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Sommerserie „Ortsmarke“ : Verheiratet mit halb Europa

Friedenstein war gerade passender

Über allem aber thront das Schloss. Einst stand auf dem Hügel über der Stadt die Festung Grimmenstein, die wurde aber im sechzehnten Jahrhundert geschleift. Dann kam Ernst der Fromme, Begründer des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg, und hatte nach der Ernestinischen Teilung zwar ein Reich mit Hauptstadt, aber keine Residenz. Rundherum tobte gerade der Dreißigjährige Krieg, aber Ernst hielt das im Jahr 1643 nicht von einem Neubau ab. Nur Grimmenstein sollte die Residenz bitte nicht mehr heißen, Friedenstein fand er in diesen unruhigen Zeiten angemessener. Und damit das Motto auch keinem entgeht, prangt ein Schild über dem Eingang, das den Friedenskuss zeigt, nämlich Justitia und Pax, die sich in den Armen liegen.

Mit ihm fing alles an: Der Fromme Ludwig und sein friedliches Gemäuer.

Herzog Ernst hielt sein Ländchen gut in Schuss. Er gründete ein Gymnasium, die allgemeine Schulpflicht galt für Mädchen und Jungen, das Bildungsniveau im Volk war hoch. Druckereien und Verlage siedelten sich an. Naturwissenschaftliche Sammlung und Forschungsbibliothek waren immer auf der Höhe der Zeit. Der erste astronomische Kongress Europas fand hier statt. Der Herzog bot verfolgten Lutheranern aus halb Europa Zuflucht und löcherte den gastierenden äthiopischen Theologen Abba Gregorius mit Fragen über seine Heimat und Sprache.

Freimaurer gab es einige

Und auch seine Nachfahren regierten meist liberal und umsichtig. Um das Schloss herum entstand bald einer der ȁltesten Landschaftsparks außerhalb Englands, über den Goethe ein paar freundliche Worte verlor, die man alsbald in Stein meißelte und an Ort und Stelle aufstellte. Adam Weishaupt, Gründer des Illuminatenordens, fand in Gotha eine neue Heimat, als er in Ingolstadt wegen radikal aufklärerischer Umtriebe in Ungnade gefallen war. Freimaurer gab es hier einige. Diplomatische Verbindungen bestanden in die halbe Welt, herzogliche Kinder aus Gotha heirateten in die höchsten Familien ein. Augusta war die Mutter des englischen Königs Georg III. – und die Mutter der Londoner Kew Gardens –, während der flamboyante Herzog Emil August der Großvater von Queen Victorias geliebtem Gatten Albert war.

Fand auch Goethe schön: Schloßparkteich mit Tempelchen.

All das erfährt man am besten bei einem Rundgang im Schloss, der sich lohnt, auch wenn die klassizistischen Prunkräume gerade renoviert werden. Die barocken Säle sind aber zu sehen, ebenso die Kunst- und Wunderkammer, und natürlich die Teetasse Herzog Emil Augusts aus weißem Porzellan mit einem äußerst phallischen Dekor, das die homoerotische Völkerfreundschaft feiert. Dieser Regent muss ein recht interessanter Mann gewesen sein, der mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit korrespondierte, mit Jean Paul und Bettine von Arnim, auch wenn sich die Geister an ihm schieden. „Ich habe mich nicht über ihn zu beklagen, aber es war immer ängstlich, eine Einladung zu seiner Tafel anzunehmen, weil man nicht voraussehen konnte, welchen der Ehrengäste er schonungslos zu behandeln zufällig geneigt sein möchte“, seufzte Goethe. Nur Napoleon hatte nie etwas zu befürchten, Emil Augusts Verehrung für ihn war grenzenlos.

Das Schloss platzte aus allen Nähten

Mit „Kyllenion – Ein Jahr in Arkadien“ schrieb Emil August im Übrigen den wohl ersten schwulen Versroman der deutschen Publikationsgeschichte. Und er sammelte, genau wie seine Vorfahren. Er schickte im Jahr 1817 einen jungen Mann in ein Handelskontor nach London, mit dem Auftrag, die frischen Lieferungen der Schiffe aus Ostindien zu sichten und nach Schätzen für sein orientalisches Kabinett zu durchforsten. Dieser junge Mann hieß Joseph Meyer. Er verspekulierte sich mehrfach fürchterlich, kam aber immer wieder irgendwie auf die Beine. Und landete schließlich mit Meyers Konversations-Lexikon einen enormen Erfolg.

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