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Sarajevo : Die Rosen des Todes und die Lust des Lebens

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Die Miljacka hilft, den Ort zu begreifen. Der Fluss fließt, aus dem bosnischen Bergland kommend, in ein sich weitendes Tal und begleitet Sarajevo wie ein topographischer Zeitstrahl. Bild: Johannes Freybler

Sarajevo ist tief verstrickt in seine tragische Geschichte, die bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Doch die bosnische Hauptstadt denkt gar nicht daran, an ihr zugrunde zu gehen.

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          Als wir nach Sarajevo kamen, regnete es. Die gewohnte Patina des südöstlichen Europas ist an solchen Tagen besonders ausdrucksvoll. Von den umliegenden Bergen krochen Nebelschwaden der Innenstadt entgegen, und unter tiefhängenden Wolken waren die Bauten in allen Schattierungen schlammfarbenen Betons noch bedrückender als üblich. Dazwischen standen glänzende Shopping Malls und Glastürme von Sparkassen, die scheinbar aus dem Himmel der Globalisierung herabgefallen waren und in ihrer unwirklichen Perfektion den Eindruck einer Endzeit noch verstärkten.

          Wir kamen aus Dubrovnik, das zwischen Pinien, Klippen und azurblauem Meer dem Konsens für erhabene Schönheit sehr nahe kommt – und dabei zu einer Kulisse für „Games of Thrones“ und Kreuzfahrtlandgänge zu verkommen droht. So weit wird es hier niemals kommen, das war schon bei der Einfahrt klar. Sarajevo ist die Kulisse seiner selbst: einer fast unerträglich überladenen Geschichte und einer umtriebigen Großstadt im Herzen des Balkans.

          Die Miljacka hilft, den Ort zu begreifen. Der Fluss fließt, aus dem bosnischen Bergland kommend, in ein sich weitendes Tal und begleitet Sarajevo wie ein topographischer Zeitstrahl von der Urstadt der Osmanen im Osten bis zu den Plattenbauten der Jugoslawen im Westen. Am Fluss findet der Spaziergänger Halt, schlendert an dem plätschernden Rinnsal entlang, wirft einen Blick in die von einer Kuppel behütete Kunstakademie, bewundert die Leichtigkeit des Festina-Lente-Stegs in Form einer schwebenden Schleife und beobachtet die verbeulten Straßenbahnen, die sich am anderen Ufer durch den Verkehr quälen und mit ihren Farben den Betrachter in ihren Bann ziehen: das gebrochene Weiß von übernächtigtem Schnee, ein fluoreszierendes Textmarker-Blau, gefolgt vom stechenden Gelb bosnischer Limonade und schließlich eine Bahn im Rot geronnenen Blutes.

          Zwei Schüsse später war der Frieden abhandengekommen

          Wir kommen an der mächtigen Synagoge der Aschkenasim und am osmanisierenden Musikpavillon im At-Mejdan-Park vorbei, überqueren auf der Lateinerbrücke den Fluss, und am anderen Ufer, vor einer unscheinbaren Steinplatte am Eckhaus vis-à-vis, wird unser guter Vorsatz, nicht allzu sehr im Vergangenen zu graben, erst einmal ausgesetzt. Das heute im Haus befindliche Museum Sarajevo 1878–1918 gibt genauestens Auskunft: An dieser Stelle, vor der Delikatessenhandlung Moritz Schiller, hatte Gavrilo Princip nach dem missglückten Attentat vom Morgen des 28. Juni 1914 ausgeharrt; anderen Quellen zufolge trank er einen Kaffee. Der Wagen des Thronfolgerehepaares näherte sich wenig später ein zweites Mal und hielt, nachdem er falsch abgebogen war, direkt vor dem Attentäter, um auf die Uferstraße zurückzusetzen. Zwei Pistolenschüsse später war Europa der Frieden endgültig abhandengekommen, und „Sarajevo“ wurde zum Inbegriff einer Zeitenwende, die so gewaltig war, dass in der Wahrnehmung der Welt der eigentliche Ort, die Wirklichkeit der bosnischen Kapitale, dahinter zu verschwinden drohte.

          Ein Bogen durch Zeit und Raum, ganz tief hinein ins Osmanische Reich: Im alten Teil der Stadt.

          Dabei muss man nur vom Fluss abzweigen und ein paar Gassen durchlaufen, um einen erstaunlichen Ort an der Nahtstelle der Kulturen zu entdecken. Der Bascarsija-Platz, mit seinen unregelmäßigen Grenzen wie zufällig hingezeichnet, ist gesäumt von gedrungenen Holzhäusern und einer Moschee, die wiederum von einer Tausendschaft kontaktfreudiger Tauben bevölkert wird. Schon der achteckige Brunnen mit seinem hölzernen Gitterwerk und dem von einer Kuppel bedeckten Baldachin schlägt einen Bogen durch Zeit und Raum, ganz tief hinein ins Osmanische Reich. Drum herum zieht sich ein orientalisches Viertel, wie es in Europa außerhalb der Türkei vermutlich nirgends existiert: die schmalen Gassen der Handwerkszünfte, steinerne Bazarbauten, versteckte Eingänge zu den Höfen der Karawansereien.

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