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Superlative im Schnee (3) : Im schneereichsten Dorf der Welt

Im Herzen des schneereichen Landes verdüsterte ein Sturm tagelang den Himmel: Das Damülser Kirchdorf in Vorarlberg Bild: Caro / Riedmiller

Damüls empfiehlt sich als schneereichstes Dorf der Welt. Aber so eindrucksvoll wie am vergangenen Wochenende hätte der Beweis nicht ausfallen müssen.

          Die Legendenbildung im alpinen Skilauf scheint einem Gesetz zu gehorchen: Je weiter entfernt vom Ort des Geschehens der Erzähler lebt, desto größer ist sein Hang, die Geschehnisse am Berg ins Mythologische zu überhöhen. Je geringer seine Fähigkeit, die Ski richtig um die Kurven zu steuern, desto titanischer gerät im Gegenzug die Darstellung dieses Unvermögens (Sprünge, Schleuderstürze, Jägertee). Und natürlich macht dieses Skifahrerlatein auch vor der Urmaterie nicht halt - dem Schnee.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wirklich richtig ist er nur, wenn sonnenbeschienen und pulvrig; der Rest ist der Schönfärberei anheimgegeben: griffiger, eisiger, sulziger als damals in - na, du weißt schon, wo ich meine - war er nie. Das gilt auch für die Mengenangaben. Deren Gipfel ist erreicht, wenn man vermelden kann, man sei eingeschneit. Und das passiert nur einem erlesenen Kreis. Vergangene Woche war es wieder so weit. Das Orkantief Andrea, das sich in der ersten Januarwoche die Ehre gab, sorgte dafür, dass fünfzehntausend Erlauchte teilweise bis zum gestrigen Mittwoch in österreichischen und Schweizer Skiorten festsaßen. Lawinengefahr inklusive.

          Der Autor dieses Berichts zählte nicht dazu, was ein wenig ungerecht ist, denn die Zielmarke wurde nur knapp verfehlt, weil das Dorf als solches noch erreichbar gewesen sein soll. Das Dorf vielleicht, aber vom Hotel oberhalb des Dorfes aus, sah das ganz anders aus. Das mag auch erklären, warum das für unsere Winterserie ausersehene Zielgebiet nicht erschöpfend erkundet werden konnte: Es schneite einfach zu viel, zu lang und zu stark. Der Berggasthof konnte schon am Ankunftstag erst verlassen werden, nachdem auch die Gäste in einer Mischung aus Nächstenliebe und Panik zu den Schaufeln gegriffen und den Eingang freigelegt hatten. Somit war schnell klar: Damüls hat sich den Titel „schneereichstes ständig bewohntes Dorf der Alpen“ offenkundig redlich erschneit und seit 2005 erfolgreich verteidigt. Dass man daraus in der Werbung nassforsch „Das schneereichste Dorf der Welt“ gemacht hat, war sicher nur Zufall.

          Es war vorherzusehen, dass bei diesen Witterungsbedingungen schon die Anreise zu einem Abenteuer werden würde. Gleichgültig, ob man vom Norden her über Mellau in den Bregenzerwald vorstößt oder vom Süden her über das Große Walsertal: Wenn das blaue Verkehrszeichen „Beginn des Schneekettengebots“ auftaucht, ist Schluss, wenn man keine Ketten hat, oder - was ebenfalls häufig zu beobachten ist - sie nicht anzulegen im Stande ist.

          Dass eine der neu erworbenen Aufstiegshilfen allerdings nach wenigen Kilometern und dreihundert Meter vor dem Ziel den Geist aufgaben und sich in unschöner Weise um die Lenkmanschette zu wickeln drohten, war nur das Vorspiel zum Beweis, dass wahre Heldengeschichten am Berg geschrieben werden. Der Günter kam rückwärts mit dem Jeep - Vierradantrieb, Differentialsperre, Schneeketten, dick genug, um einen Höhlentroll zu binden -, bockte den Wagen auf, schraubte das Vorderrad ab und wieder an, sagte, es sei unglaublich, was für ein „Scheißdreck“ heutzutage als Ketten verkauft würde. Blieb dabei die Ruhe selbst, als er den Karren auf 1700 Meter Seehöhe und inmitten eines wütend fauchenden Sturms aus der Schneewehe zog. Es gibt kein falsches Wetter, wie der Engländer sagt, nur falsche Kleidung. Wohl dem, der einen solchen Burschen in seiner Nähe hat.

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