https://www.faz.net/-gxh-9bath

Reise nach Troja : Stein oder Nichtstein

Dafür wird Hisarlik zum Museumsstandort. Rechtzeitig zum Ende der deutschen Grabungshoheit im Jahr 2012 beschloss die türkische Regierung, in Sichtweite des Geländes einen Neubau zu errichten, der die Sammlungen aus dem bisherigen Troja-Museum in der Hafenstadt Çanakkale aufnehmen und zugleich als Forschungsatelier dienen soll. Der Kubus, den der Istanbuler Architekt Yalin Mimarlik auf ein Feld an der Landstraße nach Çanakkale gestellt hat und der in diesem Sommer eröffnet werden soll, erfüllt beide Vorgaben aufs Beste. Von weitem wirkt der Bau aus rostfarbenem Cortenstahl wie ein Selfstorage-Würfel, der sich aus der Metropole aufs Land verirrt hat. Wenn man ihn aber durch den unterirdischen Eingang im Osten betritt, entdeckt man, dass er sowohl ein Aussichtsturm als auch eine Wendeltreppe durch die Zeiten ist.

Bild: F.A.Z.

Auf dem Weg durch die drei Hauptgeschosse durchläuft man die zehn Phasen der Besiedlung des Burghügels, von der allerersten Zitadelle, die um 3000 vor Christus direkt auf den Felsgrund gesetzt wurde, bis zum oströmischen Bischofssitz, der in den Stürmen der Spätantike unterging. Oben angelangt, kann man auf der Dachplattform das Panorama der Troas genießen: im Osten das Ida-Gebirge mit dem achtzehnhundert Meter hohen Gipfel des Kirklar Tepesi, der in der Antike Gargara hieß, im Westen die Dardanellen mit den vorgelagerten Inseln Imbros und Tenedos. Homer, oder wer immer am Ende des achten vorchristlichen Jahrhunderts die „Ilias“ zu Papier brachte, hat diese Landschaft gekannt, denn das Epos beschreibt sie ausführlich und topographisch genau. Aber die Orts- und Personennamen der homerischen Gesänge entstammen trotz aller gegenteiligen Deutungsversuche nicht der Welt der Mykener und Hethiter, sondern der archaischen Epoche Griechenlands, und auch von den Bauten unter dem Burgberg hat der Sänger nichts gewusst. Einen Torturm, auf dem die Ältesten von Troja hätten tagen und auf Helena herunterschauen können, gibt es in Hisarlik jedenfalls nicht. Das skäische Tor und die bronzezeitliche Rampe, die Helden und der Hügel, sie kommen nicht zusammen, so sehr sich die Phantasie auch müht, aus den weit verstreuten Einzelteilen ein zusammenhängendes Puzzle zu legen. Aber weil wir an Bilder glauben, wird der Kampf um Troja wohl nie aufhören. So gesehen, ist der Hügel von Hisarlik als historischer Erinnerungsort mindestens so wichtig wie als Ausgrabungsstätte. Er bleibt das Denkmal einer großen Illusion.

Wahrheit und Märchen

Den Touristen, die sich vor dem trojanischen Holzpferd am Eingang fotografieren oder winkend aus den Fensteröffnungen des Pferdekörpers schauen, kann das egal sein. Manche, so hört man, lassen es dabei bewenden, sie verschwenden an die echten Überreste keinen Blick. Auch das hat seine Logik, die den wissenschaftlichen wie populären Deutern nicht ganz fremd sein dürfte. Denn die historische Wahrheit ist ein kaltes, in Stein geschriebenes Ding. Die Märchen dagegen sind bunt und schön, man liest und sieht sie immer wieder gern. Zur Museumseröffnung, heißt es, sollen Brad Pitt und Diane Kruger kommen, die Hauptfiguren des „Troja“-Films von Wolfgang Petersen. Und vielleicht lassen sich ja auch Zeus, Apollon und Athene blicken. Wenn auch in zeitgemäßer Verkleidung.

Der Weg nach Troja

Anreise Nach Istanbul mit Turkish Airlines oder Pegasus, direkt ab Berlin, ab 150 Euro; ab Frankfurt mit Turkish Airlines, ab 200 Euro. Weiter mit Inlandsflug oder dem Mietwagen (fünf Stunden) nach Çanakkale.

Unterkunft Die nächste Übernachtungsmöglichkeit zur Grabungsstätte ist in Çanakkale, z. B. Hotel „Kolin“, Doppelzimmer ab 50 Euro (kolinhotel.com).

Museum Troja feiert 2018 das zwanzigjährige Jubiläum des Weltkulturerbetitels; das Archäologische Museum von Troja soll im Juli eröffnen (www.muze.gov.tr/en/museums/truva-troia-orenyeri)

Weitere Informationen unter www.tuerkeifasziniert.de

Weitere Themen

Topmeldungen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

Gesundheitsminister-Bericht : Spahn plant Maskenpflicht bis 2022

Mindestens bis zum Frühling will die Bundesregierung die Maskenpflicht aufrechterhalten. Gratistests sollen im Herbst entfallen und für Ungeimpfte könnten „erneut weitergehende Einschränkungen notwendig werden“.

Druck auf Sportler : Die Stärke der Verletzlichen

Der Druck, der auf den Stars dieser Spiele lastet, ist so sichtbar wie nie zuvor. Athletinnen und Athleten zeigen: Auch wer verletzlich ist, kann erfolgreich sein. Das könnte der Anfang eines Kulturwandels sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.