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Spezial : Tourismusoffensive auf königliches Geheiß

  • -Aktualisiert am

Ein Wasserverkäufer in Marrakesch Bild: Bernd Leideritz / SRT

Dass die Tourismusbranche seit dem 11. September vor allem in arabischen Ländern am Boden liegt, entmutigt Marokkos König Mohammed VI. nicht.

          Wenn die Tourismusindustrie darbt, blüht der Reisejournalismus. Von Israel bis Marokko tagen zurzeit Tourismuskongresse, erklären Tourismusminister Journalisten die Exklusivität des eigenen Landes und laden Reiseunternehmen internationale Medienleute in die schönsten und prachtvollsten Hotels und Clubs. Der 11. September hat in keinem anderen Wirtschaftszweig so schnell und so intensiv Wirkung gezeigt. Die Botschaft der Tourismusexperten lautet einstimmig: Unser Land ist nicht nur schön, sondern auch sicher.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Marokkos Strategie aus der Krise sticht indes hervor. Nicht nur will die Regierung in Rabat die konjunkturelle Krise bekämpfen. Der Tourismus soll auch der Ausweg aus den strukturellen Problemen des Landes sein. Auf den traditionell größten Wirtschaftszweig, die Landwirtschaft, kann sich Marokko nach zuletzt regenarmen Jahren offenbar nicht mehr verlassen. Der junge König Mohammed VI. will daher neue Wege gehen. Marokko soll die jährlichen Touristenzahlen von rund 2,5 Millionen bis 2010 vervierfachen. Das würde jüngst auf einem internationalen Tourismuskongress in Marrakech bekannt gegeben. König Mohammed hatte dies zuvor verkündet.

          Urlaubsdörfer statt Bettenburgen

          Die ambitionierte Strategie scheint nicht einfach ein weiteres jener größenwahnsinnigen Projekte planwirtschaftlich organisierter arabischer Staaten zu sein. Rabat möchte von den Erfahrungen anderer Länder lernen. Die Türkei soll hier als Vorbild dienen. So setzt der Tourismusverband auf dezentrale Lösungen, will etwa sieben Urlaubsdörfer entlang des nicht besiedelten Teils der Atlantikküste entstehen lassen. Bettenburgen soll es nicht geben.

          Auch soll der kulturelle Reichtum der Städte wie Marrakech oder Fes dadurch geschützt werden. Wer den städtischen Kulturtrip dem Spaßurlaub am Strand vorzieht, muss schon tiefer in die Tasche greifen, um in den Luxushotels vor der Stadt unterzukommen.

          Politische Fassadenmalerei

          Die königliche Tourismusoffensive ist bereits im Gange. Überall in Marokko wird zurzeit gegraben, gebaut und restauriert; neue Hotels entstehen, alte Fassaden erhalten einen neuen Anstrich, Gärten und Parks werden angelegt.

          Schönheit gibt es in Marokko allenthalben. Wie es mit der Freiheit steht, scheint der junge, seit 1999 regierende König noch nicht abschließend entschieden zu haben. Erste vorsichtige Liberalisierungstendenzen wurden immer wieder von Rückschlägen begleitet. So folgte auf eine Amnestie für Gefangene des Regimes seines Vaters Hassan II. die Gängelung von Journalisten und sogar das Verbot einiger Zeitungen. Touristen, die sich interessehalber mal eines der einheimischen, französisch-sprachigen Blätter kaufen, sollten nicht überrascht sein, wenn ihnen von Seite eins bis fünf der König höchstselbst in steifen Posen entgegen strahlt.

          Sprachregelung beim Thema Islamismus

          Das politische Klima, das sich in den 90er Jahren zu Zeiten Hassans von anderen arabischen Staaten unterschied, scheint sich seit dem 11. September weiter zu verändern. Marokko zeichnete sich stets dadurch aus, dass es Fundamentalismus nicht kannte und selbst im Verhältnis zu Israel immer gemäßigte Töne anschlug. Während des Afghanistan-Krieges musste die vom König eingesetzte Regierung indes mehrere Demonstrationen von Islamisten verbieten.

          Anti-westliche Schlagzeilen würden nicht zur Tourismusoffensive passen. Tourismusfunktionäre beantworten Fragen danach mit der Sprachregelung: Wir haben kein Islamismusproblem. Dieser Satz scheint gleichermaßen vom König dekretiert wie die angestrebte Urlauberzahl.

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