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Undertourism in Deutschland : So schön leer hier!

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Spaziergänger mit Hund im Licht der aufgehenden Sonne auf einem Feldweg bei Seelze Bild: Picture-Alliance

Alle klagen über Overtourism. Dabei gibt es in Deutschland viele Gemeinden, in die sich nur selten Besucher verirren. Seelze in Niedersachsen etwa, Weida in Thüringen oder Rheinstetten in Baden-Württemberg. Ein Blick auf die Zahlen.

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          Grölendes Partyvolk in Berlin-Kreuzberg, tutende Kreuzfahrtschiffe in Venedig und im Pariser Louvre vor der Mona Lisa ein Andrang wie auf einem Rockkonzert: Das Phänomen Overtourism wird die großen Reisedestinationen auch im Jahr 2020 beschäftigen. Mittlerweile sehen sich aber auch immer mehr kleinere Gemeinden von ihm herausgefordert. Das österreichische Hallstatt etwa, ein Dorf von gerade einmal 750 Einwohnern, muss jedes Jahr über eine Million Besucher verkraften. Vor allem chinesische Touristen wollen sich das Panorama mit See und Berg nicht entgehen lassen, seitdem es erstmals auf der chinesischen Variante von Instagram gepostet wurde. Die Hallstätter finden das gar nicht gut. Bis zu 20.000 Reisebusse steuern ihr Zuhause jedes Jahr an, meist gefüllt mit Tagestouristen, die kein Geld im Ort lassen und sich auch nicht für ihn interessieren. Bei laufendem Motor wird eilig herumgeknipst, Dorf und Dorfbewohner werden zur bloßen Kulisse degradiert. Der Gemeinderat tritt dem nun entgegen. Ein neues Vergabesystem soll in diesem Jahr die Zahl der Busse verringern und die Verweildauer der Besucher verlängern.

          Auch im baden-württembergischen Rust regt sich Widerstand, nachdem bekanntwurde, dass der dort ansässige Europa-Park um einen Wasserpark (der Abschnitt „Rulantica“ hat im November eröffnet) und eine Seilbahn ins Elsass erweitert wird. Die 4300 Einwohner wissen sehr wohl, dass auch sie von den über fünfeinhalb Millionen Menschen profitieren, die Jahr für Jahr den Freizeitpark besuchen, und haben sich daher halbwegs mit Lärm, Musik und Anreiseverkehr arrangiert. Doch „Jetzt langt’s!“ – so der Name der im vergangenen Jahr gegründeten Bürgerinitiative, die sich gegen „exzessive Bebauung, Tourismus und Verkehr und die Folgen“ richtet und für den „Erhalt unserer lebenswerten Region“ wirbt.

          Droht auch andernorts in Deutschland die Tourismus-Intensität derart zuzunehmen, dass man von Overtourism sprechen kann? Aus den zugänglichen Daten ergibt sich 2018 für die Bundesländer ein recht ausgewogenes Bild. Spitzenreiter ist mit 19.118 Gästeübernachtungen pro 1000 Einwohner das bevölkerungsarme Mecklenburg-Vorpommern. Das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen hat dagegen 2896 verzeichnet. Die übrigen 14 Bundesländer liegen in guter föderaler Tradition dazwischen. Von Overtourism also zunächst einmal keine Spur.

          Krausnick-Groß Wasserburg vor Berlin-Mitte

          Wie aber sieht es auf kommunaler Ebene aus? Deutschland besteht ja auch aus rund 11.000 Städten und Gemeinden, von Balderschwang im Allgäu bis Kampen auf Sylt, von Alsdorf bei Aachen bis Neißeaue in Sachsen. Wenn es Overtourism geben sollte, dann hier, in den kleinen Gemeinden. Und was ist mit dem Gegenteil: Undertourism? Gibt es Orte in Deutschland, die von Besuchern fast völlig gemieden werden, obwohl sie gar nicht so unattraktiv sind, wie man zunächst vermuten sollte?

          Liegen dicht beieinander: Overtourism und Undertourism in Deutschland.

          Auf Anfrage dieser Zeitung haben die Statistischen Landesämter erstmals Tourismusdaten auf Gemeindeebene zur Verfügung gestellt. Vergleichskennziffer ist auch hier die Übernachtungsdichte, also die Zahl der Gästeübernachtungen pro 1000 Einwohner im Jahr 2018. Für die Stadtstaaten ergibt sich zunächst ein wenig überraschendes Bild. Hamburg (7833) ist bei Touristen in etwa doppelt so beliebt wie Bremen (3792). Etwas beliebter ist Berlin (8827), wobei der Bezirk Mitte (36.678) am allerbeliebtesten ist. Schlusslicht mit 909 Gästeübernachtungen pro 1000 Einwohner ist Marzahn-Hellersdorf, Ferienwohnungen nicht mitgerechnet. Die Statistischen Landesämter zählen nur gemeldete Beherbergungsbetriebe ab zehn Betten. Auch Campingplätze fließen nicht immer ein. Doch selbst mit Airbnb und Camping würde gelten: Öfter als einmal im Jahr muss kein Bewohner Marzahn-Hellersdorfs einen Übernachtungsgast ertragen.

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