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Wandern in der Schweiz : Spiritus Säntis

  • -Aktualisiert am

Der Säntis, erster Gipfel der Alpen, Rampe in den Himmel. Was liegt näher, als in einem Tag vom Ufer des Bodensees auf seine Spitze zu wandern? Bild: Walter Rieck/ddp images

Der Schweizer Aussichtsberg gilt mit seinen 2501 Metern Höhe nicht gerade als alpinistische Herausforderung. Es sei denn, man startet die Tour am Bodensee.

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          Gekrümmt wie ein Z liege ich unter der Decke und ziehe noch eine zweite über mich. Ich tue genau das, was mir prophezeit wurde: Ich zittere und friere. Vielleicht war das Victory-V auf dem Säntis-Gipfel vor wenigen Stunden doch etwas übermütig?

          Der Säntis gilt unter Alpinisten eigentlich nicht gerade als Herausforderung. Im Gegenteil. Eine interessante Form hat er nicht. Mit 2501,90 Metern ist er gerade mal der höchste Berg der Nordostschweizer Voralpen. Und wäre oben nicht eine Bergstation mit Antenne (einer Verbrennungsanlage nicht unähnlich), man würde ihm nicht einmal diesen bescheidenen Superlativ zutrauen.

          Die Herausforderung am Säntis muss man sich zurechtlegen. Diese Tour steht in keinem Reiseführer und hat keine Wegweiser. Sie wird mit ehrfurchtsvollen Worten meist mündlich überliefert. Wer von ihr gehört hat, muss sie unternehmen. Eine unsichtbare Macht zwingt einen dazu - die unsichtbare Macht einer sinnlosen Idee, deren Sinn sich sofort erschließt. Schaut Deutschland über den Bodensee, sieht es den Säntis. Der erste Gipfel der Alpen. Rampe in den Himmel. Was liegt näher, als in einem Tag vom Ufer auf die Spitze zu wandern? Um vier Uhr früh starten und 14 Stunden später die letzte Bahn zurück ins Tal erreichen (oder oben übernachten). 45 Kilometer Strecke, 2800 Höhenmeter. Ein Marathon bergauf, ein Turbo-Pilgerweg Richtung Himmel.

          Eine qualvolle Niederlage

          Mein erster Versuch endete im Desaster. Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind die Worte besorgter Wanderer: „Geht es ihm gut?“, und die Antwort meines Kollegen: „Ja ja, er schläft nur.“ Dann dämmerte ich weg. Zu meiner Verteidigung darf ich anführen, dass die Meteorologen an jenem Tag die höchsten Temperaturen eines ohnehin warmen Sommers maßen. Außerdem schlief ich in der kurzen Nacht vor dem Aufstieg nicht ein. Und dann lief auch noch meine verschnupfte Nase ständig mit. So fiel ich um Kilometer 30 am ersten Steilhang sprichwörtlich in den Schlaf.

          Victory auf 2501,90 Metern: Der Autor auf dem Säntis.
          Victory auf 2501,90 Metern: Der Autor auf dem Säntis. : Bild: Stefan Baumgartner

          Gequält von der Niederlage, begann ich mich zu optimieren. Ich erweiterte meine Joggingroute großzügig. Meine seit Jahren triefende Nase heilte ich durch Nasenduschen mit Salzwasser. Einzig das schnelle Einschlafen bekam ich nicht hin, weshalb ich erwog, beim zweiten Aufstiegsversuch einfach auszuschlafen und statt zu wandern auf den Säntis hochzujoggen, verwarf den Plan aber wieder als sportlich zu ambitioniert. Dass ich heute dennoch ausgeschlafen bin, daran haben eine durchgefeierte Nacht und eine Schlaftablette einen gewissen Anteil. Das ist nicht heroisch, aber wir leben ja auch nicht mehr im Zeitalter der Helden, sondern der Selbstoptimierung.

          Der Bodensee ist um vier Uhr morgens so schwarz wie ein Tintenfass. Den Säntis sehen wir nur auf dem Navi. Wir gehen pfeilgerade auf ihn zu. Wäre das Höhendiagramm der Strecke ein Aktienkurs, wir wären reich. Unsere Stirnlampen fressen sich durch dunklen Wald und über leere Landstraßen. Tagsüber ist der Thurgau eine hügelige Landschaft mit der landesweit höchsten Anzahl Obstbäume pro Einwohner. Mit dem Müller-Thurgau hat der Thurgau nichts zu tun. Dies ist nicht Wein-, sondern Saftland.

          Der Bodensee ist wie der Mond

          Auch das erste Dorf ist um diese Zeit eine Geisterstadt. Mörschwil, wohlhabender Vorort St. Gallens. Die Häuser sind ummauert, die Läden unten. Ein Schild im Stile der Bauernmalerei an einer Mauer im Stile Le Corbusiers (in der Schweiz eine durchaus angesehene Kombination) weist darauf hin, dass diesen Weg anno 612 schon Sankt Gallus gegangen sei. St. Gallen gab er seinen Namen. Er gründete die Stadt mit dem Kloster, das heute Unesco-Weltkulturerbe ist, das eine Bibliothek beherbergt, die zu den historisch bedeutendsten überhaupt zählt. Wir sehen von der Stadt nur eine Autobahnbrücke und einen Wellblechtunnel.

          Diese Wanderung verbindet den Bodensee und das Appenzellerland und damit auch: einen deutschen und einen schweizerischen Sehnsuchtsort. Der Bodensee liegt düster im Morgendunst unter uns, eine gute Gelegenheit für eine grundsätzliche Anmerkung zu diesem Gewässer. Der Bodensee ist wie der Mond: In die eine Richtung glänzt er, in die andere ist er schwarz. In Deutschland ist er eine Ikone. Der schönste See der Republik. Eigentlich gar kein See, eher besseres Mittelmeer. Sonne und Süden, Industrie und Idylle, Geld und Geist, Kunst und Kanonen. In der Schweiz hingegen gilt der Bodensee als kahl, kalt und kulturlos. Die Städte am Schweizer Ufer sind klein und schmucklos. Wenn ich sagte, dass ich am Bodensee aufgewachsen bin, erntete ich in Bern nur Mitleid. Heute in Berlin werde ich dafür beneidet.

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