eine Orientkulisse aus „Indiana Jones“. Die Omajjadenmoschee inmitten des Häuserlabyrinths war einst eine Kirche, davor ein Jupiter- und noch früher ein Baaltempel; im achten Jahrhundert aber, als hier die Fahne des Propheten zu wehen begann, bildete sie das Zentrum eines Weltreichs, das seine Arme bis nach Konstantinopel und Samarkand, an die Pyrenäen und zum Indus ausstreckte. Aus dieser Zeit, da der Islam noch nicht bilderlos war, stammen die Mosaiken im westlichen Innenhof, die mit leuchtenden Grün- und Goldtönen den Schimmer des irdischen Paradieses beschwören.

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