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Spanische Buchenwälder : Ein fabelhafter Wald

  • -Aktualisiert am

Moos an einem Buchenstamm im Irati. Bild: Olaf Tarmas

Im spanischen Navarra findet man – neben dem feinsten Nieselregen der Pyrenäen – mit etwas Glück Tiere, von deren Existenz kaum einer etwas weiß.

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          Txiri-Miri“, sagt Leire, die junge Försterin, und hält ihr Gesicht genießerisch in den feinen Regen. Das lautmalerische baskische Wort umschreibt genau das: Nieselregen. „Manche Leute kommen nur deswegen hierher“, sagt sie, „vor allem Touristen aus Südspanien, die weder richtigen Herbst noch Regen kennen.“ Touristen aus Deutschland lassen sich dagegen eher selten blicken im „Selva de Irati“, dem „Wald des Farnes“, in der nordspanischen Provinz Navarra. Sie haben ja schon den Schwarzwald, Europas größten Buchen-Fichten-Wald. Irati steht bei diesem Waldtypus auf Platz zwei der Größten in Europa: 17.000 Hektar im Pyrenäen-Vorland, Teile davon noch unberührt.

          Ein spanischer Schwager des Schwarzwalds? Wie er wohl aussehen mag? Welche Ähnlichkeiten, welche Unterschiede es wohl geben mag in Temperament, Stimmung – und gesundheitlichem Befinden?

          Der erste Eindruck: ganz ähnlich, nur ganz anders. Da gibt es durchaus vertraute Farben und Gerüche: Heimeliges Herbstgelb und Laubduft begleiten Leire Aliende Ordona und mich, während wir am Ufer des Flüsschens Urtxuri im Salazar-Tal bergauf stapfen. Zugleich mutet das Waldbild unsortierter und wilder an als das des deutschen Gegenstücks: Viel Fels und Moos, die Buchenstämme dabei so dünn und hell wie die von Birken. „Bis in die 1950er Jahre war diese Gegend hier Nutzwald, deswegen sind weite Teile des Waldes noch jung“, erklärt die Försterin, die seit zwei Jahren in Irati arbeitet.

          Eine Kuh auf wilder Flur

          Jahrhundertelang war das harte, gerade wachsende Buchenholz begehrtes Material für Masten und Ruder der Schiffe der spanischen Armada, das Fichtenholz wurde für den Rumpf der Galeonen verwendet. Davon abgesehen sei der Wald gesund, sagt Leire. Den Borkenkäfer, der dem deutschen „Selva Negra“ so zusetzt, gibt es hier nicht. Die helle Farbe der Buchenstämme ist auf die Flechten zurückzuführen, die fast alle Bäume besiedeln und gemeinhin als Zeichen für saubere Luft gelten. In Form langer, türkisfarbener Bärte filtern sie den „Txiri-Miri“ aus der Luft. Natürlich auch den „Tan-Ta“, zu Deutsch etwa „Tropf-Tropf“ – also den stärkeren Regen. „Wir Basken drücken uns gern bildhaft aus“, sagt Leire, etwas außer Atem, während wir über lehmigen Waldboden, hellgrauen Schiefer und rutschige Wurzeln bergan stapfen.

          Die Försterin ist im sechsten Monat schwanger, weshalb ihr Herz – auf Baskisch „Zweiklang“ – ab und zu schneller schlägt: „Zweiklang-Klopfen“, gewissermaßen. „Noch drei Monate, dann werde ich zweigeteilt“, sagt sie, indem sie den baskischen Ausdruck für „Gebären“ benutzt, „dann bin ich wieder leichter unterwegs.“ In Nordnavarra wird baskisch gesprochen, wie jenseits der Landesgrenze. Es ist eine Binsenweisheit, aber auch die Sprache verändert den Wald, jedenfalls das Bild von ihm, das Gefühl, mit dem man ihn durchmisst. Wenn ein Wasserfall „Springendes Wasser“ ist, Mondschein das „Licht der Toten“ und der Horizont die „Himmelsgrenze“, wandert es sich gleich ein wenig anders.

          Ein baskischer Rübezahl

          Das gilt erst recht für die Fabelwesen, die den Irati bewohnen: Da wäre zum Beispiel der „Basajaun“, eine Art baskischer Rübezahl, mürrisch, aber hilfsbereit, falls man sich mal verirren sollte. Oder die „Lamiak“ – hübsche Frauen von trügerischer Freundlichkeit, die in der Nähe von Flüssen wie dem Urtxuri hausen und junge Männer stibitzen. Zum Glück erkennt man sie an ihren Entenfüßen.

          Der Desman, eine Art Wassermaulwurf.

          Und dann gibt es noch die echten Tiere, die aber anmuten wie Fabelwesen: Zum Beispiel den Pyrenäen-Desman, der sich ebenfalls an Wasserläufen herumtreibt: Klein wie eine Ratte, mit Schwimmhäuten an den Hinterbeinchen, schnabelartigem Rüssel und Grabepfoten vorne – eine Art Wassermaulwurf, der sich von Fischen, Würmern und Insekten ernährt. Leire bewahrt ein Exemplar in ihrer Försterinnenhütte auf, eingelegt in Formaldehyd – als Beweis, dass es dieses Tier tatsächlich gibt.

          In der kleinen Holzhütte beginnt und endet unsere Rundwanderung. Sie dient vor allem als Anlaufstation für Besucher – für Tagesausflügler wie die Reisegruppe aus Alicante, die mit dem Bus angereist ist, um das spanische Waldwunder zu erleben. Oder für Trekker wie die junge Frau mit Rucksack und Zelt, die den Irati-Wald als Etappe auf ihrer Pyrenäen-Querung nutzt. Im Ofen flackert ein Holzfeuer, Leires Kollegin röstet sich gerade eine Chorizo-Wurst darüber. Denn natürlich ist auch das Essen hier ein ganz anderes als im Schwarzwald. Ein kleines Restaurant oberhalb des Flusses serviert zum Beispiel das traditionelle Hirtengericht „Migas“ – geraspeltes Brot vom Vortag, das mit viel Knoblauch und etwas Speck gebraten wird. „Zuhause essen wir es im Stehen aus einem großen Kessel“, erzählt Leire. „Reihum tritt jeder an den Topf heran, drückt eine kleine Portion Migas auf einem breiten Holzlöffel fest und tritt dann wieder zurück, um sie zu verspeisen. Es ist wie ein kleiner Tanz. Gibt es so etwas im Schwarzwald auch?“

          Über einem „Patxaran“, einem Schlehen-Anis-Likör, sinniere ich noch über diese Frage, als es passiert: Bei einem Blick aus dem Fenster schiebt sich mein deutsches Waldgefühl über den Irati-Ausblick. Eine eigentümliche Empfindung, ausgelöst durch die urvertraute Kombination aus herbstlichen Rost- und Kupfertönen auf den Hängen und den feinen Nadeln tiefhängender Fichtenzweige im Vordergrund. Als ich vor die Tür trete, verstärken der vertraute Laubduft, die Regenluft, das Flussrauschen den Effekt noch. Doch dann trabt eine der hier freilebenden hellbraunen Waldkühe mit geschwungenen Hörnern durchs Bild, und das Gefühl wippt wieder zurück ins Baskische – eine Wald-Kippfigur, in der ich mal das Fremdartige, mal das Vertraute in der Umgebung erkenne. Zweiwaldwippen, so würde es vermutlich auf Baskisch heißen.

          Weg nach Navarra

          Anreise Nächster Flughafen ist Pamplona, direkt erreichbar zum Beispiel mit Lufthansa ab Frankfurt. Von dort aus mit dem Bus (conde.es, Fahrtzeit 1,5 Stunden) oder mit dem Mietwagen nach Ochagavía/Otsagabia – das idyllische Dorf ist ein guter Ausgangspunkt für Erkundungen der Irati-Wälder. Verlassen Sie Pamplona auf der AP-15 in Richtung Imárcoain bis zur Ausfahrt 82 in Richtung Noain-Sangüesa-Huesca, die an die A-21 anschließt. Folgen Sie der Autobahn bis zur NA-150 bis zur Kreuzung Lumbier. Nehmen Sie dann die NA-178 bis Sie Ezcároz erreichen, und fahren Sie auf der NA-140 bis nach Ochagavía. Unterkunft In Ochagavía gibt es eine Reihe kleiner Landhotels, zum Beispiel das gemütliche Hostal Orialde (Urrutian 6, 31680 Ochagavía, Tel. 00 34/670 213983). Die Geräuschkulisse ist authentisch: Vor dem Fenster rauscht der Fluss, im Nebengebäude spielt die Dorfjugend Pelota.

          Weitere Informationen Führungen, Kartenmaterial et cetera im Tourismusbüro von Ochagavía, Tel 0034 948 890 641 Centro de Interpretación de la Naturaleza, Calle Labaria, 21, 31680 Otsagabia, Mail: oit.ochagavia@navarra.es oder ganz allgemein zu Navarra: www.turismo.navarra.es/deu Wanderrouten durch den Irati-Wald unter www.irati.org

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