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Spanien : Versunken in Navarra

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Hineingewürfelt ins Nirgendwo: Auffällig sind die grauen Metallcontainer des „Aire de Bardenas“ in der kargen Landschaft der Navarra nicht. Bild: Javier Campos-Tryon

In der Halbwüste nordwestlich von Zaragoza können Gäste des „Aire de Bardenas“ den tückischen Wind El Cierzo aussperren und völlige Ruhe genießen. Eine Kulisse, die schon Hollywood-Stars und die Musikbranche inspirierte.

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          Der Wind hat sich hier einen Namen gemacht, El Cierzo. Er kommt aus dem Nordosten, aus dem Ebro-Tal, trocken und kühl, und er ergreift mit einer Entschiedenheit Besitz von Haaren und Kleidern, dass sich der Anblick der Landschaft ringsum schnell erklärt: Tafelberge in Ocker, Rot und Goldgelb, kegelförmige Sedimentbrocken, Steilwände und Schluchten. Es sieht aus, als hätten Riesen mit nassem Sand gespielt, der über Nacht erstarrt ist.

          Die Bardenas Reales liegen in der nordspanischen Region Navarra, sie sind eine Halbwüste so groß wie Wien. Vor Jahrmillionen spülten die Flüsse das Sediment an, aus dem die Berge entstanden sind, der Regen und El Cierzo haben sie ausgewaschen - eine Kulisse wie in einem Western. Schafherden suchen auf Weiden mit dünnen, kurzen Gräsern nach Nahrhaftem. Eines der Schafe ist gestorben, ein paar Geier haben es sich geteilt und verdauen nun auf einem der Gipfel.

          Ein Hotel am Rande des Nationalparks

          „Das ist Mexiko“, rief der britische Regisseur Ridley Scott, als er hier mit Cameron Diaz, Penélope Cruz, Javier Bardem und Brad Pitt drehte. „The Counselor“ heißt der Film, der im vergangenen Herbst in die Kinos kam. Es geht um einen Drogenkrimi zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, die Bardenas bieten dafür das perfekte Setting. Auch andere kamen wegen der Landschaft: Michael Apted drehte Action-Szenen für den James Bond „Die Welt ist nicht genug“ mit Pierce Brosnan. Iggy Pop fand Inspiration für seine Musikvideos, und Autobauer filmten Werbeclips für ihre Geländewagen.

          Größter Genuss sind gutes Essen und die unglaubliche Geräuschlosigkeit
          Größter Genuss sind gutes Essen und die unglaubliche Geräuschlosigkeit : Bild: Javier Campos-Tryon

          Natalia Pérez kennt die Bardenas seit ihrer Kindheit. Sie wuchs in der Nähe auf, in der Kleinstadt Tudela und kroch als kleines Mädchen in den Schluchten herum. Damals war die Gegend noch kein Unesco-Biosphärenreservat, und Besucher mussten nicht auf den Schotterpisten zwischen den Bergen stehen bleiben. An den Abenden spielte Pérez mit Freunden Monster, und wenn die Sonne unterging, wurde ihr Schatten lang und länger, bis sie einem zehn Meter großen Ungeheuer glich. Später, als sie für einen US-Konzern als Ökonomin arbeitete, genoss sie beim Heimkommen die Stille. Und irgendwann, als sie sich nach ihren Wurzeln sehnte, Anfang der 2000er Jahre, nach dem vierten Kind, baute sie zusammen mit ihrer Schwester Diana am Rande des Nationalparks ein Hotel: das „Aire de Bardenas“.

          Hypnotische Atmosphäre

          Eine staubige Piste führt von der Hauptstraße aus Tudela hierher. Von weitem betrachtet ist das Hotel eine Ansammlung grauer Metallcontainer, wie hingewürfelt ins Nirgendwo. Ringsum ein Zaun aus Holzkisten, der den Eindruck vermittelt, man nähere sich einer Obst- oder Gemüsefabrik. Von nahem aber ein Design-Hotel, das seit der Eröffnung 2007 mit Preisen überhäuft wurde und fast immer ausgebucht ist - trotz oder vielleicht eher gerade wegen seiner Abgeschiedenheit.

          Still, klar und unbeweglich, wie fast alles in Navarra: der Pool des Hotels.
          Still, klar und unbeweglich, wie fast alles in Navarra: der Pool des Hotels. : Bild: Javier Campos-Tryon

          Pérez stört der Fabrikvergleich nicht. „Wir wollten das Hotel so unauffällig wie möglich in die Landschaft einfügen. Die Metallcontainer sind den Lagerhallen der Bauern in der Umgebung entlehnt“, erzählt die 44-jährige Frau. Den Sommer über streift El Cierzo über die Getreidefelder vor dem „Aire de Bardenas“, im Herbst pustet er in die kurzen Stoppeln. In den aufeinandergestapelten Holzkisten transportieren Bauern normalerweise Spargel, Artischocken und Salatköpfe. Dass aus den einfachen Materialien dennoch ein Ort geworden ist, der für seine Besucher mehr ist als ein Platz zum Übernachten, liegt an den Pérez-Schwestern und den Architekten, die ihre Ideen umsetzten.

          Natürlich gibt es einen Swimmingpool und ein vorzügliches Restaurant, es gibt einen Patio, in dem man die Sonne genießen kann, und es gibt komfortable Betten, in denen man versinken möchte. Aber was einen geradezu magisch anzieht, sobald man die Tür zu seinem Container hinter sich geschlossen hat, ist das bodentiefe quadratische Fenster, das aus dem Raum hinausragt und mit Kissen gepolstert ist. Da liegt man dann hingestreckt, El Cierzo ist ausgesperrt, es herrscht völlige Ruhe, und der Ausblick ist so spektakulär unspektakulär, dass man nie wieder aufstehen möchte.

          Absolute Stille, hypnotische Ruhe

          Über die menschenleeren Felder fliegt ein Vogel. In einiger Entfernung zieht ein Schäfer mit seiner Herde vorbei. Am Horizont steigt die Ebene sachte zu einem Hügel an, auf dem gut zwei Dutzend Windräder um die Wette schaufeln. In der absoluten Geräuschlosigkeit hat das hypnotische Wirkung. Man könnte sich einen Segway mieten oder ein Mountainbike und in den Sonnenuntergang fahren. Im „Aire de Bardenas“ ist auch dafür vorgesorgt.

          Doch viel angenehmer ist es, von hier aus zuzusehen, wie die Sonne versinkt und die Nacht die Dämmerung verdrängt und am Himmel die ersten Sterne aufleuchten. Emiliano López und Mónica Rivera, ein junges Architektenpaar, hat das Konzept für das Hotel geplant. „Wir wollten die Umgebung sichtbar machen, oder anders gesagt, sie sollte stärker sein als die Inneneinrichtung“, erklärt Rivera. „Die Landschaft ist so karg, das hatten wir zu respektieren.“ Sechs Jahre ist das nun her. Und selbst Natalia Pérez kann noch immer in dem Anblick versinken.

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