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Indien : Blau ist die Kraft

Blau ist in Indien das Sinnbild von Mut und Tapferkeit, Männlichkeit und Kraft. Die Farbe ist Göttern wie Rama und Krishna vorbehalten. Bild: AFP

Die indische Stadt Jodhpur hat sich ganz der Farbe Krishnas verschrieben und sieht nun aus wie ein Meer ohne Wasser.

          Nichts ist in Indien einfach nur da. Alles hat einen Sinn, eine Symbolik, eine Bedeutung. In einem Land mit dreihundertdreißig Millionen Göttern kann das gar nicht anders sein, denn da findet sich immer ein Himmelsherrscher, der für dieses oder jenes zuständig ist. Auch Farben haben für die hinduistischen Inder sehr wenig mit Physik und sehr viel mit Metaphysik zu tun. So steht Rot für Sinnlichkeit, Reinheit und die weibliche Urkraft des Universums; es ist die Farbe der Hochzeiten und Geburten und jener Tücher, in denen Frauen nach ihrem Tod verbrannt werden. Safran wiederum ist die heiligste Farbe des Hinduismus, weil sie das Feuer symbolisiert, das die Menschen von allem Bösen reinigt; deswegen ist Safran die Farbe der Asketen und heiligen Männer, aber auch der Krieger in Rajasthan. Mit Gelb wird das Meditieren assoziiert, es ist die Inkarnation der Weisheit und der weisen Götter Vishnu und Ganesha, während Weiß nicht nur die Göttin Saraswati, nicht nur die Unbeflecktheit und den Frieden, sondern auch die Trauer repräsentiert. Grün hingegen steht für Glück und Zufriedenheit und wird bei Festivals jeder Art verschwenderisch eingesetzt. Blau schließlich ist eine Farbe, die nur positive Eigenschaften besitzt: Sie ist das Sinnbild von Mut und Tapferkeit, Männlichkeit und Kraft, Blau ist Göttern wie Rama und Krishna vorbehalten, weil sie stark genug sind, die Menschheit zu beschützen und alles Teuflische zu vernichten.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Nichts in Indien ist einfach, nichts hat nur eine Erklärung, niemals besteht das Land nur aus einer Schicht oder einem Grund. Und so ist Jodhpur, die blaue Stadt am Rande der Wüste Thar in Rajasthan, aus mehreren Gründen blau, nicht nur deswegen, weil sie unter besonderem göttlichen Schutz steht. Die meisten Gebäude im Zentrum sind mit einer Mischung aus Kalk und Indigo gestrichen, weil Blau als Farbe der Brahmanen gilt und die Vertreter dieser höchsten Kaste des Hinduismus ihre privilegierte Stellung für jedermann sichtbar machen wollten - um dann von all den anderen Einwohnern imitiert zu werden, die ihre Häuser gleichfalls blau anmalten. Längst ist die Farbe zur lokalen Folklore geworden, hinter der sich auch noch eine deutlich profanere Erklärung verbirgt, weil in Indien alles Religiöse immer auch praktischen Lebensbezug hat: Das göttliche Krishna-Blau, so heißt es, ist ein wirksamer Schutz gegen Termiten und Moskitos, die in ihrem Holzappetit und Blutdurst keinen Unterschied zwischen den Kasten machen.

          Es gibt unseres Wissens keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirksamkeit dieser Art der Insektenabwehr. Unstrittig aber ist, dass ein Spaziergang durch das Zentrum von Jodhpur eine fast psychedelische Erfahrung ist, ein Eintauchen in ein Zauberreich der blauen Monochromie, das den Begriff des Häusermeers ganz neu definiert. Man glaubt, durch einen steinernen Ozean zu schwimmen, und wundert sich, dass man nicht nass wird bei all dem Blau ringsum. Dann wieder bildet man sich ein, die zweitgrößte Stadt Rajasthans habe einen allzu tiefen Schluck des leuchtend blauen Gins Bombay Sapphire genommen und sei nun ansteckend beschwipst. Oder aber man meint, eine übermütige Gottheit habe einen riesenhaften Eimer mit blauer Farbe über der Stadt ausgekippt - und niemand traut sich, das himmlische Malheur sauberzumachen.

          Irgendwann endet jeder Besucher Jodhpurs im Umaid Bhawan, einem Märchenpalast, den sich die lokalen Maharadschas hoch auf einem Hügel über der Stadt als eine Art indisches Versailles erbauen ließen. Ein Teil der kolossalen Anlage wird heute als Luxushotel genutzt, den Rest bewohnt die königliche Familie noch immer - als eine der größten Privatresidenzen der Erde. Die Metaphysik des göttlichen Blaus überlassen die hochwohlgeborenen Herrschaften allerdings dem Volk zu ihren Füßen: Ihr Palast leuchtet majestätisch sandsteinfarben, auch wenn sich die Maharadschas von Jodhpur seit Generationen ihrer Männlichkeit und Tapferkeit rühmen.

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