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Familienurlaub in Stockholm : Knäckebrotkönige und Piratentöchter

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Die Welt, wie sie uns gefällt: Pippi Langstrumpfs Pferd Kleiner Onkel trägt geduldig jede Kinderlast in Stockholms Astrid-Lindgren-Welt. Bild: EXPRESSEN

Wer behauptet, Schweden sei das kinderfreundlichste Land der Welt und Stockholm die familienfreundlichste Hauptstadt auf Erden, lehnt sich weit aus dem Fenster. Doch der Wahrheit kommt er damit sehr nahe.

          6 Min.

          Die Schweden sind ein erstaunliches Volk. Es gibt gerade einmal acht Millionen von ihnen, doch sie möblieren die halbe Welt und bespielen mit ihrer Musik jeden Lift und jeden Supermarktkorridor. Schwedische Autoren füllen Kinderherzen auf allen Kontinenten mit Licht, Zauber und Hoffnung, schwedische Topmodels haben die längsten Beine, schwedische Schauspielerinnen die schönsten Neurosen, und H&M ist seit Jahrzehnten der zuverlässigste Abnehmer des weiblichen Teenager-Taschengeldes. Was also ist das Geheimnis des schwedischen Erfolges? Auf die Suche nach einer Antwort macht man sich am besten in Schwedens Hauptstadt Stockholm und am besten mit der ganzen Familie. Denn zu allem Überfluss ist die schwedische Gesellschaft auch noch die kinderfreundlichste auf Erden.

          Dort, wo die Inlandssee Mälaren auf die Baltische See trifft, erstreckt sich Stockholm über vierzehn Inseln. Jeder Besuch sollte auf Gamla Stan beginnen, der kleinen, hügeligen Insel, auf der die Stadt 1252 gegründet wurde. Das Inselchen hütet dank einer Kombination aus glücklichen Umständen, einer guten Verwaltung und einer vor Jahrhunderten klugerweise angenommenen militärischen Neutralität eine der am besten erhaltenen Altstädte der Welt. Dennoch ist sie kein lebendiges Museum, dazu ist es hier mit all den Cafés und Kuriositätengeschäften viel zu lebendig. Erstaunlich sind die vielen Süßigkeitenläden, die ihr Hauptgeschäft immer samstags machen. Wohl deshalb haben die Schweden so wenig Karies - genascht wird eben nur an diesem Tag.

          Der Schmuck von Königin Sylvia

          Hohe, schmale Häuser in allen Farben von Eiscreme stehen Wand an Wand, Giebel an Giebel, während sich schmale und schmalste Gassen durch ganz Gamla Stan ziehen. Die schmalste ist mit knapp einem Meter Breite die Mårten Trotzigs Gränd: Arme ausbreiten, eine Hand an jede Hauswand, das Gesicht angestrengt verziehen, und man sieht auf Instagram garantiert aus wie Superman. Benannt wurde das Gässchen nach einem deutschen Kupferkaufmann, einem der wohlhabendsten Männer im damaligen Stockholm. Zu Deutschland, aus dem viel Adel und Militär nach Schweden zog und mit dem das Land den furchtbaren Dreißigjährigen Krieg ausfocht, hat Gamla Stan noch immer eine besondere Beziehung. Hier steht zum Beispiel die deutsche Kirche, erbaut im Jahr 1571.

          Auch Königliche Hoheiten sind Menschen: Prinz Carl Philip küsst seine Braut Sofia Hellqvist.
          Auch Königliche Hoheiten sind Menschen: Prinz Carl Philip küsst seine Braut Sofia Hellqvist. : Bild: dpa

          Dominiert werden die Ufer der Insel vom schmucken Parlament, dem Adelspalast Riddarshuset und dem königlichen Schloss. Die Wasas - die frühere Königsfamilie hieß wirklich wie das Knäckebrot - ließen sich nicht lumpen: Der riesenhafte Bau mit seinem täglichen Wachwechsel, der den Vergleich mit dem Buckingham Palace nicht zu scheuen braucht, hat mehr als sechshundert Zimmer. Es ist eines der größten bewohnten Schlösser der Welt; der König und seine Familie sind hier übrigens Gäste von Gnaden der Regierung. Das Schloss bietet wundervoll lange Gänge, um sich an einem regnerischen Tag die Energie aus dem Leib zu laufen, Apartments von einem Glanz, der jede ambitionierte Prinzessin in spe erstaunt zwinkern lässt, und eine in ihrem Prunk betörende Schatzkammer. Man sehe sich nur den Schmuck von Königin Sylvia bei der jährlichen Verleihung der Nobelpreise an. Das sind noch die bescheideneren Juwelen, die da Ausgang haben. Die Waffenkammer wiederum zeugt von der längst vergangenen Zeit als militärische Großmacht, von jenen Tagen, als Karl XII. den russischen Zaren Peter den Großen zwanzig Jahre lang Kopfschmerzen bereitete; oder auch von der Schreckensepoche des Dreißigjährigen Krieges, der das damalige Europa um die Hälfte seiner Einwohner dezimierte.

          Bären, Wölfe und Luchse

          Die Vergangenheit zum Anfassen findet man im Freilichtmuseum Skansen auf Djurgården, den ehemaligen Jagdgründen der schwedischen Monarchen. Die Fahrt mit der Fähre von Gamla Stan dorthin gehört zu den Höhepunkten eines Stockholm-Besuches. Es sind unvergessliche zehn Minuten, in denen die Stadt an einem Sonnentag jede Postkarte, jedes Idealbild, das man sich von ihr machen könnte, schamlos überbietet: die glitzernde See, die üppigen Wälder, die großartigen Häuser, in deren Gärten ausnahmslos die schwedische Flagge weht. Abends wird sie eingeholt, aus Respekt für das Tuch. Nur an Mittsommer, dem längsten Tag des Jahres, weht sie rund um die Uhr. Und überall sind Boote aller Art und aller Größe zu sehen, deren Kapitäne jedes Winken fröhlich erwidern: Hej, hej! So sagt man hallo auf Schwedisch, der Sprache, die so angenehm sparsam dasselbe Wort für Bitte und Danke verwendet, nämlich Tack.

          Hier wohnt der Herrscher: das königliche Schloss in Stockholm.
          Hier wohnt der Herrscher: das königliche Schloss in Stockholm. : Bild: dpa

          Als das Skansen im Jahr 1891 gegründet wurde, war es das erste Museum der Welt, das ein ganzes Land en miniature abbildete. Und so ist es bis heute. Auf 74 Hektar Fläche begegnet man Glasbläsern, Wandmalern, Gärtnern, Webern bei der Arbeit, während im angeschlossenen Zoo Schwedens Fauna von Bären über Wölfe bis zu Luchsen zu bestaunen ist. Und typisch Schwedisches wird in den kleinen Restaurants und Cafés serviert. Lachs, Flusskrebse und Shrimps dominieren die Karte, während man sich mit dicken Pfannkuchen voller Blaubeeren, die hier in allen Wäldern wachsen, die Zunge blau färben kann. Teuer ist das Essengehen in Stockholm wie überhaupt der Besuch in dieser Stadt - aber eben auch unvergesslich gut.

          Staatsbegräbnis für die Kinderbuchautorin

          Viele der Häuser auf Skansen kommen einem bekannt vor. Und es dauert eine Weile, bis man begreift, warum man das alles schon einmal gesehen zu haben glaubt: Es könnten auch die Häuser von Pippi Langstrumpf sein, von den Kindern von Bullerbü oder Michel von Lönneberga, der in Schweden Emil heißt - ein Name, der in Deutschland schon von Erich Kästners kleinem Helden besetzt war. In Junibacken taucht man dann vollends in Astrid Lindgrens Welt ein. Hier trifft man sie alle, Niels Karlsson Däumling, Karlsson vom Dach, die Mädchen aus den Ferien in Saltkrokan, die Brüder Löwenherz, die Räuber, die nicht im Wald sind, Mio, mein Mio. Die Klugheit, die Subtilität und der Charme von Lindgrens Schöpfungen sind in Junibacken so präsent, dass die Kinder wie aufgedreht durch diesen Wirklichkeit gewordenen, literarischen Kosmos flitzen. Ihre erschöpften Eltern können sich im Herzen der Villa Kunterbunt, einem riesigen Klettergestell, bei einer Fika ausruhen, der schwedischen Variante von Kaffee mit Kuchen, während die Kleinen auf einem lebensgroßen Modell des Kleinen Onkels reiten. In einem hat Pippi gewiss recht: Wer keine Familie hat, nie zur Schule gegangen ist und auch später keinen Mann im Haus dulden will, der ist besser sehr stark und hat einen dicken Koffer voller Geld im Keller.

          Als Astrid Lindgren im Jahre 2002 im Alter von 94 Jahren starb, bekam sie ein Staatsbegräbnis. Und als gerechte Belohnung für ihr Werk und ihr Verständnis für das rebellische Kind, das in der Welt der Erwachsenen gefälligst zu funktionieren hat, es aber nicht will, wird sie im Herbst Selma Lagerlöff, die Autorin von „Nils Holgersson“, auf der Zwanzig-Kronen-Note ablösen. Auch hier ist Schweden unter allen Ländern der Welt Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung: Kein anderer Staat hat so viele Frauen auf seinen Geldscheinen, darunter Greta Garbo und die Opernsängerin Jenny Lind.

          Heute bin ich die „Dancing Queen“

          Nur einen Steinwurf von Junibacken entfernt befindet sich einer der ältesten Tivolis der Welt. Doch muss das wirklich sein, muss man in Stockholm unbedingt auf einen Rummelplatz gehen? Ja, es muss wirklich sein. Im Jahr 1881 am westlichen Ufer von Djurgården gegründet, leuchten die Lichter von Grönalund noch immer hell für alle Schweden gleich welchen Alters und welcher Herkunft auf seiner Landzunge mitten in der Stadt. Es ist eine Welt, die sich mit fast trotzigem Charme dem virtuellen Amüsement unserer Gegenwart verweigert und wie eine Reminiszenz an eine Zeit wirkt, in der vielleicht tatsächlich alles gut und alt war. Und noch der nöligste Teenager verstummt erschreckt, wenn er in der Kabine des berühmten Fallturmes im scheinbar freien Fall nach unten rast.

          Nicht immer nur Christbaum: So sieht Stockholm in der Vorweihnachtszeit aus.
          Nicht immer nur Christbaum: So sieht Stockholm in der Vorweihnachtszeit aus. : Bild: dpa

          Gleich neben Grönalund geht das Vergnügen weiter, und zwar im ABBA Museum. Viele Jahre nach der Auflösung der Band waren die vier einfach nur uncool. Doch dann wurden ihre zahllosen Hits durch Kinofilme wie „Muriels Hochzeit“ und „Priscilla“ wieder populär. Dem Ganzen die Krone setzte das Musical „Mamma Mia“ samt dem gleichnamigen Film mit Meryl Streep auf. Und jetzt ist ABBA generationenübergreifend ein europäisches Kulturgut. Im Museum sieht man Nachbauten des Studios, des Managerbüros und des kleinen Inselhauses, in dem Björn und Benny komponierten und Björn und Agnetha in einer sehr bescheidenen Ikea-Küche kochten. Auf Audioguides erzählen die vier selbst, wie alles anfing, während sie in der Disko als Hologramm wieder lebendig werden. Dann wird es interaktiv und damit alles andere als ernst: In vier Karaoke-Kabinen kann man „Money, Money, Money“ oder „Dancing Queen“ nachsingen - und merkt sehr schnell, dass diese Lieder, die zum Teil über zwei volle Oktaven gehen, alles andere als seicht und anspruchslos sind.

          Schokolade mit grünem Marzipan

          Skeppsholm ist die Insel der Schiffe. Hier liegt die „Wasa“ auf ewig im Vasamuseet, einem der spektakulärsten Schifffahrtsmuseen überhaupt. Als das stolze Schiff im Jahr 1628 zu Wasser gelassen wurde, war es mit seiner glanzvollen Karriere auch schon wieder vorbei - es sank kaum eine Meile vom Ufer entfernt. Der Grund war königliche Hybris. Diese Fregatte sollte nicht eines, nicht zwei, nein: drei Kanonendecks haben, was sie zu schwer für das Wasser machte. Heute schlängeln sich Stufen fünf Stockwerke hinauf und hinunter durch das ganze Schiff, das in den späten sechziger Jahren mit unerhörtem technischen Aufwand geborgen wurde. Kein Winkel der Fregatte bleibt unerforscht, alles wird zum Leben erweckt, und ein spezieller Kinderpfad gibt dem Wort begreifen einen neuen Sinn. Im Café im Bauch des Schiffes türmen sich dann wieder die üblichen Naschereien: Dammsugare, ein Biskuit mit grünem Marzipan und Schokolade, oder Mazarine, mit leichter Mandelmasse gefüllt und etwas bekömmlicher als ihr Pate, der Kardinal gleichen Namens. Schließlich kommt die heutige Königsfamilie Bernadotte aus Frankreich. Und man fragt sich: Wie bleiben die Schweden bei all der Nascherei nur so schlank und schön?

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