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Stille Tage in Sotschi : Das Schwarze Meer macht schlapp, schlapp, schlapp

Lewis Hamilton wollte hier Urlaub machen

Die Teenagerinnen kommen bis zum Zaun. Ein Sicherheitsmann sagt: Njet, Ende der Reise. Hinterm Zaun liegen das Bolschoi-Stadion und der Eisberg-Eispalast, im Winter vor einem Jahr war da einiges los, großes Kino beim Eiskunstlauf, großes Drama beim Eishockey, in den modernsten Sportstadien Russlands oder der Welt, wer weiß das schon so genau. Es nützt nichts, am Zaun ist die Welt zu Ende, Besichtigung ausgeschlossen.

Im Herbst war Wladimir Putin hier und fünfzigtausend andere, beim ersten Formel-1-Rennen in der Geschichte Russlands. Sechshundert Jugendliche rollten eine vierhundertfünfzig Meter lange russische Fahne aus, dann drehten die Männer mit ihren Rennautos ihre Kreise, am Ende sagte der Sieger, der Engländer Lewis Hamilton, es habe ihm so gut gefallen, dass er hier Urlaub machen wolle. Wladimir Putin hatte ihm vorher den Siegerpokal in die Hand gedrückt.

Danach musste wieder einiges angebaut und umgebaut werden, rein kommt nur noch, wer Bauarbeiter ist. Die Mädchen steigen wieder in ihren Bus, und als der abrauscht, zurück auf die breite Uferstraße ohne Verkehr, bleibt auf dem Parkplatz die Plastikpalme zurück, mit der ein Mobilfunkmast getarnt ist, ein Generator-Verschlag und eine Bukhanka, Farbton Oliv.

Der Duft von Rosen und Magnolien

Der UAZ 452, genannt bukhanka, der Brotlaib, ist ein Kleintransporter, gebaut fürs Grobe der einst bipolaren Welt, von der Uckermark bis in die usbekische Wüste. So richtig grob ist hier nichts mehr oder noch nicht wieder, jedenfalls nicht der Untergrund. Früher, bis vor ein paar Jahren, war hier ein Naturschutzgebiet, jetzt ist alles einbetoniert und der Asphalt so glatt, dass noch nicht mal ein Halbdutzend tiefergelegter Mercedes-S-Klasse-Limousinen aus den Achtzigern Probleme bekommt. Die Kratzer im Lack sind genauso mit Staub übertüncht wie die abchasischen Kennzeichen. Was wird eigentlich in Abchasien gesprochen? Bis zur Grenze sind es sechs Kilometer.

Wiktor Jerofejew hatte mir erzählt, beim Gedanken an Sotschi steige in ihm der Duft von Rosen und Magnolien auf, insbesondere Magnolien. Seit seinen beiden Urlauben als Kind in den Fünfzigern habe er eine spezielle Bindung zu Magnolien. „Sotschi“, sagte Jerofejew, „hat mich gelehrt, das Leben als Geschenk zu schätzen.“ Jerofejews Magnolien standen in den Gärten der kommunistischen Sanatorien, zwischen den „Palästen der Werktätigen“ (Stalin), auf dem Weg zu den Tennisplätzen. Eine andere Welt, nicht untergegangen, aber weiter weg als Abchasien und in die entgegengesetzte Richtung. Am Flughafen vorbei, vierzig Kilometer, dort, wo Armenier und Georgier ihre Schaschliks braten.

Statt Blumen: ein Vergnügungspark

Stalin hatte Russland das alte Sotschi geschenkt, Putin schenkte das neue. Statt Blumen: ein Vergnügungspark. Sotschi Park. Ein junges Paar fotografiert sich auf riesigen, bunten Buchstaben vor einem Hotel. Das Hotel soll an eine Burg erinnern. Das Vergnügungspark-Einmaleins ist universal gültig. Im Golf-Kart vor dem Hoteleingang schläft der Fahrer. Dreihundertsiebzig Millionen Euro soll Sotschi Park gekostet haben, im Juli 2014 soll Eröffnung gewesen sein. Heute ist zu. Die lilafarbenen Loopings der Achterbahn ragen in den blauen Himmel. Das junge Paar zieht ab. Eine Zwanzigjährige verkauft Souvenirs. Die Tasse mit Putin im Rennfahreranzug kostet acht Euro.

Der Weg zurück zum Kieselstrand führt an einer Kartbahn vorbei, die auf einem leeren Parkplatz hinter der Gerätehalle des Olympiastadions eingerichtet wurde. Ein Achtjähriger dreht seine Runden, seine Mutter schaut zu. Am nächsten Zaun verwittert das Plakat einer Sommer-Disko. Viel Haut, wenig Bikini. Auch das Sommer-Disko-Plakat-Einmaleins ist universal gültig. Die Feier ist vorbei.

Als ich zurück am Strand bin, ist der Russe in der roten Badehose gegangen. „Schlapp“, macht weiterhin das Schwarze Meer, wenn es sich in kleinen Wellen auf die Kiesel schmeißt. „Schlapp, schlapp, schlapp.“ Die Sonne scheint, es ist angenehm warm, Luft und Wasser.

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