https://www.faz.net/-gxh-8nwos

Ohne den Tee wäre die Weltgeschichte eine andere

Text und Fotos ANDREA DIENER

02.12.2016 · Sri Lanka hat die finsteren Bürgerkriegszeiten hinter sich gelassen und schaut nach vorn. Grund zum Optimismus gibt es einigen: Teeanbau und Tourismus florieren. Und das völlig zu Recht.

Die Karte des Hochlandes von Sri Lanka liest sich wie die Karte einer sehr teuren Whiskybar: Lethenty und Abbotsleigh, Elfindale und Glentilt, Strathspey und Abercairney heißen die Sektionen, in die das Land eingeteilt ist. Auf diesen Feldern wächst kein Single Malt, da wachsen einige der besten Tees der Welt. Allerdings lässt sich an der Karte nicht ablesen, wie die Landschaft dann wirklich aussieht. Und im Falle des Hochlandes von Sri Lanka ist die Überraschung für uns Erstbesucher ziemlich groß.

Am besten ist es, den Zug von Kandy aus zu nehmen, jener trubeligen Stadt direkt im Herzen des ungefähr tropfenförmigen Landes. Im Gegensatz zur Hauptstadt Colombo mit ihren staubigen, halbhohen Glasfassaden voller Hochzeitskitsch und buntem Plastikplunder ist das in die Hügel gebettete Kandy ausnehmend hübsch, was auch daran liegt, dass der letzte singhalesische König einen großen künstlichen See anlegen ließ, an dessen Ufer man unter gelbblühenden Mimosenbäumen ausgezeichnet flanieren kann. Dann kamen die Engländer und bauten ein paar weiß getünchte Kolonialbauten dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Sri Lanker wieder das Ruder.

© F.A.Z.-Karte lev. Am besten ist es, den Zug von Kandy aus zu nehmen

Das wichtigste Bauwerk in Kandy ist der Zahntempel, ein buddhistisches Heiligtum, in dem ein Zahn Buddhas aufbewahrt wird, auf den die Chinesen schon seit dem dreizehnten Jahrhundert sehr neidisch sind – entsprechende Expeditionen mit Annektierungshintergrund im Auftrag des Kaisers Kublai Khan waren allerdings erfolglos, der Zahn blieb in Kandy. In den Gassen um den Tempel herum kaufen die Gläubigen an Marktständen weiße und zartlilafarbene Lotosblütengebinde, um sie als Opfer darzubieten. Dann schreiten sie, die Gaben sehr vorsichtig und weihevoll vor sich gehalten, mit gesenkten Köpfen auf den Tempeleingang zu, reihen sich in die lange Schlange ein, schieben sich langsam treppauf zum Allerheiligsten, dem Buddha-Zahn entgegen, um schließlich den Blumenteppich im Inneren um ein paar Quadratzentimeter zu vergrößern und durch ein Fensterchen einen kurzen Blick auf die von einem Mönch mit strengem Blick bewachte Reliquie zu werfen – das Kostbarste, was der Tempel zu bieten hat.

Von Kandy aus windet sich die Eisenbahnlinie durch das Hochland. Wir haben Touristenklasse gebucht, das heißt: Die Sitze sind dick gepolstert, der Wagen ist klimatisiert, außerdem gibt es einen Bildschirm, auf dem beständig, aber zum Glück lautlos Disney-Trickfilme laufen. Doch wer will schon einem störrischen Rapunzel zuschauen, wie es schlussendlich mit seinem Prinzen übereinkommt, wenn draußen eine feuchte Nebellandschaft vorüberrumpelt, durchzogen von vereinzelten Häusern oder den typischen Teepflücker-Siedlungen mit ihren flachen Dächern? Wenn wir durch den Hochwald fahren, so dicht wie ein Dschungel, und wenn dann die ersten, akkurat rasierten Teefelder auftauchen, die die Hügel überziehen? Niemand will da noch Rapunzel zuschauen, deshalb hängen wir an der offenen Tür des gemächlich zuckelnden Waggons, widerstehen der Versuchung, riesige Amaryllisblüten vom Bahndamm zu pflücken, und lassen uns von dem warmen Nieselregen anfeuchten.

Diese Eisenbahn gibt es nur, weil es den Tee gibt. Den Tee wiederum gibt es nur, weil vom Jahr 1815 an englische Kolonialherren in das Land einmarschierten, es „Ceylon“ nannten und überlegten, was damit anzufangen sei. Zunächst baute man Kaffee an. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gab es einzelne Farmer, die mit Tee experimentierten, aber erst 1868, als ein Pilz einen Großteil der Kaffeebestände hinwegraffte, setzte man auf den Anbau von „Camellia sinensis“, der Teepflanze.

© F..A.Z. Sri Lanka: Mit dem Zug zum Ceylon-Tee

Lange Zeit war China weltweit die einzige Nation, die Tee exportierte, sie brachte gepresste Platten nach Tibet, Sibirien und in die Mongolei. Damit gaben sich die Europäer aber nicht zufrieden, sie wollten losen Tee, wie ihn die Chinesen tranken. Weil grüner Tee auf dem Seeweg schnell verdarb, entwickelte man eine Lösung: Man unterzog die Blätter einem Fermentationsprozess, um sie haltbarer zu machen – und erfand damit den schwarzen Tee.

Die Engländer sicherten sich eilends das Handelsmonopol mit ihrer East Indian Tea Company, was die mittlerweile auch freudig teetrinkenden amerikanischen Kolonien sehr erzürnte: Weil sie die exorbitanten Steuern nicht bezahlen wollten, kam es zur Boston Tea Party und damit letztlich zur Unabhängigkeit der Überseekolonie Amerika. Man kann die Bedeutung des Tees für die Weltgeschichte also gar nicht hoch genug einschätzen.

Im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts war Tee kein Privileg des Adels mehr, auch das Bürgertum nahm seinen High Tea am Nachmittag, und die Arbeiterklasse fand ebenso Gefallen an dem Getränk. Nun arbeiteten die Engländer daran, selbst Tee anzupflanzen, da auch die Chinesen reichlich hohe Steuern verlangten. Im Botanischen Garten von Kalkutta wurde der Anbau getestet, in Assam wurde ein Komitee zur Anpflanzung von Tee in Indien gegründet. All das hatte, wie wir heute wissen, einigen Erfolg.

Und warum sollte, was in Indien gelang, in Sri Lanka nicht auch funktionieren? Das Hochland war für die Kaffeepflanzungen bereits teilweise gerodet worden, für den Rest nutzte man Arbeitselefanten, man legte Straßen und Entwässerungsgräben an, errichtete Teefabriken, die Eisenbahn befand sich im Bau.

Die Engländer, so würde man heute sagen, beuteten das Land nach allen Regeln der Kunst aus. Doch wer nicht mitzog, das waren die Singhalesen, die wenig Anstalten machen, für ihre Kolonialregierung zu arbeiten. Sie ackerten lieber anderweitig vor sich hin, weshalb die Plantagenbesitzer – oft Schotten, was die Namen der Felder erklärt – Tamilen aus Südindien einschifften, meist unter äußerst unmenschlichen Bedingungen, wie man sie von Sklavenschiffen kennt. Sie bauten die Straßen, sie rodeten den Bergwald, sie pflanzten den Kaffee und später auch den Tee. Weil dieser ständig gepflückt werden kann, hatten die „coolies“, wie man sie nannte, rund ums Jahr Arbeit.

Die Teeplantagen, die man vom Zug aus sieht, sind heute noch ganz ähnlich organisiert: Es gibt tamilische Arbeiter, die fest zur Plantage gehören, auch ärztliche Versorgung, Kindergärten und Schulen werden in diesen kleinen Einheiten organisiert. Sie verlassen die Plantage eigentlich nie, warum auch? Es gibt in diesem geschlossenen System alles, man kann bis ins hohe Alter pflücken, was Frauenarbeit ist, während die Männer als Handwerker oder in den Teefabriken ihr Auskommen finden.

Im Jahr 1971 wurden die Plantagen verstaatlicht – Sri Lanka ist eine sozialistische Republik, auch wenn man das kaum merkt –, erst da kam Bewegung in den Markt. Die ersten Singhalesen wurden zu Fabrikanten in einem Geschäft, das bis dahin fest in britischer Hand gewesen ist. Auf den meisten Gebieten brachte die Verstaatlichung wenig wirtschaftlichen Fortschritt, so dass die Regierung seit 1977 wieder die Privatwirtschaft fördert. Die Plantagen gehören seitdem zunehmend einheimischen Unternehmern, doch geschlossene Systeme sind sie noch immer, und die Arbeiter auch heute fast ausschließlich Nachkommen indischer Tamilen.

Nur die feinen Kolonialhäuser inmitten der Felder, in denen die Engländer wohnten, gehören heute zur Luxushotelmarke Relais & Chateaux. Sie werden unter dem Namen „Tea Trails“ vermarktet und bieten Reisenden eine ziemlich stilvolle Unterkunft mit Blick über die dichtgrüne, feuchte Hügellandschaft, dazu Pool, Billardtisch und einen High Tea nach allen Regeln der britischen Kunst. Man bekommt fast ein schlechtes postkoloniales Gewissen, wenn man hier residiert und sich vom tamilischen Kellner die Étagère mit den Gurkensandwiches bringen lässt – bis man die einheimischen Jungs sieht, die gerade im Billardraum Bällchen schubsen. Hier dürfen auch Sri Lanker wohnen, wenn sie es sich leisten können, und das können anscheinend immer mehr.

Denn es tut sich etwas im Land. Die Unabhängigkeit von der Kolonialregierung verlief weitgehend friedlich und ohne größere Schäden, heute ist es politisch ziemlich stabil, der Tourismus floriert erfreulicherweise, der Export von Tee, Kakao und Gewürzen ebenfalls. Größter Wirtschaftsfaktor ist aber noch immer das sogenannte „foreign employment“, das man auch mit „Hausmädchen in Dubai“ übersetzen könnte: Viele Menschen vor allem aus dem ländlichen Raum suchen sich in den reichen Golfstaaten Arbeit und unterstützen damit ihre Familien.

Der Fortschritt ist dennoch sichtbar. Vom Flughafen bis nach Colombo hat man eine neue, schicke Schnellstraße gebaut, auf die wir sogleich hingewiesen werden. In Colombo selbst entstehen gerade Hotels großer Ketten wie Shangri-La, an der Südküste mit ihren Stränden herrscht das Gewimmel eines gutbesuchten Badeorts. Es geht allerorts voran, was vor allem daran liegt, dass der Bürgerkrieg überstanden ist, der von 1983 bis 2009 währte. Der Krieg kostete 12 Millionen Rupi pro Tag, was aktuell etwa 75000 Euro entspricht. Damit kann man viele Straßen bauen.

Und nun wird es kurz kompliziert und hat ausnahmsweise nichts mit Tee zu tun. Ursache des Krieges waren tamilische Separatisten. Einige der sri-lankischen Tamilen sind die Nachkommen der von den Engländern angeheuerten südindischen Teepflücker, andere Tamilen leben schon lange als Minderheit auf Sri Lanka. Die Bevölkerungsmehrheit, die Singhalesen, sind aber auch nur Einwanderer, aus Nordindien nämlich, während die Ureinwohner, die Veddas, nahezu vollkommen im Verschwinden begriffen sind.

Die Singhalesen wanderten um das Jahr fünfhundert vor Christus ein, sind also schon sehr lange hier, und etablierten eine Hochkultur mit schwungvollem Handel über die Seidenstraße. Daneben errichteten sie bei Dambulla einige spektakuläre Felsenklöster, die heute als Weltkulturerbe registriert sind und den Aufstieg lohnen. Vor die fünf dunklen Höhlen mit ihrem Arsenal unterschiedlichster Buddhastaturen und Felsmalereien wurden im Jahr 1938 weiße Fassaden im Kolonialstil gesetzt, vor denen gerade Schulkinder in ebenfalls sehr weißen Uniformen herumwimmeln. Außerdem steht ein eindrucksvoller langhaariger, langbärtiger Priester parat, der gegen einen Obulus bereit ist, für einen zu beten.

Ein weiteres Kulturerbe ist Sigiriya, mit noch steilerem Anstieg über Treppenkonstruktionen und Stege nur für Schwindelfreie, die Felsenfestung aus dem vierten Jahrhundert mit den berühmten Wolkenmädchen-Fresken. Drumherum lagen prächtige geometrische Palastgärten mit Wasserbecken, künstlichen Flüssen und Fontänen, Steingärten und Terrassengärten, deren Reste man bis heute gut erkennen kann. Das war eindeutig eine Hochkultur hier auf dieser geografisch doch etwas abgelegenen Insel.

„Vom Feld in die Fabrik in die Tasse: Tee mit Aussicht am Dunkeld Estate in Ceylons Hochland.“

Die buddhistischen Singhalesen und die hinduistischen Tamilen lebten in all diesen Zeiten in friedlicher Eintracht nebeneinander her. Daneben machten sich von 1518 an zunächst die Portugiesen an der Küste breit, dann die Niederländer, dann die Engländer, die als Erste das Königreich Kandy im Herzen des Landes erobern konnten. Letztere setzen die meist sehr gebildeten einheimischen Sri-Lanka-Tamilen gern als Verwaltungsbeamte ein, was sie bei den Singhalesen ziemlich unbeliebt machte, weshalb nach der Unabhängigkeit die tamilische Kultur in der Öffentlichkeit des jungen Landes keine Rolle mehr spielen sollte. Es kam zu fortgesetzten Spannungen und dann immer wieder zu Pogromen gegen Tamilen, doch richtig hässlich wurde es, als die radikalen „Liberation Tigers of Tamil Eelam“, kurz LTTE, gemäßigtere Gruppen beseitigten und mit Terrormethoden einen unabhängigen Staat forderten. Indische Hilfstruppen, die die Lage im Sinne der Singhalesen ordnen wollten, erwiesen sich als wenig hilfreich, im Gegenteil, sie beförderten einen blutigen Guerrillakampf.

In den neunziger Jahren sowie zu Beginn der Zweitausenderjahre wurden die LTTE äußerst brutal, mehrere tausend Zivilisten starben, Hunderttausende flohen. Schließlich gelang es der Armee, die Gebiete zurückzuerobern, die Anführer wurden erschossen, die Gruppe ergab sich. Auch wenn viele Kriegsverbrechen beider Seiten noch nicht aufgearbeitet sind und man nicht gerne über die Vergangenheit redet, sondern lieber über die großen Pläne für die Zukunft: Seit 2009 herrscht Frieden, seitdem geht es bergauf, Tee und Tourismus sei Dank.

Tee und Tourismus sind auch der Grund, warum wir mit der Eisenbahn auf den alten, schiefen Schienen ins Hochland rumpeln, obwohl man wunderbar am Strand liegen, sich durch die Souvenirbuden shoppen und irgendwo ein Curry essen könnte. Aber dann entgeht einem alles, was man braucht, um das Selbstbewusstsein dieser Nation zu verstehen, die auf einer sehr alten, sehr reichen Kultur aufbaut. Dann entgeht einem das Hochland, das Herz von Sri Lanka, in das so lange kein Fremder vordringen konnte, und die neblige, warme, grüne Teelandschaft. Nein, mit einem Strandurlaub ist es hier wirklich nicht getan.

Im Teefeld

Anreise: Die Anreise nach Sri Lanka ist zum Beispiel mit Air India über Delhi möglich, ab 705 Euro. Nach Delhi geht täglich ein Flug ab Frankfurt, ein Zwischenstopp mit Stadtbesichtigung ist möglich.

Rundreisen: Rundreisen in Sri Lanka bietet zum Beispiel Tischler Reisen an, etwa 13 Tage „Höhepunkte Sri Lankas“ ab 2415 Euro pro Person. Tischler hat auch die „Ceylon Tea Trails“-Bungalows im Programm, drei Nächte mit Vollpension kosten ab 1017 Euro pro Person im DZ.

Informationen: Informationen und Buchung unter 08821/93179652, im Internet unter www.tischler-reisen.de.

Allgemeine Informationen zum Land: www.srilanka.travel. Für Indien und Sri Lanka sind Visa nötig, die bequem online beantragt werden können.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 02.12.2016 16:06 Uhr