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Spanien : Maskenball in Málaga

  • -Aktualisiert am

Unter einem heiteren Himmel: Blick auf die Kathedrale von Málaga. Bild: Picture-Alliance

Eigentlich hatte man mit einem Rekord gerechnet, doch Málaga sind die Touristen abhandengekommen. Dennoch kann ein Aufenthalt an der größten Stadt der Costa del Sol nun umso reizvoller sein.

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          Vorbei sind die Tage, an denen die desinfizierten Straßen gespenstisch leer waren, lediglich Hundebesitzer ein wenig Auslauf hatten, sich einzeln mit Hund hundert Meter von ihrer Wohnung entfernen durften. Längst feiert die Stadt wieder ihre Auferstehung aus der Stille, nach vielen Tagen Einsamkeit strömten die Malagueños aus dem Verließ der Isolation ins Freie, ins Zentrum – auf die Alameda, die traditionsreiche Flaniermeile unter den breiten Kronen hoher Feigenbäume und Platanen; in den Parque, diesen urbanen Dschungel mit exotischem Gewächs von allen Kontinenten mitten in der weltoffenen Stadt; auf die Plaza de la Marina voller Menschen ohne Hunde, ins Hafengelände, bis vor wenigen Jahren vergittertes Sperrgebiet, seitdem Territorium des mediterranen Müßiggangs und des genüsslichen Konsums; in die breite Einkaufszeile Marqués de Larios und die Gassen der Altstadt; auf die lange Strandpromenade und an die mehr als ein Dutzend Strände. Sie zelebrieren das Wiedersehen mit Bekannten, enthalten sich dabei des Rituals der klebrigen Begrüßung – Küsschen links, Küsschen rechts auf die geschminkte, schweißfeuchte Wange –, rücken vielmehr die obligate Maske zurecht, halten Abstand und wechseln umso mehr Worte.

          Es ist ein Déjà-vu: Auch nach dem Ende des Ausnahmezustandes im vergangenen Juni füllten sich die wieder geöffneten Straßencafés und Straßenrestaurants. Die Masken wurden abgenommen oder unters Kinn gezogen oder baumelten an einem Ohr. Man ließ dem angeborenen Geselligkeitstrieb und dem natürlichen Mitteilungsbedürfnis und Selbstdarstellungsdrang freien Lauf, parlierte und lachte ungeniert und unmaskiert, als wäre nichts gewesen, Corona ist ein Bier. In der Öffentlichkeit rauchen darf man im Land der Amerika- und Tabak-Entdecker dank des Virus allerdings nicht länger.

          An den Stränden waren zusätzlich zu den Lebensrettern motorisierte Strandaufseher mit Pick-ups, Buggys und Quads unterwegs, uniformierte Strandwächter in Bermudashorts und Polohemden patrouillierten per pedes und kontrollierten Zustrom und Belegdichte und forderten, wenn nötig, die verehrten Badegäste höflich auf, den vorgeschriebenen Abstand zueinander zu wahren, und ergriffen, wenn es nicht anders ging, im Verein mit der Polizei überzeugendere Maßnahmen von sechshundert Euro Bußgeld aufwärts. Auf dem Sand und im Wasser konnte man mit freundlicher Genehmigung der andalusischen Landesregierung maskenfrei atmen, doch die Strandläufer am Wasser, denen eine Gasse freizuhalten war, mussten verhüllt durch den Sand stapfen.

          Wie schmeckt der Kuss mit Maske?

          Trotz aller Fürsorge, mit der die Autoritäten die Freiheit des Volkes in spanische Stiefel einschnürten, schwappen nun Wellen von Neuinfektionen durchs Land, vornehmlich ausgelöst durch unkontrollierte Privatversammlungen von Familiengruppen und Freundeszirkeln, durch Großveranstaltungen wie Hochzeiten und Taufen, Zusammenballungen in Diskotheken und Nachtlokalen sowie unangemeldete, nächtliche Strand-Fiestas mit Trinkgelagen ohne Distanz und Maske. Jetzt gehen die Infektionszahlen wieder steil nach unten, doch Plätze und Parkanlagen sind trotz Bewegungsfreiheit alles andere als überlaufen, die Tische der Straßenlokale trotz vorgeschriebener Ausdünnung zwecks Distanzgewinns selbst in Stoßzeiten eher spärlich besetzt. Die Geschäfte, zumal die Andenkenläden, gähnen vor Langeweile, die Pferdedroschken warten vergebens auf Kundschaft, und das Geschäft der „pordioseros“, der maskierten Bettler an den Toren der Kathedrale und anderer Kirchen, die um ein Almosen „por el amor de Dios“, um Gottes Liebe willen, bitten, läuft so schlecht wie in der Finanzkrise.

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