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Stille Tage in Sotschi : Das Schwarze Meer macht schlapp, schlapp, schlapp

Ein Fußweg, ein Radweg, ein Grünstreifen. Aber wo sind die Fußgänger, die Radfahrer? Bild: Christoph Becker

Früher, so hört man, hatten hier alle Spaß. Dann kamen die Olympischen Spiele, ein wenig später die Formel 1. Ein Vergnügungspark steht noch, ist aber geschlossen. Und niemand wohnt in dem Hotel, das aussieht wie eine Ritterburg.

          Neben mir der Mann trägt eine rote Badehose. Ich stelle mir vor, er sei Mitch Buchanan aus Baywatch, die russische Ausgabe von David Hasselhoff. Baywatch in Sotschi statt Malibu. Der russische Hasselhoff liegt einfach nur da, auf den harten Kieseln, und rührt sich nicht. „Schlapp“, macht das Schwarze Meer, wenn es sich in winzigen Wellen auf die Kiesel schmeißt. „Schlapp, schlapp, schlapp.“

          In Malibu müssen die Wellen brüllen oder jedenfalls wahnsinnig laut sein. Wikipedia behauptet, so haben die Indianer am Pazifik einen Ortsnamen gefunden. Humaliwo, der Ort mit der lauten Brandung. In Sotschi gibt es keine Indianer. Hier gibt es Armenier und Georgier. In der Stadt braten sie Schaschliks. Im alten Sotschi, vierzig Kilometer den Kieselstrand entlang nach Norden. Im Ferienparadies des sowjetischen Kommunismus. „Alle hatten Spaß“, hatte mir der Schriftsteller Wiktor Jerofejew im Winter vor den Olympischen Spielen von diesem alten Sotschi erzählt, von der Zeit damals, in den fünfziger Jahren. „Es gab in Sotschi keinen Kommunismus ohne Sex.“

          In Ossetien wird Ironisch gesprochen

          Hier und jetzt, im neuen Sotschi, im Olympia-Sotschi, hat Marija, die Ossetin, dem Kollegen im Hotel-Restaurant gestern erst das Essen gebracht, dann schöne Augen gemacht und ihn dann angesprochen, mit Hilfe des Google-Translators auf dem Handy. In Ossetien wird Ironisch gesprochen, behauptet Wikipedia. Das Hotel hat 2800 Zimmer in zwölf Gebäuden, fünf Pools und drei Restaurants. „Schlapp“, macht das Schwarze Meer, „schlapp, schlapp, schlapp.“ Mitch Buchanan dreht sich auf den Rücken.

          Ich entdecke ein Flugzeug am Himmel. Es fliegt die Einflugschneise des Flughafens Adler entlang, auf Sotschi International Airport zu. Tolles Bild, tolle Perspektive. Vorne Mitch Buchanan, russische Ausgabe, vor uns das schlapp flüsternde Schwarze Meer, über ihm das Flugzeug. Es ist zu weit entfernt, man hört es nicht. Der Flughafen von Sotschi wurde für die Olympischen Spiele umgebaut, ausgebaut, er liegt ein paar Kilometer nördlich vom Olympiagelände am Meer. Zu den Winterspielen gab es Direktflüge aus Frankfurt und Wien, unter anderem. Ein Jahr später landet kein einziger Direktflug aus Westeuropa mehr hier.

          Hinter uns liegt ein hölzerner Wachturm umgekippt auf den Kieseln. Sieht aus, als wurde er vom Wind umgekippt. Jetzt ist es windstill, zwanzig Grad oder auch zweiundzwanzig, Luft wie Wasser, aber vielleicht ist ja ein Sturm durchgezogen. Die Füße des Wachturms sind angekokelt. Vielleicht doch kein Sturm. Mitch Buchanan liegt weiter auf den Kieseln und rührt sich nicht. „Schlapp“, machen die Wellen, „schlapp, schlapp, schlapp.“ Hier ertrinkt keiner. Hier ist keiner.

          Das Olympiastadion soll an eine schneebedeckte Bergkuppe erinnern. Im Gegensatz zu dieser steht es aber nur nutzlos und eingezäunt herum. Bilderstrecke

          Irgendwann kommt doch sicher mal ein Auto

          Neben dem Wachturm steht ein Mülleimer, dahinter endet der Kieselstrand, die Grenze ist in Beton gegossen. Auf die Befestigung folgt ein Fußweg, ein Radweg, ein Stück Grünstreifen, der braun und grau ist und an den Rändern auch ein klein wenig grün. Die Bäume auf dem Braungraustreifen sind mickrig, und ziemlich viele tragen keinerlei Spur von Leben an sich. Manche sind trotzdem mit dünnen Stricken am Boden befestigt. Irgendwann kommt sicher doch mal ein Sturm. Zwei Rentner stehen an der grauen Betonmauer, auf die einer einen Fußball im Tornetz gemalt hat, und schauen aufs Meer. Keine Wellen.

          Vierspurige Uferstraße, kein Auto weit und breit, ein überdimensionierter Zebrastreifen samt Verkehrsampel. Die Ampel ist ausgeschaltet. Aber irgendwann kommt sicher doch mal ein Auto. Erst einmal kommt ein Bus. Biegt von der Uferstraße ab und fährt auf den großen Parkplatz neben dem Olympiastadion. Eine Schar Mädchen steigt aus, sie kichern, lachen, zwei Begleiterinnen rufen sie zur Ordnung. Teenagerinnen auf Sightseeingtour über das Olympiagelände. Rechts liegt das Olympiastadion, weiß, sehr hell schimmernd im Sonnenlicht, von drinnen klingen Geräusche von Bauarbeiten.

          Wer sucht, der findet im Internet schnell die Geschichten von Bauarbeitern aus Tadschikistan, aus Usbekistan und Moldawien. Geschichten, die erzählen, was es bedeutet hat, diese Stadien zu errichten. Die meisten erzählen einen Traum vom Leben, für das die Arbeiter das Geld brauchen, das sie in Sotschi verdienen wollten. Für etliche endete die Geschichte mit dem Tod. Das Leid der Arbeiter auf den Baustellen von Sotschi erinnere ihn an den italienischen Neorealismus, hatte Wiktor Jerofejew gesagt. „Ihre Lage ist schlecht, aber sie fahren trotzdem, weil ihre Familien auf Geld warten.“

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