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Straßenfotografien von Frauen : Spieglein, Spieglein in der Straße

Julie Hrudová: Verschworen in Prag Bild: Prestel Verlag

Fotografierende Frauen gab es schon immer und auch überall auf der Welt – aber jetzt hat ihnen Gulnara Samoilova ein Forum geschaffen. Und gleich das passende Buch dazu zusammengestellt.

          5 Min.

          Das schönste Straßenfoto der Welt hat Garry Winogrand an einem strahlenden Sommertag des Jahres 1968 in den Straßen New Yorks vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters aufgenommen. Eine junge Frau hält eine Eistüte in der Hand, legt den Kopf nach hinten und lacht der Kamera aus vollem Herzen zu. Zack, hatte Winogrand das Bild purer Lebensfreude auf den Film gebannt. Aber es war keineswegs ein zufälliger Schnappschuss, wie ein Blick auf weitere Bilder verrät. Sondern ein herausgekitzelter Moment. Die Frau hatte mit ihrem Freund auf dem Bürgersteig gestanden, auch er ein Eis in der Hand, und es macht zunächst den Eindruck, die beiden unterhielten sich einigermaßen ernst. Aber dann müssen sie Winogrand bemerkt haben, und er nutzte die Möglichkeit zu einem Sekundenflirt, ging immer näher auf die Frau zu und trieb sie, auf charmanteste Weise, wie man unterstellen darf, in die Enge, bis sie unmittelbar vor dem Laden stand.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Eine lachende Frau allein macht allerdings noch kein großartiges Foto aus. Dazu wurde das Bild erst durch die Schaufensterdekoration mit einem kopflosen Kleiderständer, über dem ein Jackett hängt, dessen Kragen exakt die Form der Eistüte aufgreift. „Pass bloß auf“, scheint deshalb die Frau zu sagen, die ihren Mund weit aufgerissen hat, „dass ich dir den Kopf nicht geradeso abschlecke wie dieser Waffel das Eis.“ Dass sich Garry Winogrand im Fenster spiegelt, macht ihn unmissverständlich zum Adressaten der kecken Warnung. Von den Passanten, die sich am linken Rand durchs Bild wühlen, braucht er keine Hilfe zu erwarten.

          Wird die Kamera zur Waffe?

          Als Garry Winogrand 1975 sein Buch „Women are beautiful“ herausbrachte, wählte er die Aufnahme für den Titel. Ein halbes Jahrhundert später ist es kaum vorstellbar, dass ein Straßenfotograf Frauen noch ungestraft in die Enge treiben kann, um ein Bild aufzunehmen, und sei er noch erfüllt von einem schamlosen Enthusiasmus; im Gegenteil. Schon vor Langem hatte ein New Yorker Bürgermeister erwägt, die Straßenfotografie in Manhattan zu verbieten. Und in Berlin musste vor einigen Jahren nach einem aufsehenerregenden Prozess das Plakat einer Ausstellung abgehängt werden, weil sich eine Passantin erkannt hatte – und nicht gefiel. Welche Motive also bleiben den Straßenfotografen, nicht nur um das Leben in all seinen Facetten zu dokumentieren, sondern – mehr noch – um den eigenen Platz in der Welt auszuloten? Denn Straßenfotografien, so hat Joel Meyerowitz, einer ihrer wichtigsten Vertreter, bei Gelegenheit erklärt, seien ja zuallererst Selbstpor­träts. Der Fotograf versuche seine eigene Befindlichkeit in der Außenwelt gespiegelt wiederzufinden.

          Jetzt hat Gulnara Samoilova, in der russischen Republik Baschkortostan aufgewachsen, aber 1992 nach New York übersiedelt, wo sie zu den führenden Fotoreporterinnen gehört, eine Gruppe internationaler Straßenfotografinnen zusammengerufen, die auf Instagram als „womenstreetphotographers“ ihre Bilder posten, die gemeinsam ausstellen, auch virtuell im Netz, und sich austauschen über ihre Erfahrungen und Erwartungen. Dass sie in den Straßen Männer in die Enge treiben, bis sie ihnen schallend in die Objektive lachen, ist nicht zu erwarten. Aber was könnte den weiblichen Blick auf die Straße ausmachen? Wird die Kamera zur Waffe? Gleicht sie einem Schutzschild? Oder wird sie zu einer Art Freibrief, zur selbst erteilten Genehmigung, hinzugehen und hinzuschauen, wo immer man möchte?

          Joanna Mrowka: Verspielt in Badami, Indien Bilderstrecke
          Women Street Photographers : Spieglein, Spieglein in der Straße

          Gulnara Samoilova ist keine unerfahrene Fotografin. Vor zwanzig Jahren wohnte sie fünf Blocks entfernt vom World Trade Center und rannte, als sie den ersten Schlag hörte, direkt dorthin, fotografierte zunächst verletzte, schreiende Personen, die ihr auf der Straße entgegenkamen, dann aus der Froschperspektive den Moment, in dem der erste Turm wankte, und fortan, als sie wie durch ein Wunder überlebt hatte, panisch fliehende Menschen inmitten eines Niederschlags aus Asche. Mit diesen Bildern des Terroranschlags vom 11. September 2001 gewann sie beim World-Press-Fotopreis. Wenn sie heute hinter der Straßenfotografie eine gesellschaftliche Aufgabe sieht, hat das deshalb einiges an Gewicht. „Ich glaube, dass die Straßenfotografie Menschen zusammenbringt“, sagt sie. „Je mehr Männer und Frauen die Welt durch die Augen von Frauen betrachten, desto herzlicher und verständnisvoller werden wir einander begegnen, über Unterschiede hinweg.“

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