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Reise nach Troja : Stein oder Nichtstein

Die historische Wahrheit ist ein kaltes Ding, aber dafür ist das neue Pferd beim Ausgrabungsgelände in Troja aus Holz und kann von jedermann bestiegen werden. Bild: Archive von Troja

Wie schön wäre es, wenn die Schlachten der homerischen Helden wirklich hier stattgefunden hätten: Eine Reise zu den heiß umkämpften Ruinen von Troja.

          6 Min.

          Ist es das? Lag hier das Tor, das skäische, wo „der Troer Gebieter dort auf dem Turme . . . saßen, die Ältsten der Stadt“ und die schöne Helena bewunderten, wie der Dichter der „Ilias“ erzählt? Das wäre schön, denn der Anblick, der sich von der Besucherplattform im Südwesten des Burghügels von Hisarlik herunter bietet, passt perfekt zu unserer Vorstellung von dem Ort, an dem Achill und Hektor, Paris und Patroklos um Leben und Ehre und die Schätze der Stadt des Priamos stritten. Da liegt eine breite, mit Steinplatten gepflasterte Rampe zwischen meterdicken, im Zickzack verlaufenden Mauern, Reste einer Befestigungsanlage, die den Kern einer bronzezeitlichen Großsiedlung umschloss – Fürstensitz, Königsburg, Schlachtfeld, all das, was vor dem inneren Auge des Reisenden aufsteigt, wenn er liest, wie der Dichter Homer die steile, hochgebaute und ruhmreiche Ilios beschreibt, Stadt der Troer und Schauplatz jenes Krieges, dessen Schilderung am Anfang der europäischen Literaturgeschichte steht. Das muss es sein, das skäische Tor!

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schön wäre es. Aber es ist nicht wahr. Die Rampe und die Mauerreste gehören zu einer Anlage, die längst verschwunden war, als die Helden Homers nach Troja zogen. Sie wurde im dritten Jahrtausend vor Christus errichtet, als hier ein lokales Fürstengeschlecht im Mündungsdelta der Flüsse Skamander und Simoeis residierte, und war bereits die zweite Siedlung auf dem Hisarlik-Hügel. Dieses Troja II, wie es nach der heutigen Zählung der Archäologen heißt, kontrollierte offenbar auch die Goldminen im nahen Ida-Gebirge, so dass einige seiner Bewohner beträchtliche Mengen des Edelmetalls horten konnten, die sie von bronzezeitlichen Schmieden zu hinreißend filigranen Schmuckstücken verarbeiten ließen. Manche fanden sogar Zeit, ihre Schätze unter den Fundamenten ihrer Häuser zu vergraben, bevor Troja II um 2300 vor Christus in einer Brandkatastrophe unterging. Danach ruhten sie gut viertausend Jahre lang unter der Erde des Burghügels über der Ebene des Kara Menderes, wie der Skamander auf Türkisch heißt. Bis Heinrich Schliemann sie wiederentdeckte. Es war der 31. Mai 1873, der Beginn des zweiten, des neuzeitlichen Krieges um Troja.

          Bald gleicht die Wirklichkeit der Visualisierung: das neue archäologische Museum in Troja
          Bald gleicht die Wirklichkeit der Visualisierung: das neue archäologische Museum in Troja : Bild: Archive von Troja Ausgrabungsarbeiten

          Dieser Krieg wird nicht mehr mit Schwertern und Schilden, Speeren und Streitwagen ausgetragen, sondern mit Spaten, Schreibzeug und Laptop, und seine Helden sind keine muskelbepackten Recken, sondern promovierte Historiker, Archäologen, Philologen und Kulturbürokraten. Aber im Grunde geht es um die gleiche Frage wie bei Homer: Wem gehört Troja? Wer darf als Sieger die Geschichte schreiben? Der Erste, der darauf eine Antwort gab, war eben Schliemann, und ihm unterlief zugleich der erste folgenschwere Irrtum. Denn der Schmuck, den er aus dem Schutt auf dem Hisarlik herausgrub, war eben nicht der Schatz des Priamos, für den er ihn hielt, sondern gehörte einem vorzeitlichen Herrscher, dessen Name vom Winde verweht ist. Aber das Foto, auf dem Schliemanns Ehefrau Sophia die Goldgehänge aus Troja II an Stirn, Hals und Ohren trägt, ging um die Welt, es prägte das Trojabild von Generationen, und es steckt auch jetzt noch im Kopf des Betrachters, während er von der Besucherplattform herab auf jenes Tor blickt, das nicht das skäische ist.

          Troja I bis VIIb

          Einen Steinwurf von hier, Richtung Norden, liegt der „Schliemann-Graben“, den der deutsche Amateurhistoriker in den Hügel fräsen ließ, um dessen homerische Schicht freizulegen. Seitab, unter einem Feigenbaum, fand er die Silberkrüge mit dem Priamosschatz. Wenn man von dort hügelaufwärts geht, kann man unter dem stahlgestützten Zelt, das die heutigen Ausgräber aufgestellt haben, die miteinander verbackenen Lehmziegel der Brandschicht von Troja VII betrachten, das der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann für den Schauplatz der „Ilias“ hielt. Und wenn man noch weiter nach Osten zurückläuft, zum Eingang des Besucherparcours, den die türkische Antikenverwaltung abgesteckt hat, erreicht man die kunstreich abgeschrägte und gezackte Außenmauer von Troja VI, vor der Schliemanns Nachfolger, der Architekt Wilhelm Dörpfeld, die Heere der Achäer und der Troer aufeinanderschlagen sah.

          Hisarlik ist eine übersichtliche Ausgrabungsstätte. In einer Stunde, selbst bei gemächlichem Tempo, kann man den Ruinenhügel bequem ablaufen. Und doch ist dieser Ort ein Labyrinth. Unter den berühmten Troja-Eichen, die nur in dieser Gegend wachsen, und dem üppig blühenden Klatschmohn liegen die Trümmer ineinandergeschichteter Städte und einander widerlegender Grabungskampagnen. Die Häuser und Türme, deren Grundmauern sich in wirren Winkeln kreuzen, werden laufend neu datiert, auch über Troja VII, das inzwischen in VIIa und VIIb1-3 unterteilt wird, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zwischen Resten aus der mittleren und späten Bronzezeit stößt man plötzlich auf Säulentrommeln und Bruchstücke von Kassettendecken. Sie gehören zum römischen Athenatempel, für den im ersten Jahrhundert vor Christus beinahe die Hälfte des Burghügels planiert wurde. Die Römer förderten die Pflanzstadt Novum Ilium, die Heimat ihres mythischen Stammvaters Äneas, nach Kräften. Denn schon die Antike glaubte, dass hier, auf dem Gelände des griechischen Dörfchens Ilion, der Kampf um Troja stattgefunden hatte. Aber sie dachten nicht daran, nach Beweisen für die Wahrheit des Mythos zu graben, sondern begnügten sich damit, ihn zu verehren. Der Perserkönig Xerxes opferte tausend Rinder auf Ilions Altären, bevor er den Hellespont überquerte, um die Städte Griechenlands zu unterjochen. Alexander der Große besorgte sich hier auf dem Weg nach Persien ein Schwert, das angeblich dem Achill gehört hatte. Cäsar hat auf dem Burghügel gekniet, Konstantin wollte ein paar Kilometer weiter seine neue Hauptstadt gründen, bevor er sich schließlich für den Standort am Bosporus entschied, und noch Mehmed II., der osmanische Eroberer Konstantinopels, feierte am Skamander seinen Sieg über die Ungläubigen.

          Mauerreste aus vier Jahrtausenden: die Grabungsstätte von oben
          Mauerreste aus vier Jahrtausenden: die Grabungsstätte von oben : Bild: Archive von Troja Ausgrabungsarbeiten

          Wenn es die heutigen Troja-Verehrer doch nur so leicht hätten. Von dem Aussichtspunkt, den die Archäologen zwischen der Torrampe von Troja II und den Südwestmauern von Troja VI eingerichtet haben, blickt man nach Süden über die Ebene, durch die der Skamander, ein Opfer moderner Wasserbewirtschaftung, mittlerweile als mageres Rinnsal fließt. Um dieses flache Gelände tobte vor siebzehn Jahren ein Gelehrtenstreit, der von Deutschland aus in die angelsächsische und die türkische Publizistik ausstrahlte. Auf der einen Seite stand der Archäologe Manfred Korfmann, der von 1988 bis zu seinem Tod 2005 als Grabungsleiter in Hisarlik tätig war. Korfmann wollte im Schwemmland die Reste einer bronzezeitlichen Unterstadt mit Graben, Palisadenmauer und dichter Bebauung entdeckt haben, durch die der Burghügel an den Dardanellen in den Rang einer kleinasiatischen Metropole aufgestiegen wäre.

          Der Hügel von Hisarlik

          Ihm widersprach der Althistoriker Frank Kolb, der Korfmann als „Däniken der Archäologie“ und die Entdeckung als Bluff bezeichnete. Weitere Streitpunkte waren ein Siegel mit luwischen Zeichen, das bis heute das einzige schriftliche Zeugnis aus Hisarlik darstellt, und ein hethitischer Vertragstext, in dem ein Fürst Alaksandu aus Wilusa erwähnt wird. War Wilusa vielleicht Ilios? Hieß Paris, der Räuber Helenas, bei Homer nicht auch Alexander? Beide Kontrahenten sammelten ihre Verbündeten, es kam zu Tagungen, Aufsatzbänden, postumen Abrechnungen. Inzwischen ist die Troja-Debatte abgeflaut, auch deshalb, weil Korfmanns Nachfolger im Schwemmland nichts Aufregendes mehr gefunden haben. Seit sechs Jahren leitet der türkische Archäologe Rüstem Aslan die Ausgrabungen. Aslan hat bei Korfmann in Tübingen studiert, es liegt ihm fern, seinen Lehrer zu kritisieren. Aber er drückt sich zurückhaltend aus, wenn es um das Thema Unterstadt geht. Aslans eigener Grabungsschwerpunkt liegt vor dem Südtor von Troja VII, dort also, wo am ehesten ein Bauern- und Handwerkerdorf gelegen haben dürfte. Eine spätbronzezeitliche Handelsstadt mit Verbindungen nach Mykene, Ägypten und ins Schwarze Meer, wie Korfmann sie sich vorstellte, wird aus Troja wohl nicht mehr werden.

          Dafür wird Hisarlik zum Museumsstandort. Rechtzeitig zum Ende der deutschen Grabungshoheit im Jahr 2012 beschloss die türkische Regierung, in Sichtweite des Geländes einen Neubau zu errichten, der die Sammlungen aus dem bisherigen Troja-Museum in der Hafenstadt Çanakkale aufnehmen und zugleich als Forschungsatelier dienen soll. Der Kubus, den der Istanbuler Architekt Yalin Mimarlik auf ein Feld an der Landstraße nach Çanakkale gestellt hat und der in diesem Sommer eröffnet werden soll, erfüllt beide Vorgaben aufs Beste. Von weitem wirkt der Bau aus rostfarbenem Cortenstahl wie ein Selfstorage-Würfel, der sich aus der Metropole aufs Land verirrt hat. Wenn man ihn aber durch den unterirdischen Eingang im Osten betritt, entdeckt man, dass er sowohl ein Aussichtsturm als auch eine Wendeltreppe durch die Zeiten ist.

          Bild: F.A.Z.

          Auf dem Weg durch die drei Hauptgeschosse durchläuft man die zehn Phasen der Besiedlung des Burghügels, von der allerersten Zitadelle, die um 3000 vor Christus direkt auf den Felsgrund gesetzt wurde, bis zum oströmischen Bischofssitz, der in den Stürmen der Spätantike unterging. Oben angelangt, kann man auf der Dachplattform das Panorama der Troas genießen: im Osten das Ida-Gebirge mit dem achtzehnhundert Meter hohen Gipfel des Kirklar Tepesi, der in der Antike Gargara hieß, im Westen die Dardanellen mit den vorgelagerten Inseln Imbros und Tenedos. Homer, oder wer immer am Ende des achten vorchristlichen Jahrhunderts die „Ilias“ zu Papier brachte, hat diese Landschaft gekannt, denn das Epos beschreibt sie ausführlich und topographisch genau. Aber die Orts- und Personennamen der homerischen Gesänge entstammen trotz aller gegenteiligen Deutungsversuche nicht der Welt der Mykener und Hethiter, sondern der archaischen Epoche Griechenlands, und auch von den Bauten unter dem Burgberg hat der Sänger nichts gewusst. Einen Torturm, auf dem die Ältesten von Troja hätten tagen und auf Helena herunterschauen können, gibt es in Hisarlik jedenfalls nicht. Das skäische Tor und die bronzezeitliche Rampe, die Helden und der Hügel, sie kommen nicht zusammen, so sehr sich die Phantasie auch müht, aus den weit verstreuten Einzelteilen ein zusammenhängendes Puzzle zu legen. Aber weil wir an Bilder glauben, wird der Kampf um Troja wohl nie aufhören. So gesehen, ist der Hügel von Hisarlik als historischer Erinnerungsort mindestens so wichtig wie als Ausgrabungsstätte. Er bleibt das Denkmal einer großen Illusion.

          Wahrheit und Märchen

          Den Touristen, die sich vor dem trojanischen Holzpferd am Eingang fotografieren oder winkend aus den Fensteröffnungen des Pferdekörpers schauen, kann das egal sein. Manche, so hört man, lassen es dabei bewenden, sie verschwenden an die echten Überreste keinen Blick. Auch das hat seine Logik, die den wissenschaftlichen wie populären Deutern nicht ganz fremd sein dürfte. Denn die historische Wahrheit ist ein kaltes, in Stein geschriebenes Ding. Die Märchen dagegen sind bunt und schön, man liest und sieht sie immer wieder gern. Zur Museumseröffnung, heißt es, sollen Brad Pitt und Diane Kruger kommen, die Hauptfiguren des „Troja“-Films von Wolfgang Petersen. Und vielleicht lassen sich ja auch Zeus, Apollon und Athene blicken. Wenn auch in zeitgemäßer Verkleidung.

          Der Weg nach Troja

          Anreise Nach Istanbul mit Turkish Airlines oder Pegasus, direkt ab Berlin, ab 150 Euro; ab Frankfurt mit Turkish Airlines, ab 200 Euro. Weiter mit Inlandsflug oder dem Mietwagen (fünf Stunden) nach Çanakkale.

          Unterkunft Die nächste Übernachtungsmöglichkeit zur Grabungsstätte ist in Çanakkale, z. B. Hotel „Kolin“, Doppelzimmer ab 50 Euro (kolinhotel.com).

          Museum Troja feiert 2018 das zwanzigjährige Jubiläum des Weltkulturerbetitels; das Archäologische Museum von Troja soll im Juli eröffnen (www.muze.gov.tr/en/museums/truva-troia-orenyeri)

          Weitere Informationen unter www.tuerkeifasziniert.de

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