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Skifahren exotisch (1) : Die Wiederentdeckung der Gemütlichkeit

  • -Aktualisiert am

Irgendwo da unten ist die Tschechische Republik. Doch das interessiert die Skifahrer an der Schneekoppe nicht, weil sie sich hier in einer ganz und gar selbstgenügsamen Welt in Weiß bewegen. Bild: Alex Westhoff

Einsame Pisten, idyllische Panoramen, traumhaftes Bier: Skifahren im Riesengebirge ist ein entspannter Spaß - solange man sich nicht mit dem Riesen Rübezahl anlegt.

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          Wenn man knapp unterhalb des Gipfels vom Černá hora, dem Schwarzenberg, auf der Terrasse einer dieser skigebietstypischen, kreisrunden Bars sitzt und die Musik erstaunlich gut ist, nicht zu laut und ohne den immergleichen Bumm-Bumm-Beat; wenn die meisten Gäste ihre Gesichter sehr regelmäßig in ihre Bierhumpen senken, ohne dabei albern zu werden, und die moderne Kabinenseilbahn zwischen zwei Songs nur ein leises Surren von sich hören lässt; wenn die Nachmittagssonne die kerzengeraden, wie schockgefroren dastehenden Fichten abendrot anstrahlt und man sich am ersten Skitag noch wundert, warum in 1260 Meter Höhe für das Sandwich und das halblitergroße Bier weniger als vier Euro fällig sind - dann machen sich die Gedanken selbständig beim Blick in den wolkenlosen Himmel, der ohne Unterlass Farben anrührt, dem eisigen Violett ein zartes Rosa beimischt, das sich schließlich zu einem kräftigen Pink auswächst, um dem Skitag im Riesengebirge ein feuriges Finale zu bescheren. Und in diesem Augenblick vermisst man die Alpen plötzlich kein bisschen mehr.

          Dann kehren die Gedanken wieder zurück an den hölzernen Tisch und zu den Fingern, die am Glas mit dem exzellenten Pilsener Urquell klamm geworden sind. Als sich die Musik weiter auf gutem Niveau hält, stellt sich die Frage, ob die Wirtin auch deutsche Après-Ski-Knaller im Repertoire hat, schließlich kommen zehn Prozent der Gäste im Skigebiet Černá hora aus Deutschland. Und denen steht womöglich auch im tschechischen Schnee der Sinn nach den Partyheulern, die ihnen aus den Alpen so vertraut sind. Da knarzt es in den Boxen, als ob der Plattenaufleger bewusstlos auf sein Pult gestürzt sei und mit seinem Körper alle Knöpfe gleichzeitig gedrückt halte. Sekunden später ertönen die ersten Takte eines ganz miesen Neunziger-Jahre-Hits: „Eins, zwei Polizei, drei, vier...“ Und nach kurzer Zeit knarzt es abermals in den Boxen, als sei der Plattenaufleger wieder zu sich gekommen und betätige nun, peinlich berührt, den Nothalt. „Eins, zwei Polizei“ wird abgelöst, verbannt, vergessen.

          Betörend schön

          Die unaufgeregten Tschechen und Polen, die den überwiegenden Teil der Skifahrer am Schwarzenberg hart an der Grenze zwischen ihren Ländern stellen, lassen sich von musikalischen Irrungen nicht stören in ihrem steten, scheinbar unumstößlichen Tagesrhythmus Skifahren-Biertrinken-Skifahren-Biertrinken. Ist das der Grund dafür, dass Après-Ski hier eher ruhig und entspannt als bemüht hyperaktiv daherkommt, also mehr Garmisch als Ischgl? Und da ist er wieder, der Vergleich mit den Alpen, der nicht gerecht ist und sich auch gar nicht lohnt, aber sofort einen Minderwertigkeitskomplex durchschimmern lässt bei den Einheimischen, die im Hotel, beim Skiverleih, auf der Hütte rührig um guten Service bemüht sind und dabei ausnahmslos ausgezeichnet Deutsch oder Englisch sprechen. Die Sätze beginnen dann regelmäßig mit: „Ja, in den Alpen...“ oder: „Da können wir nicht mithalten...“.

          Riesengebirge

          Dabei sollten sie eher sagen: Nehmt uns doch als Anti-Alpen wahr! Gut und günstig! Denn wer sein Jahresurlaubsbudget nicht von einer Woche alpinen Skifahrens erheblich dezimieren lassen will, wird Černá hora so empfinden. Hier purzeln die Euros für Hotel mit Wellnessangebot, Hüttenmahlzeiten und Skipass - 22 Euro für einen Tag, bis neun Uhr abends auf beleuchteten Pisten - nicht aus dem Portemonnaie. Vielmehr lassen sich die tschechischen Kronen darin leicht und gut zusammenhalten. Und wer glaubt, dass zwischen 600 und 1300 Meter Höhe nur in wenigen Winterwochen des Jahres ausreichend Schnee liegt, der irrt. Das Riesengebirge hat sein ganz eigenes Klima, das eine Skisaison von Dezember bis April und manchmal sogar bis Mai ermöglicht. Dazu richten Schneekanonen stets ihre Läufe auf die Pisten, um zur Not etwas nachzuhelfen.

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