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Ski-Utopia Flaine : Moderne mit Schuss

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Der größtmögliche Kontrast der menschengemachten Formen zum Relief der Berge: Im Zentrum von Flaine. Bild: Picture-Alliance

Der Skiort Flaine in den französischen Alpen wurde am Reißbrett entworfen. In den neunziger Jahren war die Luft raus und die Substanz bröckelig, jetzt wird Marcel Breuers radikaler Betonchic wiederentdeckt.

          5 Min.

          Skifahren mit dem Bauhaus! Kein Witz. Das war vor fünfzig Jahren ein Slogan der Stunde. Ein anderer: „Nicht erst hochgondeln müssen, sondern direkt aus dem stilgeprüften Hotelbett über den Wolken in die Lobby und ab in den Hang!“ So begann er, der Traum von Flaine.

          Um 1950 forcierte de Gaulles Frankreich die Wintererholung der Familien in funktionalistischen Skistationen. Es gab Regierungsprogramme, aus denen sich findige Unternehmer rentable Partnerschaften mit den öffentlichen Händen drechselten. In der finalen Stufe, genannt „Station intégrée“, wurden Bauen, Hotellerie und Pistenbetrieb eins. Solch eine Superstation war das erstmals 1967 teileröffnete Flaine auf über 1600 Metern Höhe. Mit Extratrassen für Autos, Fußgänger, Skifahrer. Mit den ersten Schneekanonen der Alpen. Und – etwas später – mit Freiplastiken weltberühmter Künstler wie Picasso, ein sensationelles Accessoire für ein Skigebiet.

          Viel Geld und guter Geschmack

          Gestaltet hat Flaine der Architekt und frühere Bauhauslehrer Marcel Breuer (1902 bis 1981). Das in Ungarn geborene Multitalent war schon 1925 berühmt. Damals wurde er, nach einer Tischlerlehre am Bauhaus Weimar, von Walter Gropius zum Meister der neuen Möbelwerkstatt in Dessau befördert. Der 23-Jährige erfand dort den Stahlrohrfreischwinger und andere bis heute produzierte Klassiker der Moderne. 1935 emigrierte Breuer nach London, dann – als Harvard-Professor – in die Vereinigten Staaten. In den vierziger Jahren eröffnete er ein Architekturbüro in New York. Privat wurde er in New Canaan, Connecticut, der Nachbar eines gewissen Éric Boissonnas.

          Der Betonkamin im generalüberholten Hotel „Terminal Neige Totem“, entworfen von Marcel Breuer.

          Als Boissonnas und seine wohlhabende Gattin Sylvie aus der texanischen Öldynastie Schlumberger ein paar Jahre später nach Frankreich gingen, erwarben sie, mit einem privaten Konsortium, die Baurechte für Flaine. Sehr bald dachten die beiden dann an Breuer. Er verkörperte jenes großzügige und pragmatische Denken in der Tradition Frank Lloyd Wrights, das sie aus den Vereinigten Staaten nach Europa exportieren wollten. Breuer erkannte sofort seine große Chance. 1938 hatten ihm die Tiroler Behörden noch eine Flachdachalpenlodge für zwanzig Gäste verwehrt.

          In Flaine dagegen ging es um die modernste, die progressivste Architektur. Und um den größtmöglichen Kontrast der menschengemachten Formen zum Relief der Berge. Breuer besichtigte die Wildnis im Arve-Giffre-Massiv erstmals 1960 im Hubschrauber. Ein unbesiedeltes Areal hoch über dem Genfer See, nah an den höchsten Alpengipfeln. Noch ohne Lift, ohne Pfad. Verhandlungen mit Gemeinden und Prozesse verzögerten das Vorhaben. Als Erstes wurde eine Betonfabrik im Tal gebaut und ein Materiallift, der alles hochbrachte.

          Sogar der Bischof hat sich eingeschlichen

          Breuer arbeitete schließlich von 1961 bis 1977 an der Retortenstadt im Hochgebirge. Der kurioseste blinde Passagier im Baustellenlift war einmal der Bischof von Annecy, den man in einer Lore aufgriff. Er gab an, „meine Seele für die Reise in Gottes Hände gelegt“ zu haben, um sich persönlich einen Eindruck von dieser spektakulären Neuschöpfung zu verschaffen, in der die erste Kapelle Europas geplant war, die gleichermaßen Christen, Muslime und Juden willkommen hieß. Auch aus heutiger Sicht: eine geradezu surreal großzügige Idee.

          Christen, Muslime und Juden sind in dieser ökumenischen Kapelle in Flaine gleichermaßen willkommen.

          Flaine war von Anfang an ein Kulturprojekt. Die Architektur der Residenzen, die Kapelle samt Lüster und Altar, die Geschäftsstraße, die Liftdetails und Straßenlampen, die Hotels und die skulpturalen Betonkamine ihrer Lobbys und Suiten – Breuer entwarf alles Wichtige selbst. Die Silhouette von Flaine komponierte er in einer hochgelegenen Landschaftsschüssel. Die „Stadtviertel“ lagen darin elegant auf drei verschiedenen Plateaus zwischen 1580 und 1750 Metern. Sie sind durch orange Schrägaufzüge verbunden, die auch wunderbar in die „Odyssee im Weltraum“ passen würden. Zum Gesamtkunstwerk gehörte die Typographie. Goldene Schriftzüge verleihen den Häusern Namen von Sternbildern: Androméda, Capricorne.

          Breuer faszinierten am meisten die Licht- und Schattenspiele an den Fassaden. Er ließ gewissermaßen die Kanten von Diamanten in Beton gießen. Die kunstbegeisterte Sylvie Boissonnas, die später den Freundeskreis des Centre Pompidou leitete, gab ein Art Center, die Freiplastiken und das Kino in Auftrag, ihr Mann eine Konzerthalle. 1969 eröffnete Flaine offiziell, für sechstausend Gäste. Die radikale Reißbrettschöpfung wurde ein Erfolg und ein reales Utopia in den Bergen – vergleichbar mit Oscar Niemeyers Brasilia und Chandigarh von Le Corbusier.

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