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Strandbemerkungen : Sylts Schwester ist ein wildes Kind

  • -Aktualisiert am

Nicht jeder kommt mit dem Blokart - manche nehmen den Bus. Bild: Elke Sturmhoebel

Die dänische Nordseeinsel Fanø hat viele schöne Seiten. Die schönste ist ihre Unkompliziertheit. Austern zum Beispiel kauft man hier nicht, sondern sammelt sie im Watt, um sie sofort zu essen.

          6 Min.

          Nur zwölf Minuten dauert die Überfahrt nach Fanø - weniger also als die Fahrt über die Dämme zu den Nachbarinseln Rømø und Sylt. Und doch beschert einem das Ankommen per Schiff gleich viel mehr Inselgefühl. Es ist, als ob ein Schalter umgelegt würde, sobald die Metallklappe der Fähre auf den Kai heruntergelassen wird. Lauter Erwartungen spuken im Kopf herum, Bilder von dänischer Abgeschiedenheit, von einsamem Dünenglück. Doch dann steht man erst einmal mit den Füßen im Matsch: Unter schnell treibenden Wolken liegt es vor uns, das von der Ebbe blankgezogene Watt, und mit ihm der Blick auf das Kraftwerk von Esbjerg. Sind wir etwa auf die Insel gekommen, um uns die Hässlichkeiten des Festlands anzusehen? Nein, es gibt in diesem Watt noch etwas anderes. Wir sind auf der Spur der Pazifischen Auster. Die wohnt nämlich jetzt hier.

          Die dänische Insel Fanø
          Die dänische Insel Fanø : Bild: F.A.Z.
          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Für die gediegene Austernsafari braucht man nicht mehr als Gummistiefel und einen Eimer. Ein Anzug mit Einstecktuch ist dagegen eher hinderlich. Und man sollte in Bewegung bleiben, das Watt hat schon manchen Stiefel verschluckt, sagt Jesper Voss lachend, während er uns die Ausrüstung aus seinem roten Kleinlaster herüberwirft. Der findige Däne hatte lange einen Bürojob in Luxemburg, bis er sich zurück in die Natur sehnte. Seitdem besorgt er die meisten Tourismusangelegenheiten der Insel in Personalunion.

          Blinder Passagier aus Übersee

          Nach einer halben Stunde waten geht es plötzlich los: Überall im Schlick liegen dicke, graue Klumpen. Eine Auster hochzuheben fühlt sich in etwa so an, als habe man ein Trümmerteil in der Hand - unförmig und überraschend schwer. So, wie man sie in der Natur findet, sind Austern nicht sehr hübsch. Es kleben Seepocken, kleinere Muscheln und viel Schmott daran, zudem muss man sich vor den scharfen Kanten hüten, an denen man sich schnell blutige Finger holt.

          Es ist eine zweischneidige Sache mit der Pazifischen Auster im Wattenmeer. Gekommen ist sie 1996 als blinder Passagier großer Schiffe. Jetzt ist sie dabei, den Laden zu übernehmen. Crassostrea gigas ist der Boss unter den Muscheln, und ihr Expansionsstreben macht Miesmuscheln und Herzmuscheln zu Globalisierungsverlierern: Deren Bestände gehen zurück, während die der Auster explodieren. Das könnte problematisch für die übrige Tierwelt werden. Denn viele der Millionen Zugvögel, die das Watt bei Zwischenlandungen als Speisekammer nutzen, können nur die Schalen der kleineren Muscheln knacken. Die Auster ist für sie viel zu hart. Andererseits filtert die Auster deutlich mehr Wasser als kleinere Muscheln und verbessert so dessen Qualität. Und dann gibt es ja noch den Menschen, der von der Auster profitiert, weil er sie gern verspeist - in Frankreich etwa werden jedes Jahr 125000 Tonnen Austern gezüchtet, in China sogar 3,7 Millionen Tonnen.

          Innen blank und weiß

          Knapp fünfzig Kilometer südlich von Fanø, auf Sylt, kauft man Austern in Gourmetläden. Hier liegen sie einfach so herum, und man kann gegen eine geringe Schutzgebühr so viele einsammeln, wie man tragen kann. Das lässt man sich nicht zweimal sagen. Immer wieder scheppert es in den Eimern, und schnell sind sie übervoll. Jesper warnt, dass man sie auch allein zurückschleppen muss. Gegen den Wind, im Schlick und mit schwerer Beute ist das schon ein kleines Abenteuer. Dann endlich winkt wieder das Grün des Dünengrases, das sich vom Grau des Watts so schön abhebt. Noch ein Stückchen, die Arme werden immer länger, das Grün kämpft gegen das Grau, dann ist endlich die klassische dänische Hecke aus Juckpulver-Beeren ganz nah, die hier meistens den Strand abschirmt, und es ist geschafft.

          Ausgekippt ins Gras, sieht die Auster schon anders aus, stellenweise schillernd, man beginnt die feinen Schichten im Kalkpanzer zu sehen. Nun beginnt der kulinarische Teil. Vor einer Hütte in den Dünen hat Jesper einen Tisch mit seinen Utensilien vorbereitet. Man legt die Auster in ein Handtuch, greift sie mit einer Hand und zückt mit der anderen ein kleines Messer, das man in die Auster sticht, „ins Auge“, wie man sagt, womit eine Schwachstelle des Muschelmuskels gemeint ist. Nicht gleich findet der Anfänger den richtigen Ansatzpunkt, aber irgendwann geht das Messer dann hinein. Man dreht es, es knackt, es ist geschafft. Jetzt zeigt die Muschel ihre blanke, weiße Innenseite. Das Lebewesen, das bis zu dreißig Jahre lang in seinem immer dicker werdenden Panzer gehaust hat, wird losgeschnitten und mit etwas Zitrone beträufelt. Dann tritt es seine erste und letzte Rutschfahrt an.

          Dünsten im eigenen Saft

          Wenn man im Delikatessengeschäft frische Austern kauft, sind sie meist schon ein paar Tage alt“, sagt Jesper mit einem herzhaften Lachen, das auch ein kleiner Hieb auf gewisse Nachbarinseln ist. Hier werden sie nach kaum einer Stunde schon verzehrt - frischer geht es nun wirklich nicht. Jesper bietet die Austerntour erst seit kurzem an, hatte aber schon Besuch aus dem Kopenhagener Spitzenrestaurant „Noma“ und von Mitarbeitern des Starkochs Jamie Oliver. Derzeit ist er dabei, selbst ein Kochbuch mit eigenen Austern-Kreationen zu schreiben. Sein Hit könnte zum Beispiel jenes Rezept mit Scheibchen frischer Erdbeeren und schwarzem Pfeffer werden. Wer vor dem Verzehr frischer Austern zu viel Respekt hat, kann eine andere Variante wählen: Auf dem Grill werden die Muscheln in ihrem eigenen Saft gedünstet, wobei sie sich von selbst öffnen. Dann nimmt man die obere Schalenhälfte ab und gratiniert, wahlweise mit Kräuterbutter, Parmesan oder Gorgonzola. Gewiss gewagt, aber auch gewinnend. Wer davon probiert, lässt garantiert allen Widerstand fahren, denn es ist wirklich ein Hochgenuss.

          Der Witz bei der Sache ist aber auch, dass bei der familientauglichen Sammel-Safari der Auster die letzten snobistischen Assoziationen genommen werden. Was es wie Sand am Meer gibt, kann nicht mehr als Distinktionsmerkmal der High Society gelten: Austern für alle, Spaß für ’ne Mark, und das sogar noch mit gutem Gewissen, denn wenn der Mensch die Austern wegsammelt, werden sie vielleicht nicht allzu dominant im Wattenmeer. Aufpassen muss man natürlich etwas beim Frischverzehr. Verzichten sollte man, wenn das Meerwasser mehr als vierzehn Grad hat.

          Mit dem Blokart durch den Sand

          Wenn das in der Nordsee einmal der Fall ist, sollte man aber ohnehin nicht mehr Austern sammeln, sondern ein Freudenbad nehmen. Das geht auf Fanø am besten an der Westseite der Insel, die hier einen vierzehn Kilometer langen Sandstrand bietet. Es ist jetzt Nachmittag und nach den Gaumenfreuden Zeit für etwas Bewegung. Der Strand von Rindby hat dafür alles, was man sich wünscht, inklusive Strandaktivitäten, für die man gar nicht ins Wasser muss, etwa das Trockensegeln. Die Dänen nennen es natürlich anders: Sie fahren Blokart.

          So geht Spaß: In Sylt fahren die Neureichen Autokorso mit ihren Protzkisten, in Fanø setzt man sich in eine Seifenkiste und rast den Strand entlang
          So geht Spaß: In Sylt fahren die Neureichen Autokorso mit ihren Protzkisten, in Fanø setzt man sich in eine Seifenkiste und rast den Strand entlang : Bild: Mauritius

          Blokart ist eine schöne Alternative zum Autokorso der Neureichen auf Sylt. Das dazu nötige Gefährt sieht aus wie ein etwas zu großer Kinderwagen, in dessen Mitte ein Surfsegel steckt. Sobald das Ding aufgerichtet ist und der Anschnallgurt sitzt, gibt es kein Halten mehr. Man muss gleichzeitig lenken und an einem Seil ziehen, mit dem man notdürftig das Segel kontrolliert. Zieht man es straff, kann man je nach Windstärke schnell bis zu sechzig Sachen draufhaben - so schnell darf in Kampen kein Maserati fahren. Ein Bremse hat das Gefährt nicht, was wir aber erst merken, als wir mit vollem Karacho auf die Waterkant zurasen. Im letzten Moment lassen wir das Seil locker und reißen das Steuer herum. Das Segel schwabbelt, bis es umklappt und abermals vom Wind erfasst wird - unsere erste Wende ist vollbracht.

          Reetdachhäuser sind allerliebst

          Es ist wie mit den meisten Dingen im Leben, die neu sind und Spaß machen: Man kann erst einmal gar nicht mehr damit aufhören. So geht es auch uns mit dem Blokart, Wende um Wende, dazwischen immer kühneres Straffziehen des Seils und immer waghalsigere Kurven, bei denen auch schon mal ein Rad abhebt. Zusätzlichen Thrill bereitet der Querverkehr. Denn natürlich sind wir nicht allein, und es gibt noch viel seltsamere Gefährte hier, auf denen Menschen sich von einem Lenkdrachen ziehen lassen und dabei aberwitzige Sprünge vollführen. Nach der zweiten Beinahekollision entsagen wir dem Geschwindigkeitsrausch und lassen das Segel sinken.

          Es ist Zeit, den Tag in Dänemarks schönstem Dorf ausklingen zu lassen - hierzu zumindest wurde Sønderho, das an der Südspitze von Fanø liegt, 2011 gekürt. Und es scheint nicht übertrieben. Seine alten Reetdachhäuser sind allerliebst, jedes ein Unikat, man schreitet zwischen ihnen auf engen Pfaden einher, immer wieder ergeben sich überraschende Sichtachsen. Ab und zu grüßt auch ein geschwungener holländischer Giebel, die Idee dazu haben dänische Seefahrer von ihren Reisen mitgebracht. Wie stark das Leben auf See hier alles geprägt hat, sieht man an der Dorfkirche. Auf ihrem Dachboden nähten die Frauen des Ortes über Jahrhunderte Segel. Und im Innenraum erhält das Wort Kirchenschiff eine ganz neue Bedeutung. Hier hängen nämlich lauter aufwendig gestaltete Schiffsmodelle, darunter auch ein holländisches aus dem achtzehnten Jahrhundert mit besonderem Schicksal: Es ist die Miniaturausgabe seines Mutterschiffs, die irgendwann auf Fanø angespült wurde mit einer Flaschenpost im Bauch. Sie teilte mit, dass das Modellschiff nur im Falle des Untergangs des Großschiffs ausgesetzt werde. Wer es finde, solle es doch bitte in einer Kirche zum Gedenken aufstellen.

          Viel Rausch, wenig Moderne

          Das Historisch-Beschauliche passt zu Fanø, dieser Insel, die sich so hartnäckig dem Rausch der Moderne verweigert. Sieben Berge hat sie, der höchste misst einundzwanzig Meter. Und sieben Kinder gehen in der Kindergarten von Sønderho. In der windgeschützten Mitte der Insel kann man sogar Bienen züchten. Ganz gefeit vor neuen Moden ist man allerdings auch hier nicht. So ist jemand auf die Idee gekommen, dass man Honig auch ins Bier mischen kann. Oder sogar Schokolade. Das sind aber zum Glück nicht die einzigen Sorten im „Fanø Bryghus“, das damit lockt, das „letzte Brauhaus vor England“ zu sein. Vor seiner Tür legt die Fähre nach Harwich ab. Im Herbst wird die Verbindung eingestellt. Und das ist gar nicht schlimm, denken wir uns, als wir einen tiefen Schluck von unserem „Stormflod“ nehmen.

          Nassschatzsuche und Trockensegeln

          Informationen zur Insel Fanø gibt es im Internet unter www.vistfanoe.dk. Die Austernsafari kann man buchen über die E-Mailadresse event@visitfanoe.dk oder unter der Telefonnummer 0045/70/26 42 00. Am Strand von Rindby gibt es verschiedene Blokart-Verleihe. Ferienhäuser auf Fanø findet man etwa über www.danibo.dk. Für Übernachtungen der gehobeneren Klasse bietet sich das Hotel Sønderho Kro im ältesten Haus des Dorfes an, es wurde 1722 erbaut (Kropladsen 11, Sønderho, DK-6720 Fanø, Telefon: 0045/ 7516 4009. Fanø kann man auch als Tagesausflug vom Festland aus besuchen, die Fähre von Esbjerg nach Nordby kostet für Erwachsene 45 Kronen, für Kinder 25 Kronen und für ein Auto in der Hochsaison 415 Kronen. Die Reise wurde unterstützt von Visit Denmark.

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