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Hoffen auf den Winter

Von MARTIN H. PETRICH

5. Oktober 2022 · Terrorismus, Pandemie, Staatspleite – seit Jahren ist Sri Lanka im Krisenmodus. Nun hoffen die Menschen auf Touristen. Besuch in einem geplagten Inselstaat.

Beethoven würde staunen. „Für Elise“, sein weltberühmtes Klavierstück in a-Moll, ist in Sri Lanka ein Gassenhauer. Oder besser gesagt ein akustischer Bäckersgruß, denn mit dieser Melodie kündigt sich alltäglich der Lieferservice für frisches Brot an. Sei es an der Südküste, im teegrünen Bergland oder dem hohen Norden, überall knattern die dreirädrigen Tuk Tuks durch die Straßen, während „Elise“ aus ihren krächzenden Lautsprechern plärrt. Schon frühmorgens sind die „Choon Paan“-Lieferanten unterwegs, wie sie im Volksmund heißen – was so viel wie „klingendes Brot“ bedeutet –, und übernehmen zuweilen den Weckruf.

Doch seit einigen Monaten erinnert das Beethovenstück auch schmerzhaft an die extrem gestiegenen Lebensmittelpreise. „Ich ,muss heute das Dreifache von früher verlangen, denn ein Kilogramm Mehl ist viermal so teuer geworden“, klagt Mayurathan Gunaratnam, der in Jaffna an der Nordspitze Sri Lankas die populäre Muthiah Bakery führt. Voriges Jahr kostete ein Laib Brot noch 65 Rupien, damals umgerechnet 30 Cent. Jetzt sind es rund 200. Das mag für Europäer noch immer wenig Geld sein, aber auf der Tropeninsel, wo Lehrerinnen und Lehrer gerade mal 140 Euro im Monat verdienen, macht das einen gehörigen Unterschied. Schuld an der Kostenexplosion ist unter anderem der Ukrainekrieg, denn fast die Hälfte des Weizens wird aus Russland und dem osteuropäischen Land importiert. Das spürt Mayurathan auch an der Kasse. „Die Zahl der Kunden ist um ein Drittel gesunken, heute beliefern nur noch 12 anstelle von 32 Tuk Tuks das Umland mit unserem Brot“, klagt der 26-Jährige.

Überleben in Krisenzeiten: Die Geschäft laufen auch in Jaffna nicht gut, die Preise sind durch die Decke gegangen, auch in der Bäckerei Muthiah. Mittlerweile ist zumindest die Benzinversorgung besser organisiert.

Aufgeben will Mayurathan nicht, seine Familie ist Krisen gewohnt. Als sein Vater 1985 die Bäckerei gründete, tobte im Inselnorden der Bürgerkrieg, zeitweise war Jaffna von Soldaten der „Tamil Tigers“ kontrolliert, die um einen eigenen Tamilenstaat kämpften. Heute ist die Stadt für Sri Lanker ein beliebtes Touristenziel, mit dem Zug sind sie von Colombo aus in gerade mal sechs Stunden dort. Selbst in diesen schwierigen Zeiten sind die Hotels an Wochenenden gut gebucht. Kunterbunte Hindutempel, einsame Inseln, ein Holländisches Fort im Seesternformat – für Einheimische ist Jaffna noch exotisch.

„Mich beeindruckt, wie die Menschen hier pragmatisch mit der Wirtschaftskrise umgehen“, meint Sisija Lalindra Bopege, der im Jetwing Jaffna Hotel die Rooftopbar managt. Der 32-Jährige stammt aus Galle an der Südküste und ist seit gut einem Jahr hier. „Sie sind viel genügsamer als wir im Süden, selbst Ärzte und Lehrer bepflanzen nun jede Gartenecke mit Gemüse. Als die Schulbusse nicht mehr fuhren, haben die Schülerinnen und Schüler einfach das Fahrrad genommen“, erzählt er beeindruckt. Glücklicherweise sind die Schlangen vor den Tankstellen dank eines Quotensystems vielerorts verschwunden, die neue Regierung versucht an frische Kredite heranzukommen. Doch was Bopege fehlt, ist das langfristige Denken. „Zu viele sind passiv und warten ab, bis sich alles bessert“, klagt er: „Sri Lanka muss in die Zukunft investieren und weg von der Kohle- und Ölabhängigkeit. Wir haben doch so viel Platz für Windräder und Solarzellen“, meint der weise Barkeeper und zeigt auf die nahe Lagune, von wo eine frische Brise herüberweht. Langfristig denken, eigentlich hat das in Sri Lanka Tradition – wie ein Besuch im Inselinnern zeigt.

Der Hindutempel Nagapooshani Amman auf der Insel Nainativu ist besonders für Tamilen ein wichtiges Ziel. Auf dem Markt in Jaffna ist die Nachfrage überschaubar.

Sigiriya am frühen Morgen. Sri Lankas berühmteste Felsenfestung erhebt sich einsam aus der flachen Umgebung. Wo sich sonst Besuchermassen die steilen Treppen hinaufschieben, um von oben den fantastischen Blick auf die tropengrüne Landschaft zu genießen, herrscht gähnende Leere. Lebendiger geht es im nahen Rangirigama Wewa zu, einem nur wenige Kilometer entfernten Wasserreservoir. Umgeben von Baumriesen und Bambushainen, streiten sich Schwarzkopfibisse, Silberreiher und Störche um die besten Futterplätze. Fischer gleiten mit ihren Booten übers Gewässer, der Wind bringt etwas Kühlung in die schon tropischen Temperaturen, während die feuerrote Sonne kitschverdächtig am Horizont erscheint.

Der Rangirigama Wewa ist nur einer von Tausenden von Seen, welche die alten Könige – oder besser gesagt ihre schuftenden Untertanen – im Laufe von über 2000 Jahren in der regenarmen Mitte Sri Lankas angelegt haben. Über Kanäle und Schleusen miteinander verbunden, sind sie Teil eines ausgefeilten Bewässerungssystems, das schon die britischen Kolonialherren zum Staunen brachte – und den Wildelefanten viel Platz zum Plantschen und Baden bietet: An manchen Seen tummeln sich zur Freude der Touristen Dutzende von ihnen.

Im Nahabedde Tea Estate warten die Leute auf die Rückkehr der Touristen. Fischer vertreiben sich in Jaffna die Zeit beim Kartenspiel, ein Elefant genießt das Bad in einem der menschengemachten Seen.

Auch Kasun und Dilanka verdanken dem Rangirigama-Reservoir ihre Existenz. Über Pumpen und Schläuche bewässert das junge Bauernpaar sein Feld, das ihm in normalen Jahren ein gutes Auskommen beschert. „Zweimal jährlich bepflanzen wir unseren Acker mit Reis und einmal mit Zwiebeln, Bohnen und anderem Gemüse“, erzählt der 28-jährige Kasun. Wie andere Bauern auch, verbringt der dreifache Familienvater viele Nächte auf einem selbstgezimmerten Hochstand, um die futtersuchenden Elefanten mit ohrenbetäubendem Lärm zu vertreiben. Denn leider fressen die sehr gerne junge Reishalme. Und doch sind die Elefanten derzeit noch das geringere Problem für die Landwirte Sri Lankas. Viel schlimmer ist das im April 2021 erlassene Dekret des mittlerweile gestürzten Präsidenten Gotabaya Rajapaksa, das von heute auf morgen den Einsatz von Kunstdünger verbot. „Schau dir die Zwiebeln an“, klagt Kasun: „Sie sind viel kleiner als sonst und die letzten Regenfälle haben viele zum Schimmeln gebracht.“ Manche muss er wohl wegschmeißen. Zwar gibt es wieder Kunstdünger, doch der ist fast unbezahlbar geworden. Kosteten 50 Kilogramm dank Subvention nur 1500 Rupien, rund sieben Euro, sind es heute umgerechnet bis zu 65 Euro. Im ganzen Land fallen die Ernten deshalb mager aus, viele Kleinbauern fürchten um ihre Existenz. Gibt es deshalb zu wenig zu essen in Sri Lanka und sollten Touristen besser fernbleiben? Die Frage erstaunt Kasun: „Keinesfalls, wir brauchen die Touristen“, meint er bestimmt und reicht wie zum Beweis einen „Egg Hopper“ zum Probieren – einen feinen Reisfladen mit Ei. „Denn wie sonst soll Sri Lanka aus der Krise kommen?“

Auch im Nayabedde Tea Estate fehlt der Dünger.
Auch im Nayabedde Tea Estate fehlt der Dünger.

Auch Ranjani aus Bandarawela im Hochland will auf ausländische Besucher nicht verzichten. Die 45-Jährige lebt mit ihrer siebenköpfigen Familie in einer Siedlung inmitten des 130 Jahre alten Nayabedde Tea Estates. Teefelder ziehen sich wie Teppiche über die Berglandschaft, der Blick reicht weit in die Ferne. Regelmäßig kehren bei ihr Trekkingtouristen zur Teepause ein. Sie schätzt den Austausch und kann das verdiente Geld gut gebrauchen. Denn das angebaute Gemüse reicht kaum zum Überleben. „Früher konnte ich viermal im Jahr Karotten, Rotkohl und anderes Gemüse ernten, heute nur noch zweimal“, klagt sie. Auch bei ihr führte der fehlende Kunstdünger zu Ertragseinbrüchen. „Die Preise steigen, das Einkommen sinkt“, schimpft sie und hofft auf mehr Touristen im kommenden Winter.

Die Coorays sind sogar zuversichtlich, dass es bald bergauf geht. Mit dem Zug ist die Hoteliers-Familie nach Nuwara Eliya im Hochland gereist, wo schon die Briten die frische Bergluft genossen. In ihrem prachtvollen St.-Andrews-Hotel um Kolonialstil bittet sie zum Tee. „Nach den ersten Krisenmonaten kommen wieder mehr Touristen ins Land. Die Lage hat sich glücklicherweise beruhigt. Schon früher haben wir auf lokale Produkte gesetzt, das haben wir verstärkt, um die einheimische Wirtschaft zu unterstützen“, meint Dmitri, der älteste der drei Cooray-Brüder. „Für Touristen gibt es weder zu wenig zu essen noch zu wenig Sprit“, erklärt sein Vater Hiran: „Jeder einzelne Tourist hilft uns, an Devisen zu kommen. Besonders jetzt lohnt es sich nach Sri Lanka zu reisen, denn das Land ist wegen des Währungsverfalls für ausländische Besucher ziemlich günstig.“ Und dann fügt er noch grinsend hinzu: „Es ist doch eine Win-Win-Situation. Zuhause spart ihr Heizungskosten und hier könnt ihr beim Sonnenbaden unser Land unterstützen.“ Eigentlich ein verlockender Gedanke für die kalte Jahreszeit: Heizung abdrehen, Notebook einpacken und das Homeoffice nach Sri Lanka verlegen. Den Weckruf übernimmt Beethoven.

Ella Rock ist ein beliebtes Wanderziel in Sri Lanka, nicht nur wegen der großartigen Aussichten.
Ella Rock ist ein beliebtes Wanderziel in Sri Lanka, nicht nur wegen der großartigen Aussichten.

Der Weg nach Sri Lanka

Anreise
Qatar Airways und ­Emirates fliegen täglich über ihre Dreikreuze Doha bzw. Dubai von verschiedenen deutschen Städten nach Colombo, ab 850 Euro.

Einreise
Die Schweiz und andere europäische Länder haben die Reisehinweise gelockert, das Auswärtige Amt rät noch von „nicht notwendigen Reisen“ ab. Vor Einreise muss über www.eta.gov.lk ein Online-Visum beantragt werden.

Unterkunft
Wegen der Krise ha­ben sich die Übernachtungspreise erheblich vergünstigt. Die Hotels der Jetwing-Gruppe sind direkt über www.jetwinghotels.com buchbar.

Literatur
Umfangreiche Infos bietet das „Stefan Loose Handbuch Sri Lanka“, 23,99 Euro, für den Überblick das „DuMont-Reise-Taschenbuch Sri Lanka“ für 18,90 Euro.

Insel Mafia Tauchgang im Indischen Ozean
Inselbegabung Unterwegs auf Aruba








Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 05.10.2022 17:35 Uhr