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Sommerserie „Ortsmarke“ : Verheiratet mit halb Europa

Prunkstück der Sammlung: Das „Gothaer Liebespaar“, um 1480.

Nach ein paar Jahrhunderten Sammeltätigkeit platzte das Schloss Friedenstein aus allen Nähten. Und da die Zeit der öffentlichen Museen angebrochen war, beschloss der damals regierende Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, ein solches zu errichten. Der Bau wuchs sich zu einem Fiasko von BER-Flughafen-Ausmaßen aus, aus hundertzwanzigtausend Talern wurden am Ende vierhunderttausend, fünfzehn Jahre dauerte die Fertigstellung. Aber sie hat sich gelohnt, das Museum ist bis heute äußerst sehenswert mit seiner Sammlung alter deutscher und niederländischer Meister, mit dem Skulpturensaal, den Korkmodellen römischer Bauten und der ostasiatischen Kunst. Prunkstück ist das „Gothaer Liebespaar“ aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das erste profane Doppelporträt der deutschen Tafelmalerei.

Das barocke Ekhof-Theater in einem der Ballsäle des Schlosses war die erste Bühne mit festem Ensemble und wird bis heute – mit echten Barockkulissen, die von Hand geschoben werden – regelmäßig bespielt. Benannt ist es nach Conrad Ekhof, dem „Vater der deutschen Schauspielkunst“, der zunächst am Musenhof Anna Amalias in Weimar gastierte, nach dem Weimarer Schloss- und Theaterbrand aber nach Gotha umsiedelte. Hier am Hof fand er eine neue Heimat, gründete eine Freimaurerloge, der sogleich auch der Herzog beitrat, und war Mitglied des ersten deutschen Hoftheaters mit festem Ensemble. Auch August Wilhelm Iffland, der mit dem Ring, begann hier seine Karriere.

Langwierige Formalitäten, zähe Bearbeitung

Und dann ist da eben doch noch die Sache mit der Versicherung. Man kommt als bahnreisender Tagesausflügler kaum an ihr vorbei, denn alle wichtigen Bauten befinden sich zwischen Bahnhof und Innenstadt, der „Straße der Versicherungen“, wie Horst Gröner vom Versicherungsmuseum Ernst Wilhelm Arnoldi erklärt, der Mann, der alles über Gotha, Versicherungen und Ernst Wilhelm Arnoldi weiß. Auf dieser Bahnhofstraße, wie sie offiziell heißt, steht rechter Hand das klassizistische ehemalige Verwaltungsgebäude, in dem das Versicherungsmuseum untergebracht ist, geziert von zwei Damen aus Stein, einer traurigen – unversicherten – und einer lustigen Witwe, die fröhlich der Auszahlung einer Lebensversicherungsprämie entgegensieht.

Wird bis heute bespielt, aber Karten sind knapp: Das barocke Ekhof-Theater.

Benannt ist das Museum nach einem dieser wichtigen Gothaer, die kein Mensch kennt, die aber breite Spuren hinterlassen haben. Besagter Arnoldi war ein Kaufmann, der nach seiner Ausbildung eine Holz- und eine Porzellanfabrik führte. Solche Fabriken waren üblicherweise bei der englischen Phoenix Assurance versichert, die in Deutschland nahezu eine Monopolstellung hatte. Was passiert, wenn es wirklich zu einem Schaden kommt, erfuhr er, als die väterliche Tabakfabrik brannte: langwierige Formalitäten, zähe Bearbeitung irgendwo in London und magere Auszahlung bei hohen Beiträgen.

Die Idee einer Feuerversicherung

Über die Phoenix fluchte die halbe Familie Arnoldi, der Sohn befand, das müsse besser gehen. Im Jahr 1817 schrieb er einen Aufsatz über „Die Idee einer eigenen deutschen Feuerversicherung“, rannte damit bei Kollegen und Herzog offene Türen ein und gründete kurz darauf, vor genau zweihundert Jahren, am 2. Juli 1820 die Feuerversicherungsbank des Deutschen Handelsstandes. Das Jahr über warb er dafür, zum 1. Januar 1821 liefen die ersten Verträge an. Arnoldi setzte auf ein weitverzweigtes Netz an Versicherungsvertretern, meist Besitzer lokaler Kaufläden, die Kunden in Hanau, Hamburg und Königsberg einwarben. Das Modell war außerdem eine Art Genossenschaft, ein „Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit“ – bis heute trägt die Gothaer das Kürzel VVaG hinter dem Firmennamen.

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Unser Autor: Oliver Georgi

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