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Sri Lanka : Griff in den Zimt

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Der Blick über den Hügel war kostenlos: Work & Travel kann seine Tücken haben. Bild: Markus Huth

Arbeiten, um reisen zu können – klingt wunderbar! Aber was passiert, wenn Work & Travel danebengeht?

          Es ist ein heißer Februartag, als sich im tropischen Sri Lanka eine Szene der Zerstörung abspielt. Genauer: auf einer Zimtplantage mitten im Dschungel, etwa zehn Kilometer vom beliebten Touristenstrandort Bentota entfernt. Die Luft ist über dreißig Grad heiß und feucht wie in der Sauna. Eigentlich viel zu heiß für Wutausbrüche. Doch das hindert hier gerade keinen daran, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

          Zum Beispiel die junge Spanierin, die mit einem Messer wieder und immer wieder auf einen Lehmofen einsticht. So als spiele sie eine Killerin in einem Horrorfilm, die ihr Opfer bis zur Unkenntlichkeit metzelt. Oder der kräftige Deutsche, der schreit: „Ihr behandelt mich wie einen räudigen Hund!“ Sie alle sind sogenannte Volunteers, die hier in Sri Lanka auf der Zimtplantage arbeiten. Die folgende Geschichte zeigt, was schieflaufen kann beim Work & Travel. Und am Anfang steht eine Website.

          Maximal fünf Stunden Arbeit am Tag

          Fast alle Volunteers auf der Zimtfarm sind über workaway.info gekommen. Lange galt das Portal als Geheimtipp in der Work-&-Travel-Szene. Inzwischen gehört die Seite vor allem bei Backpackern zum Mainstream. Laut den Betreibern wachsen die Nutzerzahlen jährlich um bis zu 75 Prozent. Derzeit seien weltweit fast 30 000 aktive Gastgeber und viermal so viel Volunteers registriert. Ein Volunteer ist jemand, der grundsätzlich kostenlos arbeiten will. Warum? Weil er mit kleinem Budget reist oder den Alltag im jeweiligen Land kennenlernen möchte. Bei Gastgebern, die vor Ort leben, bekommt er oder sie Kost und Logis. Sei es in einem Hostel in New York, als Kamelführer in Marokko oder eben auf einer Zimtplantage in Sri Lanka. Und so unterschiedlich wie die Einsatzorte, so unterschiedlich sind auch die Tätigkeiten der Volunteers. Und genau hier fangen die Probleme an.

          Auf dieser Zimtplantage in Sri Lanka erwartete die Freiwilligen ein Rohbau und keine Kost.

          Zwar empfiehlt Workaway registrierten Gastgebern, ihren Volunteers im Austausch für „maximal fünf Stunden Arbeit am Tag“ eine „freundliche Umgebung, Unterkunft und Verpflegung“ zu geben. Und, falls es sich um einen kommerziellen Betrieb handelt, zusätzlich auch eine finanzielle Bezahlung, „die dem örtlichen Mindestlohn entspricht“. Aber einklagen kann man das freilich nicht. In den Geschäftsbedingungen schließt Workaway jegliche Haftung aus. Der Volunteer sei selbst dafür verantwortlich, zu prüfen, ob die Bedingungen des Gastgebers akzeptabel sind, und sogar, ob der Gastgeber überhaupt existiert.

          Deshalb sind die Volunteers auf der Zimtplantage selbst dafür verantwortlich, dass sie in einem fensterlosen Rohbau mitten im Dschungel in Sri Lanka schwitzen. Ohne Wasser, ohne Essen und den Launen der Zimtplantagenbesitzer ausgeliefert. Letztere sind ihre Gastgeber: eine Deutsche und ihre beiden erwachsenen Töchter, die vor fünf Jahren hierher ausgewandert sind. Heute betreiben sie ein Strandhotel und verkaufen Bio-Zimt von der eigenen Plantage. Doch der Reihe nach.

          Zunächst ist alles idyllisch. Die Plantage ist eine Oase der Ruhe, abseits des singhalesischen Straßentrubels aus Tuk-Tuks und Händlern. Von Kokospalmen kreischen Affen herab, unten rascheln große Echsen durchs Gebüsch. Zwischen Zimtbäumen steht ein zweistöckiger Rohbau aus grauem Beton und roten Lehmziegeln, umgeben von einem löchrigen Zaun aus Büschen und Bäumchen.

          Kommunen-Romantik im Dschungel

          Gerade leben hier fünf Volunteers. Da ist neben dem Autor ein hünenhafter Deutscher aus Darmstadt, mit dunkler Haut und schwarzer Mähne, dem Krieger-Barbaren Khal Drogo aus der TV-Serie „Game of Thrones“ nicht unähnlich. Er ist nach Sri Lanka gekommen, um seinen singhalesischen Vater zu finden. Dann ist da noch ein mönchsgleicher Franzose aus Toulouse, der mehrere Stunden am Tag meditiert. Und schließlich zwei Spanierinnen. Die aus Barcelona liebt Yoga und will Weltfrieden. Die von den Kanaren hasst kapitalistische Imperialisten und will deren konsumgeile Welt brennen sehen, ihre Vorbilder sind Che Guevara und Xena, die Kriegerprinzessin aus dem US-Fernsehen. Und die Workaway-Gastgeber? Die sind nicht da. Sondern im Ski-Urlaub in Österreich. Sie haben aber Anweisungen hinterlassen, was zu tun ist.

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