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An ihren Feuern

Von SYLVIA FURRER und HOLGER HOFFMANN (Fotos)

17. Mai 2022 · Südsudan hatten Reisende lange nicht auf dem Radar. Das ändert sich gerade, auch, weil Besucher dort in eine andere, archaische Welt eintauchen: die der Mundari-Nomaden und ihrer weißen Kühe.

Zu sagen, dass die Mundari ihre Rinder lieben, ist eine Untertreibung. Ihre Welt dreht sich um sie. Ihre Welt ist Südsudan, mit 12 Millionen Rindern das Land mit einem der höchsten Viehbestände Afrikas. Und die Ankole-Watussirinder der Mundari gelten dank ihrer imposanten Hörner als die „Könige der Rinder“. Diese Welt wollten wir kennenlernen.

Seit Jahren sind wir fasziniert vom Alltag der Nomaden und haben einen tiefen Respekt entwickelt für diese Menschen, die in abgelegenen Gebieten unter harten Bedingungen leben. Das Auswärtige Amt rät zwar nicht ab von Reisen nach Südsudan, warnt aber davor. Nicht zu Unrecht, erholt sich doch das Land nur langsam von den Folgen des Bürgerkrieges und gilt als die korrupteste Nation der Welt. Tourismus ist noch weitgehend unbekannt, entsprechend groß ist das Misstrauen der Behörden. Touristen stehen unter Verdacht, versteckte Agenten zu sein. 

Die Ankole-Watussirinder gelten dank ihrer imposanten Hörner als die „Könige der Rinder“. Die Männer reiben mit der feinen Asche des Dungfeuers das Fell und die Hörner der Tiere ein – sie wirkt als Antiseptikum.


Wer allein, ohne Unterstützung eines lokalen Agenten, in Südsudan reisen will, scheitert bereits beim Einholen der zahlreichen Bewilligungen. Sie nehmen mehrere Tage in Anspruch. Da sich die Bestimmungen ständig ändern, kann es passieren, dass man an einem der zahlreichen Checkpoints wieder nach Juba zurückgeschickt wird, da eine Bewilligung für genau diese Region fehle. Die touristische Infrastruktur ist bescheiden und liegt meist in den Händen ausländischer Investoren. Dennoch bieten immer mehr Reiseunternehmen in Deutschland, Spanien, Großbritannien und Russland Reisen nach Südsudan an, und die Nachfrage wächst. Wer nach Südsudan reist, lernt über ein halbes Dutzend Stämme kennen, die sich in ihrer Kultur deutlich von jenen in Südäthiopien und Nordkenia unterscheiden, so auch die Mundari.

Begleitet werden wir von einem aus Uganda stammenden Guide und einem Fahrer, der selber Mundari ist und genügend Englisch spricht, um als Übersetzer tätig zu werden. Von Juba fahren wir zwei Stunden auf einer von den Chinesen kürzlich fertiggestellten Straße durch eine wenig besiedelte, für Ostafrika typische karge Buschlandschaft Richtung Norden. Die drei Checkpoints passieren wir ohne größere Probleme. Nach Terekeka kommen wir auf der immer unwegsamer werdenden Piste nur noch langsam voran. Als wir am Nachmittag schweißgebadet im auf einer Lichtung gelegenen Camp eintreffen, begegnen wir groß gewachsenen jungen Männern und Frauen, nur mit Asche beschmierten Jungen und ein paar Säuglingen. Niemand ist über vierzig Jahre alt. Alle lächeln uns neugierig, aber freundlich zu. 

Die älteren Mundari sind sesshaft, leben in den aus typischen afrikanischen Rundhütten locker angeordneten Dörfern und leben neben der Viehzucht vom Anbau von Sorghum, Mais, Erdnüssen und Sesam. Die Frauen brennen Ciko- oder Takaya-Schnaps, den ihre Männer dann in beträchtlichen Mengen konsumieren. Rinder suchen wir im Camp jedoch vergebens. Sie sind tagsüber auf der Weide und kehren erst kurz vor Sonnenuntergang zurück. Angesichts der vielen Pflöcke, die herumstehen und an die sie nachts gebunden werden, müssen es Hunderte sein. Einige Jungen sind noch damit beschäftigt, den Kuhdung aufzulesen und zu kegelförmigen Haufen aufzutürmen. Die anderen sitzen gesellig zusammen, beantworten bereitwillig Fragen und lassen sich fotografieren. Selbst ein 1,90 Meter großer Europäer muss zu ihnen aufblicken.

Die Mundari sind Nomaden. Sie besitzen nicht viel, denn wenn sie einen neuen Weidegrund für ihre Tiere benötigen, dann ziehen sie weiter.


Dann kommen die Rinder. Sie tauchen am Waldrand auf, und das müßige Treiben endet schlagartig. Die Mundari eilen zu den Pflöcken und warten dort mit den Seilen in der Hand darauf, dass jedes Tier seinen Platz findet und sich anbinden lässt. Obwohl der Strom der Kühe nicht enden will, verläuft alles reibungslos und ohne Hektik. Anschließend reiben die Männer liebevoll das Fell und die Hörner der Tiere mit der Asche des Dungfeuers der letzten Nacht ein. Die Asche, die so fein wie Talkpuder ist und als Antiseptikum dient, stäubt dabei im abendlichen Gegenlicht pfirsichfarben in die Luft. Vereinzelt werden die schwungvoll gebogenen Hörner des Lieblingstiers zudem mit Quasten verziert, die bei jeder Bewegung die Fliegen aus den Augen vertreiben. Stolz posieren die Eigentümer mit ihrem Liebling vor der Kamera und imitieren mit den Armen den Schwung der Hörner. Währenddessen wird der akkurat zu Kegeln aufgetürmte Dung angezündet; er ist in der Hitze so schnell getrocknet, dass er keinen Geruch entwickelt. Die in der untergehenden glutroten Sonne aufsteigenden Rauchschwaden hüllen das ganze Camp ein. Das zunächst noch warme Licht wird zunehmend kälter. Und kurz darauf bricht die Nacht herein.

Die blaue Stunde wird von den Frauen und Jungen genutzt, die Kühe zu melken. Uns wird die noch warme Milch zum Trinken angeboten. Sie ist rahmig und schmeckt herrlich. Je dunkler es wird, desto deutlicher werden die Flammen und die Glut sichtbar und leuchten die Köpfe der Rinder aus. Nun legen sich auch die Menschen ums Feuer, sei es auf einfachen Holzpritschen oder in der noch warmen Asche, unterhalten sich oder rauchen Shisha. Die Nacht verbringen sie wie ihre Tiere in unmittelbarer Nähe des Feuers, das sie vor den Moskitos schützt. Nachts schallt auf Hörnern gespielte Musik durch das Lager, und die Menschen singen in der Nähe der Feuer, bis sie unter dem Sternhimmel neben ihren Rindern einschlafen.

Die blaue Stunde wird von den Frauen und Jungen genutzt, die Kühe zu melken. Später legen sich die Mundari ums Feuer, auf einfachen Holzpritschen oder in der noch warmen Asche, und unterhalten sich oder rauchen Shisha.


In der Morgendämmerung, wenn es noch angenehm kühl ist, erwacht das Camp zu neuem Leben, und wir haben Gelegenheit, die Mundari bei der Morgentoilette zu beobachten. Uns fallen die teilweise recht großen als Zahnbürsten dienenden Zweige auf und ihre Art zu duschen: Sie halten den Kopf unter den Urinstrahl einer Kuh. Sie trinken ihn auch im Glauben, dass Rinderurin sie innerlich reinige. Bei den Männern ist es zudem beliebt, mit Hilfe des Ammoniaks im Urin ihre Haare orange zu färben. Anschließend wird die Haut der Rinder wieder mit Asche eingerieben, nun aber auch der eigene Oberkörper und Kopf, um sie vor der Hitze der sengenden Sonne zu schützen.

Bevor sich die Jungen, die meist nackt herumlaufen, ans Einsammeln und Aufschichten der in der Nacht angefallenen Kuhfladen machen, trinken sie, wie die Kälber, direkt von den Zitzen der Kühe. Bis ins Erwachsenenalter sind Milch und Joghurt die Hauptnahrungsmittel der Mundari. Lediglich zu speziellen Anlässen wie Initiationsriten, Hochzeiten oder Beerdigungen wird ein Tier geschlachtet oder Milch mit Blut gemischt.

Die Asche ist so fein wie Talkpuder und wird auch als Gesichtsbemalung und Haarfärbung benutzt. Die orange Färbung stammt dagegen vom Urin der Rinder.


Die Buben unterziehen sich im Alter von 12 oder 13 Jahren einem Initiationsritus. Sie begeben sich dabei für mehrere Wochen zu einem der Dorfältesten in die Savanne, fernab der Gemeinschaft, und werden von ihm im Kämpfen, Tanzen und Singen ausgebildet, erzählt unser Guide. Den Abschluss des Initiationsritus bilde eine Zeremonie, während der Junge einem Stier die Kehle durchtrennt. Danach sei er ein Mann und trägt auf der Stirn ein „V“ – es symbolisiere die Hörner der Rinder. Nun müsse er sich als Mann beweisen, bei Ringkämpfen oder Rinderraubzügen (oder deren erfolgreicher Abwehr). Denn es gilt in den nächsten Jahren genügend Rinder zu besitzen, um den Brautpreis bezahlen zu können. Dieser habe sich seit Ende des Krieges mehr als verdoppelt, erzählen uns die Mundari. Früher lag er zwischen 20 und 40 Tieren, heute können bis zu 100 fällig werden. Der Wert eines Rindes wird mit durchschnittlich 300 US-Dollar veranschlagt, eine Hochzeit kostet somit zwischen 10 000 und 30 000 Dollar in einem Land, in dem 80 Prozent der Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Der Grund für diese Inflation ist, dass nach dem Krieg viele junge Männer wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt sind. Der finanzielle Druck auf sie ist enorm. Als Konsequenz hat die Zahl der Viehdiebstähle in Südsudan massiv zugenommen. Da die Viehhirten heute nicht mehr mit Speeren bewaffnet sind, sondern mit Kalaschnikows, sterben in Südsudan jährlich sehr viele Menschen bei Viehdiebstählen und den daraus resultierenden Vergeltungsaktionen. Auch die Touristen sind eine Einkommensquelle für die Mundari, sonst könnten wir gar nicht hier sein. Allerdings verdienen sie nur 20 bis 50 Dollar pro Besuch.

Für die Brauteltern hängen das gesellschaftliche Ansehen und die Altersvorsorge von der Zahl der Rinder ab. Bei der Heirat wird daher besonders deutlich, welchen Wert die Rinder für die Mun­dari darstellen. Sie sind eine Art mobile Geldanlage, die es – wenn nötig, mit Waffengewalt – zu schützen und zu vermehren gilt. Materiellen Besitz haben sie daneben fast keinen. Dies wird deutlich, als die Mundari ihr Camp abbrechen, um neue Weideplätze für die Herde zu finden. Die Männer sind bereits mit den Tieren losgezogen, die Frauen packen den gesamten Hausrat in einem einzigen Bündel zusammen, das sie auf dem Kopf mit langen Schritten davontragen.

Der gesamte Hausrat verschwindet in einem Bündel auf den Köpfen der Frauen. Die Mundari-Hirten sind heute nicht mehr mit Speeren bewaffnet, sondern mit Kalaschnikows. Deshalb sterben in Südsudan jährlich viele Menschen bei Viehdiebstählen.


Zurück im Dorf, werden wir Zeugen einer Beerdigung eines angesehenen „Chiefs“. Über hundert Trauergäste sind eingetroffen, auch aus der Provinzhauptstadt. Einige kamen im ledergepolsterten Land Cruiser und mit militärischem Begleitschutz. Alle werden zwei Tage lang bewirtet, es fließt Alkohol, und die Trauergesänge reißen auch in der Nacht nicht ab. Es gilt einen Nachfolger zu wählen. Nach stundenlangen Gesprächen unter einem großen Mangobaum haben sie entschieden. Seine Aufgabe wird sein, die Familien davon zu überzeugen, dass sie wegen der anhaltenden Trockenheit mit einer geeinigten Herde auf Suche nach neuen Weidegründen ziehen, ohne dabei auf versprengte Rebellen oder noch nicht entschärfte Landminen zu stoßen. Der neue Chief verspricht, uns am nächsten Tag zum neuen Camp mitzunehmen. Es wird leider nichts daraus, weil er erst mal seinen Rausch ausschlafen muss.

Der Weg nach Südsudan

Anreise
Juba ist von Frankfurt am besten zu erreichen mit Ethiopian Airlines, Turkish Airlines oder Emirates (950 bis 1300 Euro).

Einreise
Es kann ein E-Visum beantragt werden evisa.gov.ss. Zum Abflug ist ein negativer PCR-Test, nicht älter als 72 Stunden, erforderlich. Bei der Einreise werden eine Bestätigung einer bei einem Reiseunternehmen gebuchten Reise und eine vom Reiseunternehmen zuvor eingeholte Fotobewilligung verlangt sowie eine Gelbfieberimpfung. Malariaprophylaxe, Typhus- und Hepatitisimpfungen sind sehr zu empfehlen.

Reisen im Land
Registrierung bei der Polizei in Juba innerhalb von 72 Stunden. Im Vorfeld muss man zudem zahlreiche Bewilligungen durch lokale Agenten einholen. Unterwegs passiert man mehrere Checkpoints, die misstrauisch und korrupt sind. Transport mit 4x4-Fahrzeugen, meist Land Cruiser.

Unterkunft
In Juba in Hotels mit internationalem Standard (ab 100 US-Dollar), unterwegs einfache, aber saubere Hotels oder im Zelt.

Anbieter
von Gruppen- und Individualreisen sind etwa Diamir diamir.de, Last Places lastplaces.com, Mzungu Expeditions mzunguexpeditions.com oder Responsible Travel responsibletravel.com, Preise ab 4000 Euro.

Beste Reisezeit
November bis Februar, im Rest des Jahres können Pisten zeitweilig unpassierbar sein.

Sicherheit
Die politische Situation ist in den von Touristen bereisten Gebieten in den letzten Jahren stabil. Landminen sind noch nicht überall geräumt. Mehr unter auswaertiges-amt.de.

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 17.05.2022 18:13 Uhr