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Reise nach Troja : Stein oder Nichtstein

Hisarlik ist eine übersichtliche Ausgrabungsstätte. In einer Stunde, selbst bei gemächlichem Tempo, kann man den Ruinenhügel bequem ablaufen. Und doch ist dieser Ort ein Labyrinth. Unter den berühmten Troja-Eichen, die nur in dieser Gegend wachsen, und dem üppig blühenden Klatschmohn liegen die Trümmer ineinandergeschichteter Städte und einander widerlegender Grabungskampagnen. Die Häuser und Türme, deren Grundmauern sich in wirren Winkeln kreuzen, werden laufend neu datiert, auch über Troja VII, das inzwischen in VIIa und VIIb1-3 unterteilt wird, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zwischen Resten aus der mittleren und späten Bronzezeit stößt man plötzlich auf Säulentrommeln und Bruchstücke von Kassettendecken. Sie gehören zum römischen Athenatempel, für den im ersten Jahrhundert vor Christus beinahe die Hälfte des Burghügels planiert wurde. Die Römer förderten die Pflanzstadt Novum Ilium, die Heimat ihres mythischen Stammvaters Äneas, nach Kräften. Denn schon die Antike glaubte, dass hier, auf dem Gelände des griechischen Dörfchens Ilion, der Kampf um Troja stattgefunden hatte. Aber sie dachten nicht daran, nach Beweisen für die Wahrheit des Mythos zu graben, sondern begnügten sich damit, ihn zu verehren. Der Perserkönig Xerxes opferte tausend Rinder auf Ilions Altären, bevor er den Hellespont überquerte, um die Städte Griechenlands zu unterjochen. Alexander der Große besorgte sich hier auf dem Weg nach Persien ein Schwert, das angeblich dem Achill gehört hatte. Cäsar hat auf dem Burghügel gekniet, Konstantin wollte ein paar Kilometer weiter seine neue Hauptstadt gründen, bevor er sich schließlich für den Standort am Bosporus entschied, und noch Mehmed II., der osmanische Eroberer Konstantinopels, feierte am Skamander seinen Sieg über die Ungläubigen.

Mauerreste aus vier Jahrtausenden: die Grabungsstätte von oben
Mauerreste aus vier Jahrtausenden: die Grabungsstätte von oben : Bild: Archive von Troja Ausgrabungsarbeiten

Wenn es die heutigen Troja-Verehrer doch nur so leicht hätten. Von dem Aussichtspunkt, den die Archäologen zwischen der Torrampe von Troja II und den Südwestmauern von Troja VI eingerichtet haben, blickt man nach Süden über die Ebene, durch die der Skamander, ein Opfer moderner Wasserbewirtschaftung, mittlerweile als mageres Rinnsal fließt. Um dieses flache Gelände tobte vor siebzehn Jahren ein Gelehrtenstreit, der von Deutschland aus in die angelsächsische und die türkische Publizistik ausstrahlte. Auf der einen Seite stand der Archäologe Manfred Korfmann, der von 1988 bis zu seinem Tod 2005 als Grabungsleiter in Hisarlik tätig war. Korfmann wollte im Schwemmland die Reste einer bronzezeitlichen Unterstadt mit Graben, Palisadenmauer und dichter Bebauung entdeckt haben, durch die der Burghügel an den Dardanellen in den Rang einer kleinasiatischen Metropole aufgestiegen wäre.

Der Hügel von Hisarlik

Ihm widersprach der Althistoriker Frank Kolb, der Korfmann als „Däniken der Archäologie“ und die Entdeckung als Bluff bezeichnete. Weitere Streitpunkte waren ein Siegel mit luwischen Zeichen, das bis heute das einzige schriftliche Zeugnis aus Hisarlik darstellt, und ein hethitischer Vertragstext, in dem ein Fürst Alaksandu aus Wilusa erwähnt wird. War Wilusa vielleicht Ilios? Hieß Paris, der Räuber Helenas, bei Homer nicht auch Alexander? Beide Kontrahenten sammelten ihre Verbündeten, es kam zu Tagungen, Aufsatzbänden, postumen Abrechnungen. Inzwischen ist die Troja-Debatte abgeflaut, auch deshalb, weil Korfmanns Nachfolger im Schwemmland nichts Aufregendes mehr gefunden haben. Seit sechs Jahren leitet der türkische Archäologe Rüstem Aslan die Ausgrabungen. Aslan hat bei Korfmann in Tübingen studiert, es liegt ihm fern, seinen Lehrer zu kritisieren. Aber er drückt sich zurückhaltend aus, wenn es um das Thema Unterstadt geht. Aslans eigener Grabungsschwerpunkt liegt vor dem Südtor von Troja VII, dort also, wo am ehesten ein Bauern- und Handwerkerdorf gelegen haben dürfte. Eine spätbronzezeitliche Handelsstadt mit Verbindungen nach Mykene, Ägypten und ins Schwarze Meer, wie Korfmann sie sich vorstellte, wird aus Troja wohl nicht mehr werden.

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