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Sommerserie „Ortsmarke“ : Verheiratet mit halb Europa

Momentan etwas provisorisch alles: Blick auf den roten Rathausturm. Bild: dpa

Gotha, war da nicht irgendetwas mit Versicherungen? Ja, auch. Dass von dieser Residenzstadt aus einmal ein fortschrittliches Musterländchen regiert wurde, vergisst man darüber leicht. Auftakt unserer Sommerserie über Orte, die auch Marken sind.

          8 Min.

          Die Größe Gothas, so wird mir nach zwei Tagen klar, besteht vor allem in einem fürchterlichen Minderwertigkeitskomplex. Da gehört man das Mittelalter hindurch unter den Landgrafen von Thüringen zu einem der politisch und kulturell wichtigsten Reiche, veranstaltet Sängerwettstreite auf der Wartburg und so weiter, nur damit nach Leipziger Teilung, Erfurter Teilung und Ernestinischer Teilung das schöne Land in einen Haufen unbedeutender Herzogtümer zerbröselt und das Herrschaftshaus sich in immer weiteren Nebenlinien verliert, die immer mehr Bindestriche benötigen, um sich voneinander abzugrenzen. Und die Kurwürde ist natürlich auch weg.

          Man war mal wer. Jetzt ist man Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg, neben einem Haufen weiterer Kleinstherzogtümer wie Sachsen-Coburg-Eisenach und Sachsen-Hildburghausen, die sich alle auch noch dauernd verschieben, weil Linien aussterben, weshalb man sie, da kein Mensch noch die Übersicht behalten kann, einfach „Ernestinische Herzogtümer“ nennt. Und dass da überall auch noch Sachsen davorsteht und nicht Thüringen, das ist eine Kränkung für sich.

          Musenhof hin oder her

          Diesen politischen Minderwertigkeitskomplex bemüht man sich allenthalben zu kompensieren. Weimar zum Beispiel versucht es mit seinem Musenhof, man dichtet, baut Gärten und spielt Theater. Für das nahe Gotha blieben immerhin noch die Naturwissenschaft und Gelehrsamkeit übrig. Wenn Goethe eine anständige Bibliothek brauchte, in der die persischen Dichtungen von Hafis ebenso zu finden waren wie das Neueste aus Forschung und Wissenschaft, dann musste er die Tagesreise nach Gotha auf sich nehmen, Musenhof hin oder her. Um Gotha kam man kaum herum. Leider, und besonders schade ist das für die Tourismuswerbung heutiger Tage, ist diese eigentlich so wichtige Stadt mit keinem der ganz großen Namen eng verbunden, der sich auf Tassen oder T-Shirts drucken ließe. Also außer dem Namen der großen Versicherung, aber damit will man ja auch nicht werben. Die Geschichte ist daher etwas sperriger zu vermarkten und benötigt ein paar mehr Zeilen, um sie zu verstehen. Der Minderwertigkeitskomplex ist aber schon einmal ein guter Anfang.

          Sieht man so nur selten: Freier Blick auf den Leinakanal.

          Leider ist Gotha zu allem Überfluss momentan wenig fotogen. Die halbe Innenstadt ist aufgerissen, die Wasserkunst, für die man stilistisch bei der barocken Kaskade der Kasseler Wilhelmshöhe bediente, liegt trocken. Dafür sieht man etwas, was man sonst nie sieht, nämlich die innerstädtische, aus roten Ziegeln gemauerte Röhre des Leinakanals. Im Jahr 1369 gebaut, weil die paar Stadtbrunnen die wachsende Bevölkerung nicht mehr versorgen konnten, transportiert sie frisches, weiches Wasser aus dem Thüringer Wald über fast dreißig Kilometer nach Gotha, bis heute. Das Wasser ließ die Brunnen im Schlosspark sprudeln, speiste die Orangerie und – etwas weniger glamourös, aber umso wichtiger – bewässerte die Bottiche im Fischkeller, der sich unter einer eisernen Falltür am Hauptmarkt befindet.

          Sieht man von den großflächigen Sanierungs- und Pflasterarbeiten ab, kann sich Gotha sehen lassen. Von der Altstadt sind gute Teile erhalten; Cafés, an denen die Ernährungs- und Dekorationstrends der letzten dreißig Jahre vorübergezogen sind, ohne viel Eindruck zu hinterlassen, bieten unverdrossen den guten alten Schwedeneisbecher mit Apfelmus und Eierlikör an, eine der letzten kulinarischen Herausforderungen für uns Westkinder. Das Tourismusamt befindet sich, frisch umgezogen, im Haus zur Goldenen Schelle und wartet gerade auf die Leihräder, mit denen man bald die Stadt erkunden kann. Am Rande des Zentrums stehen die ästhetisch wohl unauffälligsten Plattenbauten, die die DDR je hervorgebracht hat. Sie verfügen über eine vorgeblendete Ziegelschräge im obersten Stockwerk, die wie ein Dach aussieht, aber funktionell keines ist. Immerhin wirkt die Sache so etwas integrierter und nicht wie ein kubischer Fremdkörper, was sich einige Städte damals von Gotha abgeschaut haben.

          Friedenstein war gerade passender

          Über allem aber thront das Schloss. Einst stand auf dem Hügel über der Stadt die Festung Grimmenstein, die wurde aber im sechzehnten Jahrhundert geschleift. Dann kam Ernst der Fromme, Begründer des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg, und hatte nach der Ernestinischen Teilung zwar ein Reich mit Hauptstadt, aber keine Residenz. Rundherum tobte gerade der Dreißigjährige Krieg, aber Ernst hielt das im Jahr 1643 nicht von einem Neubau ab. Nur Grimmenstein sollte die Residenz bitte nicht mehr heißen, Friedenstein fand er in diesen unruhigen Zeiten angemessener. Und damit das Motto auch keinem entgeht, prangt ein Schild über dem Eingang, das den Friedenskuss zeigt, nämlich Justitia und Pax, die sich in den Armen liegen.

          Mit ihm fing alles an: Der Fromme Ludwig und sein friedliches Gemäuer.

          Herzog Ernst hielt sein Ländchen gut in Schuss. Er gründete ein Gymnasium, die allgemeine Schulpflicht galt für Mädchen und Jungen, das Bildungsniveau im Volk war hoch. Druckereien und Verlage siedelten sich an. Naturwissenschaftliche Sammlung und Forschungsbibliothek waren immer auf der Höhe der Zeit. Der erste astronomische Kongress Europas fand hier statt. Der Herzog bot verfolgten Lutheranern aus halb Europa Zuflucht und löcherte den gastierenden äthiopischen Theologen Abba Gregorius mit Fragen über seine Heimat und Sprache.

          Freimaurer gab es einige

          Und auch seine Nachfahren regierten meist liberal und umsichtig. Um das Schloss herum entstand bald einer der ȁltesten Landschaftsparks außerhalb Englands, über den Goethe ein paar freundliche Worte verlor, die man alsbald in Stein meißelte und an Ort und Stelle aufstellte. Adam Weishaupt, Gründer des Illuminatenordens, fand in Gotha eine neue Heimat, als er in Ingolstadt wegen radikal aufklärerischer Umtriebe in Ungnade gefallen war. Freimaurer gab es hier einige. Diplomatische Verbindungen bestanden in die halbe Welt, herzogliche Kinder aus Gotha heirateten in die höchsten Familien ein. Augusta war die Mutter des englischen Königs Georg III. – und die Mutter der Londoner Kew Gardens –, während der flamboyante Herzog Emil August der Großvater von Queen Victorias geliebtem Gatten Albert war.

          Fand auch Goethe schön: Schloßparkteich mit Tempelchen.

          All das erfährt man am besten bei einem Rundgang im Schloss, der sich lohnt, auch wenn die klassizistischen Prunkräume gerade renoviert werden. Die barocken Säle sind aber zu sehen, ebenso die Kunst- und Wunderkammer, und natürlich die Teetasse Herzog Emil Augusts aus weißem Porzellan mit einem äußerst phallischen Dekor, das die homoerotische Völkerfreundschaft feiert. Dieser Regent muss ein recht interessanter Mann gewesen sein, der mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit korrespondierte, mit Jean Paul und Bettine von Arnim, auch wenn sich die Geister an ihm schieden. „Ich habe mich nicht über ihn zu beklagen, aber es war immer ängstlich, eine Einladung zu seiner Tafel anzunehmen, weil man nicht voraussehen konnte, welchen der Ehrengäste er schonungslos zu behandeln zufällig geneigt sein möchte“, seufzte Goethe. Nur Napoleon hatte nie etwas zu befürchten, Emil Augusts Verehrung für ihn war grenzenlos.

          Das Schloss platzte aus allen Nähten

          Mit „Kyllenion – Ein Jahr in Arkadien“ schrieb Emil August im Übrigen den wohl ersten schwulen Versroman der deutschen Publikationsgeschichte. Und er sammelte, genau wie seine Vorfahren. Er schickte im Jahr 1817 einen jungen Mann in ein Handelskontor nach London, mit dem Auftrag, die frischen Lieferungen der Schiffe aus Ostindien zu sichten und nach Schätzen für sein orientalisches Kabinett zu durchforsten. Dieser junge Mann hieß Joseph Meyer. Er verspekulierte sich mehrfach fürchterlich, kam aber immer wieder irgendwie auf die Beine. Und landete schließlich mit Meyers Konversations-Lexikon einen enormen Erfolg.

          Prunkstück der Sammlung: Das „Gothaer Liebespaar“, um 1480.

          Nach ein paar Jahrhunderten Sammeltätigkeit platzte das Schloss Friedenstein aus allen Nähten. Und da die Zeit der öffentlichen Museen angebrochen war, beschloss der damals regierende Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, ein solches zu errichten. Der Bau wuchs sich zu einem Fiasko von BER-Flughafen-Ausmaßen aus, aus hundertzwanzigtausend Talern wurden am Ende vierhunderttausend, fünfzehn Jahre dauerte die Fertigstellung. Aber sie hat sich gelohnt, das Museum ist bis heute äußerst sehenswert mit seiner Sammlung alter deutscher und niederländischer Meister, mit dem Skulpturensaal, den Korkmodellen römischer Bauten und der ostasiatischen Kunst. Prunkstück ist das „Gothaer Liebespaar“ aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das erste profane Doppelporträt der deutschen Tafelmalerei.

          Das barocke Ekhof-Theater in einem der Ballsäle des Schlosses war die erste Bühne mit festem Ensemble und wird bis heute – mit echten Barockkulissen, die von Hand geschoben werden – regelmäßig bespielt. Benannt ist es nach Conrad Ekhof, dem „Vater der deutschen Schauspielkunst“, der zunächst am Musenhof Anna Amalias in Weimar gastierte, nach dem Weimarer Schloss- und Theaterbrand aber nach Gotha umsiedelte. Hier am Hof fand er eine neue Heimat, gründete eine Freimaurerloge, der sogleich auch der Herzog beitrat, und war Mitglied des ersten deutschen Hoftheaters mit festem Ensemble. Auch August Wilhelm Iffland, der mit dem Ring, begann hier seine Karriere.

          Langwierige Formalitäten, zähe Bearbeitung

          Und dann ist da eben doch noch die Sache mit der Versicherung. Man kommt als bahnreisender Tagesausflügler kaum an ihr vorbei, denn alle wichtigen Bauten befinden sich zwischen Bahnhof und Innenstadt, der „Straße der Versicherungen“, wie Horst Gröner vom Versicherungsmuseum Ernst Wilhelm Arnoldi erklärt, der Mann, der alles über Gotha, Versicherungen und Ernst Wilhelm Arnoldi weiß. Auf dieser Bahnhofstraße, wie sie offiziell heißt, steht rechter Hand das klassizistische ehemalige Verwaltungsgebäude, in dem das Versicherungsmuseum untergebracht ist, geziert von zwei Damen aus Stein, einer traurigen – unversicherten – und einer lustigen Witwe, die fröhlich der Auszahlung einer Lebensversicherungsprämie entgegensieht.

          Wird bis heute bespielt, aber Karten sind knapp: Das barocke Ekhof-Theater.

          Benannt ist das Museum nach einem dieser wichtigen Gothaer, die kein Mensch kennt, die aber breite Spuren hinterlassen haben. Besagter Arnoldi war ein Kaufmann, der nach seiner Ausbildung eine Holz- und eine Porzellanfabrik führte. Solche Fabriken waren üblicherweise bei der englischen Phoenix Assurance versichert, die in Deutschland nahezu eine Monopolstellung hatte. Was passiert, wenn es wirklich zu einem Schaden kommt, erfuhr er, als die väterliche Tabakfabrik brannte: langwierige Formalitäten, zähe Bearbeitung irgendwo in London und magere Auszahlung bei hohen Beiträgen.

          Die Idee einer Feuerversicherung

          Über die Phoenix fluchte die halbe Familie Arnoldi, der Sohn befand, das müsse besser gehen. Im Jahr 1817 schrieb er einen Aufsatz über „Die Idee einer eigenen deutschen Feuerversicherung“, rannte damit bei Kollegen und Herzog offene Türen ein und gründete kurz darauf, vor genau zweihundert Jahren, am 2. Juli 1820 die Feuerversicherungsbank des Deutschen Handelsstandes. Das Jahr über warb er dafür, zum 1. Januar 1821 liefen die ersten Verträge an. Arnoldi setzte auf ein weitverzweigtes Netz an Versicherungsvertretern, meist Besitzer lokaler Kaufläden, die Kunden in Hanau, Hamburg und Königsberg einwarben. Das Modell war außerdem eine Art Genossenschaft, ein „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“ – bis heute trägt die Gothaer das Kürzel VVaG hinter dem Firmennamen.

          Von Gotha aus ins ganze Land: Versicherungsschild der Gothaer Versicherungsbank aus dem Jahr 1850.

          Und beim Feuer blieb es nicht, es folgte die damals noch ganz neue Lebensversicherung. 1827 erst erschien das Grundlagenwerk des englischen Mathematikers Charles Babbage „A Comparative View of the Various Institutions for the Assur-ance of Lives“ auf Deutsch, in dem erstmals statistisch fundiert mit Sterbetabellen gearbeitet wird. Zwei Jahre lang beriet sich Arnoldi mit Medizinern, Mathematikern und Geschäftsleuten und gründete am 1. Januar 1829 in seinem Wohnhaus die erste deutsche Lebensversicherung, auch diese als Gegenseitigkeitsverein. Nur ein einziges Mal mussten die Mitglieder einen Nachschuss zahlen, nämlich 1842 beim großen Hamburger Brand.

          Waldwärts im Tatra-Waggon

          Im Jahr 1946 waren in der Sowjetischen Besatzungszone private Versicherungen nicht mehr erlaubt. Es kam zu einem reichlich überstürzten Umzug, bei dem Akten in Rucksäcke gepackt und nach Göttingen und nach Köln gebracht wurden, wo sich bis heute der Hauptsitz befindet. In das Gebäude in Gotha zog die Landesversicherungsanstalt für Thüringen ein, später ein Rechenzentrum für die staatliche Versicherung der DDR. Diese musste jährlich 1,7 Milliarden Mark an den Staat abliefern, der wiederum im Schadensfall direkt bezahlte. Damit diese Summe auch zusammenkam, waren die Versicherungsvertreter die einzige Berufsgruppe, die in der DDR Provision bekam – sprich: nach Leistung bezahlt wurde.

          Ab ins Grüne: Fahrt mit der Thüringerwaldbahn, eine der letzten Überlandstraßenbahnen.

          Wenn man von der Stadt und den Herzögen irgendwann genug und auch schon die Gartenstadt „Am schmalen Rain“ besichtigt hat, die in den zwanziger Jahren für Eisenbahner errichtet und vor ein paar Jahren vorbildlich renoviert wurde, dann setzt man sich in die Linie 4 nach Bad Tabarz. Die Linie 4 ist die Thüringerwaldbahn, eine der heute selten gewordenen Überlandstraßenbahnen. Sie zuckelt mit ihren alten, eckigen Tatra-Waggons durch Felder und Gärten, dann durch immer dichteren Wald und in immer hügeligere Gegend auf den Großen Inselsberg zu, dem mit 916 Metern immerhin noch vierthöchsten Berg Thüringens. Ich beschließe, in Friedrichroda auszusteigen, und bereue es nicht. Das kleine Kurstädtchen mit seinen Sommerfrischevillen liegt ziemlich fotogen am Wald, und beim erstbesten Restaurant gibt es schon selbstgeschossenes Wild mit Klößen. Man sollte niemals nach Thüringen fahren, ohne Wald gesehen und Klöße gegessen zu haben. Von Gotha aus kann man beides in einer Dreiviertelstunde erreichen.

          Nein, an ihre alte Glanzzeit reicht die Stadt so schnell wohl nicht mehr heran, aber ein paar sehr gute Argumente für den Besuch gibt es eben doch, auch wenn sie nicht ganz so leicht zu vermitteln sind. Für Minderwertigkeitskomplexe gibt es jedenfalls überhaupt keinen Grund.

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