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„Stand-up-Paddling“ : Die stehen da drauf

Gute Perspektive - „Man hat das Gefühl, über das Wasser zu laufen” Bild: AFP

Vom Surfboard zum Flaniergerät: „Stand-up Paddling“ ist der Trend des Sommers. Ganz entspannt geht es über das Wasser dahin, und das Paddel liegt wie ein zu langer Spazierstock in der Hand.

          6 Min.

          Die ersten Schritte auf dem Wasser sind staksig, kippelig, alles andere als flüssig. Die Hände klammern sich ans Paddel wie an einen zu langen Spazierstock und stochern damit im bodenlos Trüben. Dann: ein Ausflugsdampfer! Er zieht links vorbei, und seine Wellen rollen heran. Zehn-Zentimeter-Minibrecher, die sich, ganz langsam, zu ernsthaften Schwierigkeiten aufbauen. Die Zehen krallen sich in das Brett wie bei einer schwarzen Abfahrt in den Skistiefel. Die erste Welle erwischt das Brett rücklings, und die nun folgende Bewegung fühlt sich an, als würde man in der S-Bahn im Fallen die Haltestange mit sich reißen. Das also sind die ersten Stehversuche im „Stand-up-Paddling“, kurz SUP, wie der neue Trend im Wassersport genannt wird. Dabei steht man mit einem langen Paddel auf einem großen Surfbrett und fährt gemütlich über Flüsse und Seen, aber auch, weniger gemütlich, durch Stromschnellen und Wellenbrecher. Seit diesem Sommer hat SUP auch die deutschen Binnengewässer erreicht. Immer häufiger sieht man Silhouetten wie venezianische Gondolieri über Seen und Flüsse ziehen: vom Sylvensteinspeicher bis zur Hamburger Außenalster, von Frankfurt am Main bis zum Spreewald, von der Isar bis zum Berliner Müggelsee.

          Andreas Lesti
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dort rollt die letzte Ausflugsdampferwelle unter dem schaukelnden SUP-Board hindurch, und der Balanceakt ist vollbracht: Wir bleiben auf den Brettern. Sobald man ein Gefühl für das Wasser hat, ist es sogar relativ einfach: Hüftbreit stehen, ein wenig in die Knie gehen, das Paddel ins Wasser – und schon wird man zu einem erstaunlich stabilen Gebilde. Überhaupt: Stand-up-Paddling auf Seen und langsam fließenden Flüssen ist für Menschen mit normal ausgeprägtem Bewegungstalent und halbwegs sportlicher Grundverfassung schnell zu erlernen. „Zehn Minuten“, sagt John-Patrick Villwock, der im Mai gemeinsam mit seiner Frau Peggy am Müggelsee eines der ersten SUP-Center Deutschlands eröffnet hat und heute mit einer kleinen Gruppe eine Ausflugstour in die Köpenicker Altstadt unternimmt. Und so paddeln wir hinein in die Müggelspree Richtung Stadt.

          Seen und Flüsse sind perfekt geeignet

          6000 Kilometer weiter westlich, in Aspen, Colorado, hievt ein Mann, der als Erfinder des Binnengewässer-SUP gilt, einige Bretter auf das Dach seines Vans. Er heißt Charlie MacArthur und ist ein etwas in die Jahre gekommener Sunnyboy aus Kalifornien, der seit 1987 in Aspen lebt, diesem Ort, den die Welt mehr für das Surfen im Schnee als jenes auf dem Wasser kennt. In einem Schulungsraum der Aspen Skiing Company bildet Charlie heute fünf Jungs aus, die bald als SUP-Guides arbeiten wollen. Jeder berichtet, was er schon so alles gemacht hat, und von Erzählung zu Erzählung wird es wilder – Rafting-Guides, Surfer und Kajakfahrer, Snowboard- und Skilehrer. Diese Jungs sind alle Idealtypen der amerikanischen Outdoor- und Wassersportszene, Burschen mit langen Haaren, Spiegelsonnenbrillen, ins Gesicht gezogenen Kappen. Und doch blicken sie zu Charlie ehrfürchtig auf, weil er diese Erfahrung und Souveränität, diese Mischung aus Coolness und Entschlossenheit ausstrahlt, die ihnen allen noch fehlt. Charlie steht da, in Surfershorts und Kapuzenpulli, und nur an seinen zerschundenen, kräftigen Fingern kann man erahnen, was dieser Mann als Surfer und Kajakfahrer schon alles gemacht hat.

          „Stand-up-Paddling” ist der neue Trend im Wassersport
          „Stand-up-Paddling” ist der neue Trend im Wassersport : Bild: dapd

          Auf der Müggelspree geht es zügig voran – vier Schläge links, vier rechts, dann ein wenig dahingleiten und das Paddel wieder links ansetzen. „Entdeckungstour Altstadt Köpenick“ hat Villwock die Tour getauft – acht Kilometer vom Seebad Friedrichshagen zum Rathaus Köpenick und wieder zurück. Am Ufer ziehen rostrote Industrieruinen, kubische Neubauten und gediegene Bootsanlegestellen vorbei, dann unterqueren wir die Allende-Brücke – ein interessanter Blickwinkel auf eine Brücke. „In drei Stunden sollten wir es schaffen“, sagt Villwock, während er einschätzend über die Schulter auf die Gruppe blickt. Er ist eigentlich Windsurferlehrer und hat vor ein paar Jahren in Florida zum ersten Mal Stand-up-Paddler gesehen und spontan gesagt: „Das müsste man in Berlin machen. Die Seen und Flüsse sind perfekt dafür geeignet.“ Die Idee tat man damals noch als Spinnerei ab – Deutschland ist nicht Colorado.

          Schon 3000 Jahre alt

          Im Schulungsraum in Aspen erzählt Charlie MacArthur seinen Schülern von der langen Geschichte des Stand-up-Paddlings: „Schon vor 3000 Jahren haben die Menschen auf diese Weise vor der afrikanischen Küste Fische gefangen. Sie standen in ihrem flachen Kanu, weil sie so einen besseren Überblick über die Beute hatten – das waren die ersten Stand-up-Paddler.“ Doch erst die Polynesier machten aus dem Nützlichen das Angenehme und surften mit den Paddeln auf den Wellen dahin. Erst ab den 1950er Jahren wurde dann, vor allem auf Hawaii, wiederum das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden, weil die Surflehrer mit einem Paddel besser zu ihren Schülern kamen. „Richtig populär wurde SUP, als Extremsurfer Laird Hamilton mit einem Paddel in den Händen unter einer Monsterwelle hindurchsurfte“, erzählt Charlie seinen gebannten Zuhörern. Und als einer fragt, wer den Sport dann vom Ozean auf die Seen und Flüsse gebracht hat, da sagen vier Leute gleichzeitig: „Charlie MacArthur!“

          John-Patrick Villwock hat noch mal drei Jahre gewartet, bis er sein Vorhaben, SUP in Deutschland anzubieten, diesen Sommer verwirklicht hat. Wir sind am Kietzgraben angekommen, der von der Spree, vorbei an der Schlossinsel, in die Dahme führt, und Villwock erzählt, wie er sich vergangenen Sommer ein Brett kaufte, die Umgebung damit erkundete, sich in Österreich zum SUP-Instructor ausbilden ließ und mit dem Seebad Friedrichshagen vereinbarte, direkt neben dem markanten Sprungturm diesen Sommer ein SUP-Center zu eröffnen. „Trotz des schlechten Sommers sind bis jetzt insgesamt 480 Leute zu uns gekommen – viel mehr, als wir erwartet hatten.“ Und er ist sich sicher: „Nächsten Sommer werden in Deutschland SUP-Center nur so aus dem Boden sprießen.“ Wir paddeln unter der Schlossbrücke, am Rathaus Köpenick vorbei zur Anlegestelle am Luisenhain; eine Straßenbahn fährt vorbei. Es ist ein Stadtrundgang auf dem Wasser.

          „Man hat das Gefühl, über das Wasser zu laufen“

          Der Reiz dieses neuen Sports lässt sich verschieden beschreiben: Weil es so leicht zu erlernen ist, sagen viele. Weil es fast überall einen See oder Fluss in der Nähe gibt, ist oft zu hören. „Es ist die Perspektive“, sagt Peggy Villwock. „Man hat das Gefühl, über das Wasser zu laufen.“ „Es ist die Entspanntheit“, sagt ihr Ehemann. „Im Vergleich zum Windsurfen fehlt der Geschwindigkeitsrausch, man kann sich in Ruhe die Landschaft ansehen und mit anderen Paddlern unterhalten.“ „Wenn Windsurfen Alpinski ist, dann ist SUP Langlaufen“, sagt eine Mitpaddlerin. Und dann sei es auch noch gesund, fügt Villwock hinzu. Er habe zwei Bandscheibenoperationen hinter sich und, erst seit er SUP betreibe, sei er frei von allen Beschwerden. Zwei Männer in einem gemieteten Elektroboot fahren an uns vorbei und sagen berlinernd: „Früher ist man in die Berge gewandert. Jetzt wandert man wohl aufm Wasser, wa?“ Vielleicht auch keine ganz schlechte Art, SUP zu beschreiben.

          „SUP ist einfach ein weiterer attraktiver Hawaii-Exportartikel“, sagt Charlie MacArthur und erzählt, wie er 1973 auf Hawaii zum ersten Mal einen Stand-up-Paddler gesehen hat. „Ein Einheimischer ist elegant und leicht durchs Meer gepaddelt und hat jede Welle erwischt“, erzählt er und wirkt immer noch sehr begeistert. „Wir haben es dann auch probiert und haben keine einzige Welle erwischt.“ Das ist heute natürlich anders. Wir sind mittlerweile auf dem Castle Creek Pond, einem kleinen See, eher ein Tümpel, und Charlie erzählt, wie er das Potential von SUP auf Binnengewässern erkannt hat, dass man fast alle Flüsse damit befahren kann und eine Menge Spaß hat. Charlie zeigt seinen Schülern ein paar Techniken und Tricks auf dem Teich, leicht und elegant dreht er das Brett, geht darauf nach hinten und wendet es, während die Nase in die Luft ragt. Dann versuchen die Schüler, diese „Moves“ nachzumachen, und es geht ihnen, wie es einstmals Charlie mit dem Hawaiianer ging.

          Nun hat Stand-up-Paddling Deutschland erreicht, und man kann, wie einst beim Mountainbike und Snowboard, wieder einmal beobachten, was innerhalb kurzer Zeit passiert, wenn ein sogenannter Sporttrend über den Atlantik schwappt: Erst wecken spektakuläre Fotos die Neugier (Laird Hamilton), dann stehen die ersten Ausrüstungsgegenstände in Surfläden (Raceboards und Karbonpaddel), und ein paar Wichtigtuer, die es schon lange wussten, dass SUP das nächste große Ding wird, stiften mit kryptischem Szenevokabular Verwirrung (Carving Lines und Darw Strokes).

          Abendspaziergang auf dem Wasser

          Später gründet jemand einen Verband (der DSUPV), der alle rechtlichen Fragen klärt und einen Sponsor (eine große deutsche Brauerei) dazu animiert, einen Show-Wettbewerb (den SUP-Worldcup) zu finanzieren. Magazin-Specials zeigen dann noch spektakulärere Bilder (Laird Hamilton in der Monsterwelle) und informieren über noch speziellere und zwingend notwendige Ausrüstung. Wenn das Ganze solide als „Trend“ etabliert ist, eröffnen die ersten SUP-Center, SUP-Verleihstellen und SUP-Schulen, und die neue Szene trifft sich auf einer eigenen Messe (der SUP-Expo in Nürnberg, die im September stattfindet) - ein erstes Wesensmerkmal in der Entwicklung zum Breitensport.

          Am Müggelsee ist es Abend geworden, und überraschend kommt die Sonne unter den Wolken noch einmal zum Vorschein. Wir haben die Baumgarteninsel umpaddelt und dann die alte DDR-Filmfabrik, in der nun Loftwohnungen entstehen, die Biergärten und die nun am Ufer ruhenden Ausflugsdampfer hinter uns gelassen und ziehen nun wie die Schwäne über den stillen See. Das Wasser ist spiegelglatt, und Grünalgen ziehen sich über die Oberfläche, als hätte das Gewässer Altersringe. Und immer dort, wo das Paddel mit einem sanften Platschen einsticht, entstehen für eine paar Sekunden kreisrunde Astlöcher. Den Himmel zieren ein paar violette Abendwolken. Die letzten Flugzeuge schweben Richtung Schönefeld. Der Sprungturm des Seebades verschwimmt in der Dämmerung. Und der Abendspaziergang auf dem Wasser geht zu Ende.

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