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Köln und der Rhein : Die Stadt verrät sich durch ihr Pflaster

  • -Aktualisiert am

Erinnern an den alten Hafen: Die kantigen Kranhäuser von Hadi Teherani, in denen heute Anwälte und Beratungsgesellschaften logieren. Bild: Picture-Alliance

Beginnt hinter Deutz wirklich Sibirien? Ein Spaziergang durch Köln in gespenstisch stillen Zeiten, immer an den Ufern des Rheins entlang.

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          Die Zeit ist träge geworden. Sie zieht sich und erreicht allmählich den Boden, was seltsam aussieht. Aber es ist gar nicht die Zeit, die hier hängt, sondern ein teppichgroßes Stück Bodenbeschichtung, sauber abgeschält aus der Brücke, das ein fürsorglicher Passant über das grüne Geländer gestülpt hat. Der Belag hängt da wie eine von Dalís schmelzenden Uhren, aus denen die Zeit zu tropfen scheint, und die Wirkung ist spürbar. Heute ist Sonntag. Wie gestern. Oder nicht? Das Coronavirus verändert das Empfinden für die Zeit. Die Sonne steht da, wo sie schon gestern stand, die Temperatur ist gleich, die Stille auch. In dieser Stille zieht es die Kölner zum Rhein, das machen sie gerne, schon immer, zu jedem Anlass, doch jetzt schauen sie, ob der Fluss noch da ist, und sind beruhigt. Niedrigwasser, aber der Rhein fließt. Er fließt so trügerisch, als sei nichts geschehen. Auch die Fließrichtung stimmt, und die Zoobrücke steht, also gehen wir über den Strom auf unserer Entdeckungsreise, auf dem Fußweg neben der sechsspurigen Brücke im Norden der Stadt, und halten den Blick nach unten gerichtet.

          Die Zoobrücke ist erneuert worden, ihre Fahrbahnen glitzern silbern. Nicht einmal die Schatten der Seilbahnkabinen brechen das Bild, weil der Betrieb der Seilbahn eingestellt ist. In den Kabinen kann der Abstand von anderthalb Metern zueinander nicht eingehalten werden, und wer fährt schon gerne allein? Das machen nur Autofahrer. Gelegentlich überholt uns einer, dann schwillt der Schall an und wieder ab. Bilder der Ölkrise kommen ins Gedächtnis. Damals liefen Menschen über die Fahrbahn. Das macht heute keiner. Die Passanten bleiben brav auf dem Fußweg, sie schlagen höflich Bögen umeinander und bewegen sich, als lägen überall Hundehaufen. Auf gleicher Höhe wenden sie die Köpfe ab und halten die Luft an. Bloß nicht in die Augen schauen. Es könnte der Sensenmann sein. Wir steigen über aufgequollene Nähte im Asphalt, sehen den Rost im Geländer und das Moos in den Fugen. Das Pflaster verrät alles über eine Stadt.

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