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Skifahren mit den Superreichen : Vom siebten Himmel in den neunten Kreis der Hölle

Westernkulisse: Wie seinen Augapfel hütet Aspen das architektonische Erbe aus der Silberrauschzeit. Bild: Archiv

Aspen ist Amerikas mondänster Skiort - und doch viel mehr als nur ein Tummelplatz der Schönen, Berühmten und Superreichen. Es könnte sogar sein, dass er der außergewöhnlichste Wintersportort der ganzen Welt ist.

          11 Min.

          Wir glaubten nun endgültig im neunten Kreis der Dekadenz angekommen zu sein. Es war halb drei Uhr nachmittags, die Sonne lachte, der Schnee glitzerte, und die Korken knallten, als seien sie das Kanonenfeuer einer Napoleonischen Völkerschlacht. Kein Platz war mehr frei in der Veuve Clicquot Lounge am Fuß des Aspen Mountain, in der die Schönen, Reichen und Berühmten Amerikas eine Champagnerflasche nach der anderen köpften, als gäbe es kein Morgen, hundert Dollar die Flasche, was ist schon Geld? Wir tranken schamlos mit, naschten von den Trüffelfritten, bewunderten all die Meisterwerke der plastischen Chirurgie, erschauderten vor ihren Schandtaten, bestaunten kunstvoll betonierte Botox-Gesichter mit ausnahmslos makellosen Zahnreihen, die keinesfalls von Mutter Natur, sondern nur vom Onkel Doktor stammen konnten. Wir freuten uns über das amerikanische Verständnis von egalitärer Demokratie, denn auch das Liftpersonal durfte mitfeiern, wenngleich nur mit Bierdosen, und prosteten keck den Hostessen am Werbezelt neben der Gondelstation zu. Dort stellte sich ein Unternehmen für Privatflüge vor, eine Dienstleistung für die eher Bedürftigen unter den Gästen. Denn die richtig Reichen kommen selbstverständlich mit dem eigenen Düsenjet. Am Flughafen hatten wir sie gesehen, wie die Mittelklassewagen im Parkhaus von Ikea quetschten sie sich auf dem Rollfeld nebeneinander, eine Milliarde Dollar stand da bestimmt herum. Das also, dachten wir uns in unserer Naivität und nahmen einen tiefen Schluck Schaumwein, das ist der letzte, herrliche Höllenkreis der Dekadenz. Wir sollten uns noch wundern.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Aspen ist das Nonplusultra unter den Skiorten der Vereinigten Staaten, der Spielplatz von Millionären und Milliardären, der Paradiesgarten von Glückskindern des Erbschicksals, die niemals aus ihrem ererbten, amerikanischen Traum aufwachen müssen, das Refugium von Hollywoods Superprominenz, seit sich Lana Turner, Gary Cooper und John Wayne hier vergnügten, um später in Kevin Costner, Jack Nicholson, Antonio Banderas, Goldie Hawn, Elle Macpherson und Hunderten anderer Celebrities ihre würdigen Nachfolger zu finden. Es ist kein Zufall, dass sich all diese schönen Menschen für das Städtchen an der Ostflanke der Rocky Mountains entschieden haben. Denn es ist der schönste Skiort Amerikas, keine historisierende Retortenbrut gieriger Investoren im Pseudotirolerloireschlossstil mit lauter falschen Vorspiegelungen und fadenscheinigen Versprechungen, sondern eine echte Stadt mit richtiger Geschichte und wahrem Kern. Im Jahr 1879 wurden die größten Silbervorkommen der Vereinigten Staaten hier entdeckt, ein paar Jahre später fand man den mächtigsten Silbernugget aller Zeiten in Aspen, einen kaum zu transportierenden Sechshundertkilokoloss - aber nach vierzehn rauschhaften Jahren war die Party mit dem Kollaps des Silberpreises 1893 auch schon wieder vorbei.

          Ein Opernhaus in der Wildnis

          Doch Aspen wurde weder zum Spukschloss noch zur Geisterstadt. Es stemmte sich mit melancholischem Trotz gegen sein Schicksal, überlebte die dunklen Jahre als Viehzüchterkaff, begann nach dem Zweiten Weltkrieg eine zweite Märchenkarriere als Winterfrische der besseren Stände und bewahrt bis heute mit eifersüchtigem Stolz das historische Erbe, das es wie seinen architektonische Ahnenschmuck hütet: Bürgerhäuser aus Backstein, Handelskontore aus Sandstein, Villen im viktorianischen Stil und Prärie-Grand-Hotels voller Cowboy-und-Indianer-Devotionalien wie das Jerome, in dem einst der erste elektrische Lift westlich des Mississippi ratterte, prägen bis heute nicht nur das Bild der Stadt. Sie sind auch das ästhetische Passepartout, in das sämtliche Neubauten hineinpassen müssen. Kein Gebäude darf die kulissenhafte Anmutung einer filmreifen Westernstadt trüben, und keines darf höher sein als das dreistöckige Opernhaus, das sich der Silbermagnat Jerome B. Wheeler 1889 im kunstsinnigen Größenwahn am Fuß der Rocky Mountains errichten ließ.

          Schachbrettmuster für Millionäre: So sehen die Adler Aspen.

          So schließen Altes und Neues in Aspen einen komplizenhaften Pakt, damit man das eine vom anderen kaum unterscheiden kann. Und so sehen das brandneue, backsteinerne Feuerwehrhaus und das putzige Gefängnis, an dessen Tür man freundlich aufgefordert wird, seine Schuhe doch bitte gründlich abzustreifen, wie legitime Nachgeborene der Silberrausch-Ära aus. Selbst die Shell-Tankstelle hat ihr Logo gänzlich unamerikanisch derart diskret an einer Wand befestigt, als sei es das Messingschild eines Steuerberaters. Noch zurückhaltender sind nur die Hinweistafeln der vielen Schönheitschirurgen in stillen Vorstadtvillen, die „Gesichtsverjüngung und Anti-Alterung dank regenerativer Medizin“ versprechen, als wären hier Wunderheiler, Körperalchimisten oder gleich Doctores Frankenstein am Werk.

          Baumstämme als Slalomstangen

          Man muss in Aspen keine Skrupel haben, wenn man der Schöpfung ein wenig auf die Sprünge hilft. Schließlich kann man sich zur Gewissensberuhigung an natürlicher Schönheit in spektakulärem Überfluss erfreuen. Vier Skiberge reihen sich im 2400 Meter hoch gelegenen Tal des Roaring Fork River wie auf einem Präsentierteller aneinander, ragen fast viertausend Meter in den Himmel hinauf und sind doch eher gutmütige, gletscherlose Riesen mit runden Buckeln, die beinahe bis zu ihren Gipfeln von Kiefern und Espen bewachsen sind, sodass man sich hier wie in einem Hochgebirgsmittelgebirge fühlt - nur dass diese Bergkulisse Amerikas Wasser ins Pazifische und ins Atlantische scheidet. Ein einziges Mal wird das Panorama dramatisch, beim Blick auf den scharfkantigen, matterhornesken Zacken des Pyramid Peak und den schräg schraffierten Doppelgipfel der Maroon Bells, allesamt Viertausender mit ungestümem Temperament, die sich dem Firmament entgegenrecken, als wollten sie es aufspießen.

          Das Glück der ersten Spur: Die Qualität der Pistenpräparierung in Aspen ist legendär.

          Für die Designer von Skigebieten ist diese Topographie ein Traum. Sie können nach Lust und Laune Schneisen in den Bergwald schlagen, damit sich alle Skifahrer wie im siebten Skifahrerhimmel fühlen - hier eine gewalzte Schneeautobahn für die Genügsamen, dort eine doppelschwarze Buckelpiste für die Sportlichen. Dazwischen gibt es genügend Terrain für Waghalsige, die beim „Tree Skiing“ Baumstämme als Slalomstangen benutzen oder hinauf zur berühmten Bowl in den Aspen Highlands kraxeln, dem Höhepunkt des gesamten Skigebiets, dem Freudengipfel aller Freerider und Schreckensabgrund aller Tiefschneememmen wie uns: Vor unseren schockierten Augen lassen sich Horden wahnsinniger Wintersportler von einer Pistenraupe an den Rand des Skigebiets bringen - nicht nur erwachsene Hasardeure, das ginge ja noch, nein, auch Grundschulkinder, zehnjährige Steppkes, haben die denn keine Erziehungsberechtigte? Dann stapfen sie eine Dreiviertelstunde lang einen lebensgefährlichen Grat hinauf und stehen schließlich oben auf 3800 Meter Höhe an der Kante eines riesenhaften, höllenschlundsteilen Amphitheaters. Lawinen donnern immer wieder die Bergflanke hinunter, das Kläffen von Suchhunden hallt durch das weiße Rund, und trotzdem stürzen sich die Skifahrer diese gewaltige Felsschüssel hinab, um nach zehn Minuten mit wundersam heiler Haut unten anzukommen.

          Ein Schrein im Schnee für Elvis Presley

          Noch verwunderlicher ist allerdings, dass sie nicht in einem tiefen, schwarzen Loch verschwinden. Denn die Berge von Aspen sind durchlöcherte Giganten, ausgehöhlt von der Gier der Silberrauschsüchtigen, von denen indes nur eine vage Erinnerung und eine Handvoll Pistennamen geblieben sind, „Silver Rush“ und „Silver Queen“ oder „Last Dollar“. Dafür wird ein anderes Erbe umso inbrünstiger gepflegt: Drei Dutzend Schreine verstecken sich im Gelände, so verborgen, dass man sie ohne Eingeweihte niemals finden würde, so geheimnisvoll, dass niemand weiß, wer sie angelegt hat.

          Es gibt einen Schrein für den Country-Sänger John Denver, der lange in Aspen lebte, einen für Marilyn Monroe und einen für Jimi Hendrix, nichts Spektakuläres, eine Handvoll Fotos, Plattencover, Liebesbriefe, Gedenkglöckchen, an zwei, drei Bäume genagelt, das war’s. Auch Snoopy hat seinen eigenen Tempel, selbst des abgerissenen Baseball-Stadions der New York Yankees wird in zärtlicher Erinnerung gedacht, und dass König Elvis gleichfalls seinen Schrein haben muss, steht außer Frage. Wir stehen kopfschüttelnd vor diesen Götzenbildnissen und wundern uns wieder einmal über die Amerikaner, die ein tief religiöses, manchmal fanatisch gläubiges Volk sind und zugleich so hingebungsvoll die heidnische Heiligenverehrung ihrer Celebrities pflegen.

          Donald Trump im Liebesglück

          Aspen ist auch sonst eine einzige Ambivalenz, ein erzamerikanischer Ort voller unamerikanischer Attribute. An den Talstationen stehen, ganz wie man das vom Skifahren in der Neuen Welt gewohnt ist, lauter junge, gutgelaunte Menschen anstatt grummelnder, alteuropäischer Bergbauern. An den Bergstationen gibt es überall Servicetheken, an denen man sich gratis mit Wasser, Tee, heißem Apfelsaft oder zuvorkommenden Skiguides versorgen kann. Auf den Pisten regieren entspannte Höflichkeit und freundliche Rücksichtnahme ganz ohne Rowdies, Rabauken und Halligallikrawall. Und im gesamten Skigebiet herrscht eine derart gähnende Leere, dass sie uns Europäern fast schon gespenstisch vorkommt - während die amerikanischen Kollegen Skifahrer im Sessellift sofort die Überfüllung beklagen, wenn sie einmal länger als zwei Minuten in der Schlange stehen müssen. Nicht zufällig ist für die Liftgesellschaft in Aspen ein Kriterium von entscheidender Bedeutung, das man in Europa geflissentlich verschweigt: die Zahl der Skifahrer pro Hektar. Fünf ist ein optimaler Wert. Uns kommt er wie verzweifelte Einsamkeit vor.

          Alles vom Feinsten: Der Liftgesellschaft von Aspen ist der Komfort wichtiger als der Profit.

          Und dennoch glaubt man in Aspen mitunter, in einem exterritorialen Antiamerika mitten in Amerika gelandet zu sein. Bei der Pistenverpflegung zum Beispiel ist vom stinkenden Höllenreich dieses Fast-Food-Kontinents nicht das Geringste zu spüren. Stattdessen gibt es in einem Lokal, das von den Erben deutscher Auswanderer geführt wird und in dem - ganz nebenbei gesagt - der Immobilienmilliardär Donald Trump seine zweite Gattin kennenlernte, selbstgemachten Apfelstrudel und Hausmacherbratwurst mit eigenhändig eingelegtem Sauerkraut von erstaunlicher Qualität. In einer anderen Hütte können sich die Kinder an einer eigenen Theke mit frischem Obst und anderen gesunden Dingen versorgen, während die Erwachsenen im Getränkeregal nicht die üblichen Softdrink-Chemikalien finden, sondern die Qual der Wahl zwischen Veuve Clicquot und Laurent-Perrier haben.

          Der beste Weinkeller Amerikas

          Gänzlich unamerikanisch wird es an manchen Liftmasten, an denen die Seilbahngesellschaft mit dem Schlachtruf „Keep our winter cold!“ zum Kampf gegen den Klimawandel aufruft und den Segen erneuerbarer Energien preist - eine ungeheuerliche Ketzerei im gelobten Land der Erdöllobby, die sich das Liftunternehmen nur deswegen leisten kann, weil es selbst unamerikanisch bis an den Rand des Antikapitalismus ist. Es gehört paradoxerweise der milliardenschweren Industriellenfamilie Crown aus Chicago, ganz alter Geldadel, Begründer des Weltunternehmens General Electric, Miteigentümer der Chase Manhattan Bank und noch so einigem mehr. Die Crowns leisten sich Aspen als eine Art Hobby, besitzen die eine oder andere Ferienimmobilie im Ort und wollen ihren Profit nicht mit dem Bau von Condominiums maximieren, die so viele amerikanische Skigebiete verschandeln. Stattdessen reinvestieren sie den gesamten Gewinn in den laufenden Betrieb, betreiben nebenher sozialen Wohnungsbau für ihre Angestellten und treten auch sonst eher als diskrete Wohltäter auf, die sich als einzige Extravaganz ein Fünfsternehotel im Herzen von Aspen mit einem der fünf am besten bestückten Weinkeller der Vereinigten Staaten leisten.

          Mäzenatentum ist in Aspen keine neumodische Milliardärsspielerei, sondern so etwas wie der Seelengrund des Städtchens. Denn es war die Großherzigkeit eines anderen Großindustriellen aus Chicago, die den Ort aus seinem Dornröschenkater nach dem Silberrausch weckte. Im Sommer 1949 feierte der Philanthrop Walter Paepcke gemeinsam mit Albert Schweitzer, José Ortega y Gasset und Thornton Wilder Goethes zweihundertsten Geburtstag in Aspen, verliebte sich rettungslos in das Kaff, gründete wenig später die Aspen Skiing Company und das Aspen Institute of Humanistic Studies und beauftragte den österreichischen Bauhaus-Architekten Herbert Bayer mit dem Bau eines Campus samt angeschlossenem Hotel für sein gemeinnütziges, bis heute hochaktives Weltverbesserungsinstitut.

          Geld spielt keine Rolle

          Seither ist Aspen der einzige Skiort der Welt, in dem man Dessauer Bauhaus-Luft atmen, Bauhaus-Kunst betrachten und in Bauhaus-Betten schlafen kann. Campus und Hotel sind ein Ensemble von wunderbar eleganter, allen Moden entrückter Zeitlosigkeit, das auch vor der einschüchternden Kulisse der Rocky Mountains und dem Historismus des Silberrauschstädtchens eine glänzende Figur macht: ein radikaler, ästhetischer Gegenentwurf voller unerschütterlichem Selbstbewusstsein, ganz dem minimalistischen Funktionalismus eines Walter Gropius oder László Moholy-Nagy verpflichtet, ein Reich der rechten Winkel, klaren Linien und schwerelosen Schnörkellosigkeit, in dem wir uns nach all dem Westernstadt-Viktorianismus fühlen wie der freieste Mensch auf Erden.

          Hochleistungssport: Auch der Weltcupzirkus macht gerne Station in Colorados Rocky Mountains.

          Aspen hat sich seine Schönheit viel Geld kosten lassen. Doch was soll’s, wozu ist man denn die reichste Stadt Amerikas? Und trotzdem wundern wir uns immer wieder, wie wenig ostentativ, wie konsequent unglamourös Aspens Reichtum ist. Sogar das Kunstmuseum, das sich die Millionärsgemeinde kürzlich selbst spendiert hat, präsentiert sich als Musterbeispiel virtuoser Zurückhaltung. Der japanische Architekt Shigeru Ban hat mitten in die Stadt einen gläsernen, das alte Opernhaus selbstverständlich nicht überragenden Kubus gepflanzt und mit einer phantastischen Fassade aus ineinander verflochtenen Paneelen verkleidet. Sie erinnern an Holzlamellen, bestehen aber aus gepresstem Papier - eine hintersinnige Hommage nicht nur an das klassische Baumaterial von Shigeru Bans Heimat, sondern auch an die Espenwälder Aspens. Wir sitzen ganz oben im Café des Museums, blicken durch die quadratischen Zwischenräume der Flechtfassade auf Lifte und Pisten und überlegen uns, ob es irgendwo sonst auf Erden noch ein anderes Sechstausend-Einwohner-Städtchen mit einem Fünfundsiebzig-Millionen-Dollar-Museum gibt.

          Wo steckt nur Jack Nicholson?

          Wie reich muss man sein, um nicht mehr schnöselig sein zu müssen? Offensichtlich existiert da eine Grenze, die Aspen längst überschritten hat. In den Schaufenstern der Immobilienmakler fangen die Schnäppchen bei einer Million Dollar an, die Villen am Red Mountain kosten ein Fünfzigfaches davon, und ein Porsche Cayenne geht hier allenfalls als Kleinwagen durch. Und doch ist Aspen alles andere als ein amerikanisches St.Moritz - eine „SUV City“, das schon, die Autos wie Panzer fährt, aber eben kein Corso für Rolls-Royce und Bentley ist; eine Winterfrische von Schwerreichen, die sich die teuersten Hermeline leisten könnten, aber lieber Cowboyhut tragen; eine Kleinstadt tief in den Bergen mit Filialen von Dior, Prada, Gucci, Valentino, die sich aber fast verschämt in den alten Backsteingebäuden verstecken, anstatt mit ihren Auslagen zu protzen. Sehr auffällig ist hingegen, dass die Schaufensterpuppen der Luxusboutiquen haargenau so aussehen wie die Damen in der Veuve Clicquot Lounge. Oder vielleicht ist es ja auch umgekehrt.

          Diskretion ist alles in diesem Ort, in dem auch Superreiche und Superprominente ganz normale Menschen sein dürfen und die typisch amerikanische Indiskretion des „Celebrity Hunting“ vollständig verpönt ist. Einen einzigen Juwelier haben wir gesehen, der mit Fotos von Mariah Carey und Mike Tyson als seinen Kunden im Schaufenster wirbt. Ansonsten wird kein Aufhebens um die berühmte Klientel gemacht, auch beim ortsansässigen Delikatessenhändler nicht, der bergeweise Heilbutt aus Alaska, Wolfsbarsch aus Chile, Hummer aus Maine und Fleur de Sel von der Île de Ré vorrätig hat. Den Jack Nicholson habe sie lange nicht mehr gesehen, sagt die gänzlich prominenzresistente Frau hinter dem Tresen, die so aussieht, als behandle sie alle Menschen gemäß der amerikanischen Verfassung gleich. Aber die Goldie Hawn und der Robert Wagner kämen noch regelmäßig vorbei, während die Milliardäre vom Red Mountain immer nur ihre Leibköche zu ihr schickten, die wollten ja alle ihre Ruhe haben. Nur diese Mariah Carey, mischt sich eine Kundin ein, die stelle jeden Tag zwölf Bilder auf Facebook online, wenn sie hier sei. Und deswegen kämen jetzt sogar Paparazzi nach Aspen, das hat uns gerade noch gefehlt, sagt sie mit einer Miene, in der deutlich mehr mütterliche Nachsicht als indignierter Dünkel liegt.

          Dantes Inferno mit String-Tanga

          Uns ist diese ganze diskrete Ruhe von Aspen allerdings nicht geheuer. Derart viel Geld und Prominenz kann sich doch nicht einfach unsichtbar machen, es muss doch auch Ausschweifungen geben - und es gibt sie: An einem schönen Skitag so gegen halb drei Uhr wollen wir noch schnell etwas essen, bekommen das Restaurant „Cloud9“ in den Aspen Highlands empfohlen, freuen uns über den Logenblick auf Pyramid Peak und Maroon Bells und noch viel mehr auf einen Teller Jakobsmuscheln mit einem Glas Veuve Clicquot. Wir quetschen uns an den letzten freien Tisch und wollen gerade mit unserem Mahl beginnen, als der Wirt plötzlich die Musik so laut aufdreht wie bei einem Hard-Rock-Konzert - woraufhin die versammelte Gästeschar geschlossen auf die Tische steigt, wie von Sinnen zu tanzen, stampfen, grölen, johlen beginnt und das Lokal binnen Sekunden von einer Speisegaststätte in einen Partykeller verwandelt.

          Die Schönheit der Wildnis: In Colorado zeigen die Rocky Mountains ihr schroffes Gesicht.

          Und dann fängt Dantes Inferno erst richtig an: Die Herren schütteln besinnungslos Champagnerflaschen wie siegreiche Formel1-Piloten und spritzen das gesamte Lokal mit dem kostbaren Inhalt voll, bis auch wir pitschnass sind und an Essen nicht mehr zu denken ist. Die Damen entblößen sich bis auf ihren BH, kneten ihre verdächtig formvollendeten Brüste, beulen mit der Zunge ihre Wangen aus, ziehen die Skihose herunter, wackeln mit ihren - nun gut, wir geben es ja zu - unfassbar granatapfelknackigen Hintern im String-Tanga, lassen sich die Pobacken in Ermangelung anderer Flüssigkeiten von den Herren mit der Witwe Clicquot bespritzen und würden wohl, wenn Amerika nicht so prüde wäre, jetzt umstandslos zu einer Gruppensexorgie übergehen, an der selbst Pier Paolo Pasolini seine helle Freude gehabt hätte. Dann sehen wir mit blankem Entsetzen, wie sich ein Kerl eine goldene Flasche schnappt, wahrscheinlich einen Armand de Brignac, und ihren Inhalt juchzend durch den Schankraum spritzt, als wäre es Henkell trocken - Armand de Brignac, tausendvierhundert Dollar die Pulle! Was für ein Banausentum! Was für eine Barbarei! Was für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

          Wir spielen den Spaßverderber, wischen uns den Champagner aus dem Gesicht, fahren hinunter zu unseren netten Freunden in der Veuve Clicquot Lounge, stoßen mit ihnen auf die gepflegte Form der Dekadenz an und bitten den Herrn im Himmel, dafür zu sorgen, dass diese gotteslästerlichen Schaumweinverschwender aus der Wolke neun bis in alle Ewigkeit im neunten Kreis der Hölle schmoren mögen.

          Skifahren in Aspen

          Anreise: Die schnellste Verbindung bietet United Airlines an (www.united.com). Die Gesellschaft fliegt täglich von Frankfurt und München über Chicago beziehungsweise Washington direkt nach Aspen. Die Preise beginnen in der Economy Class bei 649 Euro, in der Business Class bei 3499 Euro. Alle Reisenden, die kein Visum besitzen, müssen sich spätestens 72 Stunden vor Abflug auf der Website https://esta.cbp.dhs.gov/esta registrieren lassen.

          Unterkunft: Das Aspen Meadows Resort liegt neben dem Aspen Institute, wurde nach Plänen des österreichischen Architekten und Malers Herbert Bayer errichtet und atmet bis heute den Geist des Bauhauses: 845 Meadows Rd, Aspen, CO 81611, Telefon: 001/970/9254240, www.aspenmeadows.com. Doppelzimmer ab 140 Dollar. Auf dem Gelände gibt es auch eine Galerie mit Werken von Herbert Bayer und Kunstwerke der Land Art.

          Skifahren: Die vier Skiberge Aspen Mountain, Aspen Highlands, Buttermilk und Snowmass liegen etwa zwanzig Minuten voneinander entfernt und werden von kostenlosen Skibussen verbunden. Die Tageskarte kostet je nach Saison ab etwa 100 Dollar. Weitere Informationen unter www.aspensnowmass.com. Touristische Auskünfte über den Ort findet man unter www.aspenchamber.org.

          Arrangements: Unter anderem der Veranstalter Faszination Ski (www.faszinationski.de, Telefon: 06201/ 6020970), der auf Nordamerika spezialisiert ist, bietet einwöchige Pauschalreisen nach Aspen an. Die Preise beginnen bei 1349 Euro pro Person inklusive Flug und Skipass.

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