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Skifahren in Livigno : Zum Niederknien

Egal, ob es im Tal tropft: In Livigno auf dreitausend Metern Höhe darf man auch abseits der Piste fahren. Bild: Getty

In Livigno kann man noch Telemark fahren. Wer das nicht kann, isst dafür in den Hütten ganz hervorragend – und verbrüdert sich im Nu bei Spritz und Bresaola.

          Gondeln im Sturm. Ein eisblauer Tag, und genauso kalt. In der Ferne, berauschender, sofort komisch übermotivierender Anblick, man will direkt hinrasen: die Viertausender der Berninagruppe, leuchtend hinter sehr viel Eis und Blau.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ansonsten tropft es, im Tal jedenfalls. Der Winter zieht sich langsam zurück aus Livigno, das spürt man zwar hier oben noch nicht, in den schaukelnden Gondeln, warm eingepackt in Skiklamotten, dafür aber unten, im Ort, wo seit ein paar Tagen gefeiert wird, wie jedes Jahr um diese Zeit: Das ist „La Skieda“, das internationale Telemark-Festival. Wer Ski im Telemark-Stil fährt, kniet sich zwischendurch immer kurz hin – und das passt irgendwie, denn die Pisten hier oben, auf fast dreitausend Metern Höhe, sind auch ein bisschen zum Niederknien. Breit und leer. Schnelle Einsamkeit. Oder langsame, um sich besser umschauen zu können (oder wenn man einfach nicht schneller kann).

          Livigno liegt an der Grenze zur Schweiz, der Munt-la-Schera-Tunnel verbindet das Tal mit Graubünden. Er ist einspurig und dreieinhalb Kilometer lang, und wenn man von der Schweiz aus hereinfährt, kommt man auf der italienischen Seite am Lago di Livigno erst mal in einer James-Bond-Showdown-Landschaft wieder heraus: Stausee, Wachturm, Grenzbaum, grauer Beton. Dann hat man schon kurz das Gefühl, in der letzten Ecke gelandet zu sein, im verwinkeltesten Winkel. Aber genau das will man in den Bergen ja eigentlich, dort will man hin: ins Tal, hinter dem es nicht mehr weitergeht. Ans Ende der Welt und dann hinauf auf dessen Dach, und wieder hinunter, und wieder hinauf, und hinunter, und abends Schneestille, warme Lichter, sanfter Fall der Flocken und kein Mensch weit und breit.

          Klein-Tibet in Italien

          Das mit dem Dach der Welt liegt hier sozusagen in der Luft. Livigno nennt sich in der Selbstvermarktung manchmal „Klein-Tibet“, und mit etwas Großzügigkeit stimmt das schon: Wenn man im Ort steht (zollfreies Einkaufen übrigens, ein Privileg aus dem 17.Jahrhundert, um den armen Talbewohnern das harte Leben und den Handel zu erleichtern; die Regel hat die harten Zeiten überdauert) und die Hänge hochschaut, erinnert das aus den Augenwinkeln schon an den Himalaja, so wie dort die Fachwerkhäuser der Einheimischen an die Alpen erinnern. Aber so ist das wohl in den Bergen.

          „La Skieda“ findet dieses Jahr Anfang April statt, eine Woche voller Wettrennen für Kinder und Amateure und Profis, es gibt Partys und geführte Tourengänge und Musik und große Abendessen in der geräumigen Gemeindehalle, Plaza Placheda genannt, in der auch Skiausrüster ihre neuen Kollektionen zeigen, für Telemarker vor allem.

          Einer der Höhepunkte von „La Skieda“ ist die „Transumanza“, eine Hüttenwanderung durchs Federia-Tal. Morgens um zehn zieht man los, bestenfalls in Skischuhen, auf Langlauf- oder Tiefschnee-Skiern, sonst einfach in festen Schuhen durch den Schnee, und spätestens ab der dritten Hütte (sie werden im Dialekt „Tea“ genannt) wirft man alle guten Vorsätze genau dort hinein, in den doch ziemlich sulzigen Schnee also, und nimmt halt doch so einen Aperol Spritz. Alle anderen tun es ja auch.

          Vielleicht fällt was ab

          Der Spritz schimmert schön orangenrot in einer großen Silberschüssel. Wir stehen draußen vor der Hütte, im Ofen wird das Brot für die Bruschetta geröstet. Eine Band baut sich auf, Bluesrock, aber das ist jetzt auch egal, das passt sogar genau. Die drei Bluesrocker (ZZ Top, „The Joker“, das ist so ihr Repertoire) spielen jetzt erst mal ein Geburtstagslied. Nicola wird vierundzwanzig, und wie alle hier hat er ein beneidenswertes Skibrillengesicht. Wir stoßen an auf Nicola und singen mit. Plötzlich wird es voll und eng, hier kennen sich offenbar alle (es heißt, in Livigno gebe es nur fünf Nachnamen: Silvestri, Galli, Mottolini, Rodigari und Moretti, und für jeden dieser Nachnamen gibt es auch ein Hotel im Ort, also scheint es zu stimmen). Spätestens nach der sechsten Hütte kennen wir dann auch wirklich alle, jedenfalls vom Sehen, weil man sich, auf den kurzen Wegen von Tea zu Tea, die sich hier in den Hang fügen, immer wieder einholt. Immer wieder also dieselben Skigesichter und die Hunde dazu, die von einem Wanderer zum anderen laufen, in der Hoffnung, dass was für sie abfällt.

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