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Sommerserie „Ortsmarke“ : Über den eisernen Regenbogen nach Europa

  • -Aktualisiert am

Die Industriestadt kann auch Idylle: in der Altstadt von Gräfrath. Bild: Picture-Alliance

Solingen ist weltberühmt für seine Messer. Doch die „Klingenstadt“ bewahrt auch ein zukünftiges Weltkulturerbe und hütet ein einzigartiges Museum. Ein Reisebericht.

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          Das soll Solingen sein, die Industriestadt im Schnittpunkt des Ballungsraumes Köln–Wuppertal–Düsseldorf? Die schmalen Straßen und steilen Gassen am Hang, die Täppken, Steines oder Spitzweiche heißen, sind mit Kopfstein gepflastert und von schmucken Fachwerkhäusern gesäumt, die Fassaden mit Schiefer sorgfältig verkleidet, die Fenstereinfassungen weiß, die Fensterläden grün gestrichen. Vor jedem zweiten Wohnhaus steht ein Sitzbänkchen, auf dem sich Bewohner und Passanten niederlassen können, und wer keines hat, palavert auf den Treppenstufen vor dem Eingang. Jeder kennt hier jeden, und der Fremde wird freundlich gegrüßt. Irgendwann zwischen Frühstück und Abendessen scheint sich jeder mindestens einmal im Kaffeehaus am Marktplatz einzufinden, in dem der leutselige Wirt als eine Mischung aus Ortsvorsteher und Gästebetreuer auftritt. Zwischen Marktplatz, Wohnhäusern und der darüberliegenden Klosterterrasse kann man sich in Durchgängen, Höfen, Hinterhöfen und versteckten Winkeln verlieren, in einem Gewirr aus Gemüsegärten und Blumenrabatten, aus Laubengängen, Sitzecken und Terrassen, überhäuft mit Blumenkästen und Blumentöpfen, ergänzt von Hundehütten, Gartenhäuschen und Geräteschuppen. „Gehötz“ nennt man in dieser Gegend ein solch verschachteltes Idyll. Mächtige Mühl- und Schleifsteine stehen hier und da vor den Häusern oder wurden dekorativ in die Bürgersteige integriert; sie erinnern daran, dass man sich tatsächlich in der Messer- und Schleiferstadt befindet, genauer: im Ortsteil Gräfrath.

          Messer + Scheren + Klingen = Solingen. Auf dieser Gleichung beruht das weltweite Renommee der Stadt. Während anderswo zwischen Rhein und Ruhr das Industriezeitalter häufig nur noch Geschichte ist und aus umgewidmeten Industriedenkmälern besteht, hat Solingen seine traditionsreiche Klingenproduktion ins einundzwanzigste Jahrhundert hinübergerettet. Mehr als hundertfünfzig Betriebe widmen sich nach wie vor dem Geschäft mit Stahl und scharfen Schneiden, und viele Einwohner, so heißt es, haben das Messer-Virus von ihren Vorfahren geerbt. Großbetriebe wie Zwilling und Wüsthof arbeiten inzwischen mit moderner Robotertechnik, während Edelmarken wie Böker, Güde, Eicker oder Burgvogel und zahlreiche kleine Manufakturen und Schleifereien das traditionelle Handwerk pflegen. Solingen rühmt sich, weltweit die einzige Stadt zu sein, deren Name markenrechtlich geschützt ist. „Made in Solingen“ heißt heute das internationale Gütesiegel, aber schon im Mittelalter trugen Schwerter und Degen die selbstbewusste Aufschrift „me fecit Solingen“ – mich schuf Solingen.

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