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Sommerserie „Ortsmarke“ : Verheiratet mit halb Europa

Von Gotha aus ins ganze Land: Versicherungsschild der Gothaer Versicherungsbank aus dem Jahr 1850.

Und beim Feuer blieb es nicht, es folgte die damals noch ganz neue Lebensversicherung. 1827 erst erschien das Grundlagenwerk des englischen Mathematikers Charles Babbage „A Comparative View of the Various Institutions for the Assur-ance of Lives“ auf Deutsch, in dem erstmals statistisch fundiert mit Sterbetabellen gearbeitet wird. Zwei Jahre lang beriet sich Arnoldi mit Medizinern, Mathematikern und Geschäftsleuten und gründete am 1. Januar 1829 in seinem Wohnhaus die erste deutsche Lebensversicherung, auch diese als Gegenseitigkeitsverein. Nur ein einziges Mal mussten die Mitglieder einen Nachschuss zahlen, nämlich 1842 beim großen Hamburger Brand.

Waldwärts im Tatra-Waggon

Im Jahr 1946 waren in der Sowjetischen Besatzungszone private Versicherungen nicht mehr erlaubt. Es kam zu einem reichlich überstürzten Umzug, bei dem Akten in Rucksäcke gepackt und nach Göttingen und nach Köln gebracht wurden, wo sich bis heute der Hauptsitz befindet. In das Gebäude in Gotha zog die Landesversicherungsanstalt für Thüringen ein, später ein Rechenzentrum für die staatliche Versicherung der DDR. Diese musste jährlich 1,7 Milliarden Mark an den Staat abliefern, der wiederum im Schadensfall direkt bezahlte. Damit diese Summe auch zusammenkam, waren die Versicherungsvertreter die einzige Berufsgruppe, die in der DDR Provision bekam – sprich: nach Leistung bezahlt wurde.

Ab ins Grüne: Fahrt mit der Thüringerwaldbahn, eine der letzten Überlandstraßenbahnen.

Wenn man von der Stadt und den Herzögen irgendwann genug und auch schon die Gartenstadt „Am schmalen Rain“ besichtigt hat, die in den zwanziger Jahren für Eisenbahner errichtet und vor ein paar Jahren vorbildlich renoviert wurde, dann setzt man sich in die Linie 4 nach Bad Tabarz. Die Linie 4 ist die Thüringerwaldbahn, eine der heute selten gewordenen Überlandstraßenbahnen. Sie zuckelt mit ihren alten, eckigen Tatra-Waggons durch Felder und Gärten, dann durch immer dichteren Wald und in immer hügeligere Gegend auf den Großen Inselsberg zu, dem mit 916 Metern immerhin noch vierthöchsten Berg Thüringens. Ich beschließe, in Friedrichroda auszusteigen, und bereue es nicht. Das kleine Kurstädtchen mit seinen Sommerfrischevillen liegt ziemlich fotogen am Wald, und beim erstbesten Restaurant gibt es schon selbstgeschossenes Wild mit Klößen. Man sollte niemals nach Thüringen fahren, ohne Wald gesehen und Klöße gegessen zu haben. Von Gotha aus kann man beides in einer Dreiviertelstunde erreichen.

Nein, an ihre alte Glanzzeit reicht die Stadt so schnell wohl nicht mehr heran, aber ein paar sehr gute Argumente für den Besuch gibt es eben doch, auch wenn sie nicht ganz so leicht zu vermitteln sind. Für Minderwertigkeitskomplexe gibt es jedenfalls überhaupt keinen Grund.

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