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Spanien : Maskenball in Málaga

  • -Aktualisiert am

Unter einem heiteren Himmel: Blick auf die Kathedrale von Málaga. Bild: Picture-Alliance

Eigentlich hatte man mit einem Rekord gerechnet, doch Málaga sind die Touristen abhandengekommen. Dennoch kann ein Aufenthalt an der größten Stadt der Costa del Sol nun umso reizvoller sein.

          6 Min.

          Vorbei sind die Tage, an denen die desinfizierten Straßen gespenstisch leer waren, lediglich Hundebesitzer ein wenig Auslauf hatten, sich einzeln mit Hund hundert Meter von ihrer Wohnung entfernen durften. Längst feiert die Stadt wieder ihre Auferstehung aus der Stille, nach vielen Tagen Einsamkeit strömten die Malagueños aus dem Verließ der Isolation ins Freie, ins Zentrum – auf die Alameda, die traditionsreiche Flaniermeile unter den breiten Kronen hoher Feigenbäume und Platanen; in den Parque, diesen urbanen Dschungel mit exotischem Gewächs von allen Kontinenten mitten in der weltoffenen Stadt; auf die Plaza de la Marina voller Menschen ohne Hunde, ins Hafengelände, bis vor wenigen Jahren vergittertes Sperrgebiet, seitdem Territorium des mediterranen Müßiggangs und des genüsslichen Konsums; in die breite Einkaufszeile Marqués de Larios und die Gassen der Altstadt; auf die lange Strandpromenade und an die mehr als ein Dutzend Strände. Sie zelebrieren das Wiedersehen mit Bekannten, enthalten sich dabei des Rituals der klebrigen Begrüßung – Küsschen links, Küsschen rechts auf die geschminkte, schweißfeuchte Wange –, rücken vielmehr die obligate Maske zurecht, halten Abstand und wechseln umso mehr Worte.

          Es ist ein Déjà-vu: Auch nach dem Ende des Ausnahmezustandes im vergangenen Juni füllten sich die wieder geöffneten Straßencafés und Straßenrestaurants. Die Masken wurden abgenommen oder unters Kinn gezogen oder baumelten an einem Ohr. Man ließ dem angeborenen Geselligkeitstrieb und dem natürlichen Mitteilungsbedürfnis und Selbstdarstellungsdrang freien Lauf, parlierte und lachte ungeniert und unmaskiert, als wäre nichts gewesen, Corona ist ein Bier. In der Öffentlichkeit rauchen darf man im Land der Amerika- und Tabak-Entdecker dank des Virus allerdings nicht länger.

          An den Stränden waren zusätzlich zu den Lebensrettern motorisierte Strandaufseher mit Pick-ups, Buggys und Quads unterwegs, uniformierte Strandwächter in Bermudashorts und Polohemden patrouillierten per pedes und kontrollierten Zustrom und Belegdichte und forderten, wenn nötig, die verehrten Badegäste höflich auf, den vorgeschriebenen Abstand zueinander zu wahren, und ergriffen, wenn es nicht anders ging, im Verein mit der Polizei überzeugendere Maßnahmen von sechshundert Euro Bußgeld aufwärts. Auf dem Sand und im Wasser konnte man mit freundlicher Genehmigung der andalusischen Landesregierung maskenfrei atmen, doch die Strandläufer am Wasser, denen eine Gasse freizuhalten war, mussten verhüllt durch den Sand stapfen.

          Wie schmeckt der Kuss mit Maske?

          Trotz aller Fürsorge, mit der die Autoritäten die Freiheit des Volkes in spanische Stiefel einschnürten, schwappen nun Wellen von Neuinfektionen durchs Land, vornehmlich ausgelöst durch unkontrollierte Privatversammlungen von Familiengruppen und Freundeszirkeln, durch Großveranstaltungen wie Hochzeiten und Taufen, Zusammenballungen in Diskotheken und Nachtlokalen sowie unangemeldete, nächtliche Strand-Fiestas mit Trinkgelagen ohne Distanz und Maske. Jetzt gehen die Infektionszahlen wieder steil nach unten, doch Plätze und Parkanlagen sind trotz Bewegungsfreiheit alles andere als überlaufen, die Tische der Straßenlokale trotz vorgeschriebener Ausdünnung zwecks Distanzgewinns selbst in Stoßzeiten eher spärlich besetzt. Die Geschäfte, zumal die Andenkenläden, gähnen vor Langeweile, die Pferdedroschken warten vergebens auf Kundschaft, und das Geschäft der „pordioseros“, der maskierten Bettler an den Toren der Kathedrale und anderer Kirchen, die um ein Almosen „por el amor de Dios“, um Gottes Liebe willen, bitten, läuft so schlecht wie in der Finanzkrise.

          Hafen und Stierkampfarena liegen verlassen da, die Stadt erstarrt. Dabei geht es ihr besser als vielen anderen Gegenden in Spanien.
          Hafen und Stierkampfarena liegen verlassen da, die Stadt erstarrt. Dabei geht es ihr besser als vielen anderen Gegenden in Spanien. : Bild: Picture-Alliance

          Jetzt sind die Strände und Strandbars auch bei frühlingshaftem Badewetter und angenehmer Wassertemperatur nahezu leer, ein paar Figuren laufen am Ufer entlang, ein paar Spaziergänger und Jogger über die Promenade. Im Hafen herrscht Ebbe an Schaulustigen, es gibt auch nicht viel zu sehen außer den beiden Fähren nach Melilla, die zweimal am Tag ihre An- und Ablegemanöver vollführen. Alte Männer sitzen auf einer Bank und streiten lauthals mit verrutschtem Mundschutz, die Boutiquen finden kein Interesse, die aneinandergereihten Kneipen, Tapa-Bars, Fastfood-Läden, Eisdielen, Bodegas, Restaurants beneiden sich gegenseitig um jeden besetzten Tisch. Ein paar Jugendliche beiderlei Geschlechts schlendern über die Mole und fragen sich vielleicht, wie Liebe in Zeiten der Pandemie funktionieren soll, wie ein Kuss mit Maske schmeckt, wie Sex im Zwei-Meter-Abstand geht – das hat die Regierung nicht verlauten lassen –, und zücken ihr Instrument virtuellen Kontakts und sozialer Distanz, das Smartphone.

          Ein Paradies wie das der Kindheit

          Málaga sind die Touristen abhandengekommen. Die spanische Ferienzeit ist längst zu Ende, die Weihnachtsurlauber sind längst wieder zu Hause, und die ausländischen Touristen bleiben seit dem vergangenen Frühjahr aus, seit einem Jahr nun schon. Im Stadtbild fehlen die blonden Haare und blauen Augen, die weiße oder krebsrote Haut und die Socken in Sandalen. Die Kreuzfahrer, die zumindest einen Fuß auf Málaga setzten, die Flugreisenden, die sich irgendwo an der Küste einnisteten, aber wenigstens einen Tagesausflug in die nach Sevilla zweitgrößte Stadt Andalusiens machten, all die Kurz- und Langzeiturlauber vergangener Jahre haben Málaga den Rücken gekehrt.

          Nach dem Ende des Ausnahmezustandes im vergangenen Juni füllten sich die wieder geöffneten Straßencafés und Straßenrestaurants.
          Nach dem Ende des Ausnahmezustandes im vergangenen Juni füllten sich die wieder geöffneten Straßencafés und Straßenrestaurants. : Bild: Picture-Alliance

          Für vergangenes und auch dieses Jahr hatte man mit einem Rekord von mehr als zwanzig Millionen ausländischen Sonnenanbetern am Flughafen Málaga gerechnet, nun ist die Sonnenküste, ist Málaga verwaist. Totalausfall, nur vereinzelt Ausländer in der Stadt, sonst nur tote, auf dem Englischen Friedhof, diesem romantischen Park des neunzehnten Jahrhunderts unweit des Zentrums. Dort liegen naheliegenderweise hauptsächlich Briten, aber auch Dutzende von Besatzungsmitgliedern der Fregatte „Gneisenau“, Schulschiff und Stolz Seiner Majestät des deutschen Kaisers, ein Dreimasters, der bei einem Unwetter im Dezember 1900 den Schutz des Hafens suchte und auf einen Wellenbrecher trieb. Den Deutschen kamen nicht wenige Malagueños zu Hilfe, manche ließen bei den Rettungsversuchen ihr Leben.

          Kaum noch Engländer in Málaga, trotz der Nähe zu Gibraltar, keine Französinnen mehr wie Gala, Gemahlin Paul Éluards, Geliebte und Muse Salvador Dalís, Oben-ohne-Pionierin anno 1930, keine freizügigen Schwedinnen mehr wie in den sechziger Jahren. Malagueños unter sich, beinahe zurückgeworfen ins Paradies, wären die Euros nicht so schwindsüchtig. Ein Paradies wie das der Kindheit, der Kindheit Vicente Aleixandres etwa, des späteren Literaturnobelpreisträgers, der in der leichten, zwischen Bergen und Abgrund über der Erde schwebenden Stadt aufwuchs, dieser luftigen Stadt mit schwerelosen Straßen für nackte Füße oder ausgebreitete Flügel, die er als seine „Paradiesstadt“ empfand.

          Zitrusfrüchte und ein heiterer Himmel

          Ein Paradies wie das der Kindheit Málagas selbst, in der die Mauren Orangenbäume pflanzten, Feigen trockneten und Reben kultivierten und aus den Trauben nicht nur Rosinen machten. Des süßen Weins, der süßen Rosinen und der gesunden süßen Luft wegen kamen die Briten zur Zeit der Pubertät Málagas. Die Stadt hatte zwar keine einzigartigen Bauten oder herausragenden Kunstschätze aufzuweisen, die Alcazaba, die maurische Festungs- und Palastanlage, war eine Ruine, ebenfalls das phönizisch-punisch-römisch-maurische Befestigungswerk auf dem Gibralfaro, dem Hügel oberhalb der Alcazaba, das römische Theater lag noch unerkannt in Schutt und Erde, und die Kathedrale war nicht monumental genug.

          Ausgrabung mitten in der Stadt: Das römische Theater in Málaga.
          Ausgrabung mitten in der Stadt: Das römische Theater in Málaga. : Bild: Picture-Alliance

          Doch Málaga hatte andere Reize: seine Lage am Meer in seiner Bucht, umgeben von einem Kranz aus Bergen, ein mildes Klima, das zur Flucht aus dem englischen Wetter verführte und zum Überwintern in der geradezu heilsamen Stadtluft einlud. Málaga besaß einen heiteren Himmel und eine heitere Atmosphäre, trieb einen nicht zu verachtenden Handel mit Zitrus- und Trockenfrüchten, Wein, Olivenöl und in Salz eingelegten Fischen und erfreute das Britenherz mit der vielgerühmten Schönheit seiner Frauen, der natürlichen Anmut, Grazie, Eleganz der Malagueñas, ihrem Mutterwitz, lebensfrohen Lächeln, wiegenden Gang und ihren großen schwarzen Augen.

          Die schlechteste Saison aller Zeiten

          Mittlerweile sind Alcazaba und Gibralfaro restauriert, und das römische Theater ist ausgegraben. Doch zur Zeit verläuft sich kaum ein Mensch in diesen ältesten Teil Málagas. Inzwischen wurde die Wohnung, in der Picasso heranwuchs, der berühmteste Sohn der Stadt, in ein Museum umgewandelt, in eines von vierzig Museen, die seit Ende Mai wieder geöffnet sind, so das Museo de Málaga mit Gemälden aus der Neuzeit und archäologischen Fundstücken im klassizistischen Zollhaus oder das Stierkampfmuseum in der Arena. Doch wer soll nun durch all diese Museen ziehen, durch die alten und die in den vergangenen beiden Jahrzehnten hinzugekommenen, die den Ruf Málagas als Stadt der Kunst begründet haben? Wer soll das Picasso-Museum mit den fast dreihundert Werken des Malers und Keramikers füllen, wer das Zentrum für Zeitgenössische Kunst in einer ehemaligen Markthalle, das Museum Carmen Thyssen mit spanischer Malerei des neunzehnten Jahrhunderts in einem Renaissance-Palast, das Centro Pompidou Málaga im Hafen, das Museo Ruso, einen Ableger des Russischen Museums in Sankt Petersburg, in der alten Tabakfabrik? Die in der jüngsten Zeit dynamischste Stadt Andalusiens droht in der Pandemie zu erstarren.

          Ein Stück Normalität, fast wie vor der Pandemie: Einheimische flanieren durch die breite Einkaufszeile Marqués de Larios und die Gassen der Altstadt – nur eben mit Masken.
          Ein Stück Normalität, fast wie vor der Pandemie: Einheimische flanieren durch die breite Einkaufszeile Marqués de Larios und die Gassen der Altstadt – nur eben mit Masken. : Bild: Picture-Alliance

          Für die Tourismusindustrie der Costa del Sol war der Sommer 2020 der schlechteste aller Zeiten. Im Juli und August, der Höchstsaison, waren die Hotelbetten nur zu vierzig Prozent belegt, fast ausschließlich von Spaniern. Angesichts dieser Quote kann Málaga sich sogar noch glücklich schätzen, denn die Costa del Sol ist das beliebteste Ferienziel der Spanier im Sommer wie auch im Herbst und im Frühjahr – doch niemand wagt zu sagen, wie die nächste Sommersaison wird.

          Für die Badegäste hingegen war es ein exzellenter Sommer 2020. Die Wassertemperatur stieg auf achtundzwanzig Grad, ein Rekordwert seit Beginn der Messungen im Jahr 1984. Schuld an der Erwärmung ist aber nicht der Klimawandel, sondern der Ostwind, soweit der Klimawandel nicht auch für den Ostwind verantwortlich ist. Der Ostwind wehte häufiger als gewöhnlich und blies warmes Oberflächenwasser aus wärmeren Mittelmeerzonen nach Westen. Und infolge des Touristenschwunds waren Wasser und Strände sauberer als sonst, die Strände dünner belegt, der Verkehr war geringer, alle Infrastruktur von der Kläranlage bis zum Kunstmuseum weniger belastet, die Luft reiner, der Nachthimmel sternenreicher. Diese Effekte haben sich seitdem noch verstärkt, in der Nacht riecht Málaga wieder nach Meer und Jasmin wie in der Kindheit.

          Informationen im Internet unter www.malagaturismo.com.

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