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Deutscher Schnee (4): Rhön : Ceci n’est pas un Skigebiet

Zum Skifahren nicht ideal, zum Schlittenfahren perfekt: Die sanft abfallenden Hänge der Wasserkuppe bieten Wintersport mit Ausblick. Bild: action press

Die Wasserkuppe ist der höchste Berg Hessens und für erfahrene Skifahrer doch nur ein besserer Idiotenhügel. Für Arroganz besteht indes kein Anlass. Denn dieses Mittelgebirge hat gerade im Winter ganz besondere Vorzüge.

          Wer ein hervorragender Skifahrer werden möchte, muss hart trainieren. Oder er wechselt einfach die Region. Nur so ist es zu erklären, dass ich, eine durchschnittliche Skifahrerin aus Südbayern, plötzlich der Crack auf der Piste bin. An Eleganz unübertroffen, an Tempo auch. Das völlig ungewohnte Gefühl der Überlegenheit auf Skiern berauscht mich. Es lebe die Rhön! Anfängergruppen schauen beeindruckt zu mir herüber, während ich an ihnen vorbeifege. Doch der Spaß ist jeweils kurz, denn die Piste endet, kaum dass ich warm geworden bin. Sechshundert Meter sollen das sein? Dann stehe ich wieder im Schlepplift und langweile mich.

          Fahr doch mal in die Rhön, haben sie gesagt. Du fährst doch Ski, haben sie gesagt, und da gibt es ein Skigebiet. Dass ich mich hier fühlen würde wie Gerhard Polt, haben sie nicht gesagt. In dessen epochaler Nummer „Longline“ erzählt er von einem Tennismatch seines Sohnes gegen einen Jungen, dessen Mutter ihm am Rand des Platzes mit ihrem mangelnden Sachverstand auf die Nerven geht. „Tennis!“, schreit Polt. „Ich bitte Sie, das hier hat doch mit Tennis nichts zu tun!“ Er kenne sich da nämlich aus, er sei schon in Wimbledon gewesen, das er hartnäckig „Wembleidon“ prononciert. Dann wird er ausfallend. Es ist eine Freude.

          In Wembleidon war ich noch nicht. Aber am Wilden Kaiser und am Kitzsteinhorn, in Ischgl und in Kitzbühel. Wo man eben von München aus so hinfährt. Von Frankfurt aus fährt man grundsätzlich nirgends hin, zumindest nicht zum Skifahren. Und wenn doch, dann eben in dieses possierliche Mittelgebirge. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt in die Rhön, und dann befindet man sich nicht etwa an einer Talstation, sondern schon auf dem Berg. Ganz ohne Schneeketten. Das ist praktisch, aber es fühlt sich falsch an.

          Seminare statt Schnee

          Die Wasserkuppe ist die höchste Erhebung Hessens. 950,2 Meter reichen für diesen Titel aus. Fünf Pisten gibt es hier – eigentlich. Als ich mich auf Skiern quer über den Berg durch den dichten Nebel schiebe, um zu zwei dieser Pisten zu gelangen, merke ich: Wenn die Schneesituation nicht außergewöhnlich gut ist, ist fünf eine eher hypothetische Zahl. Denn auf der dem Ort Abtsroda zugewandten Seite gibt es keine Schneekanonen, was in Zeiten, da sich auf den echten Schnee niemand mehr verlässt, eine Rarität ist. Deshalb sind große Teile der Pisten vom angrenzenden Acker nicht zu unterscheiden. Und deshalb drängen sich alle Menschen auf zwei blauen Pisten. Nur die beiden lassen sich akzeptabel befahren, auf der roten und der schwarzen hat es keinen Sinn. Für Anfänger sind die blauen Pisten perfekt, für Fortgeschrittene an Eintönigkeit nicht zu überbieten. Die wenigen erfahrenen Skifahrer am Hang haben Kinder dabei, denen sie gerade die ersten Schwünge beibringen. Die bayerische Seite des Mittelgebirges hat zwar steilere Pisten zu bieten, ist aber noch weniger schneesicher als die hessische. Ich fahre einige Male hinunter und hinauf, bis die Sehnsucht nach Pommes frites zu groß wird.

          Direkt neben der Piste steht ein riesiges Ausflugslokal, das erst vor einem Jahr fertiggestellt wurde. Die Selbstbedienung steht im Kontrast zum schönen Holz der Einrichtung. Eine solche Investition hätte sich allein für die Skifahrer nicht gelohnt. Denn die globale Erwärmung ist auch in der Rhön zu spüren. Im vergangenen Winter fiel die Skisaison nahezu aus. Wenn die Pisten gut beschneit sind, wird jeden Abend bis 22 Uhr das Flutlicht angeschaltet, um die Tage maximal auszunutzen. Das Hotel, in dem ich abgestiegen bin, bietet in der kalten Jahreszeit inzwischen zahlreichen Seminargruppen Obdach. Seminare lassen sich besser planen als Schneefall.

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