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Singapurs Welterbe : Artenschutz für die Garküchenköche

  • -Aktualisiert am

Neunzig Jahre ist Leong Yuet Meng inzwischen alt und immer noch die Chefin am Herd ihrer Nudelküche. Bild: Reuters

Fastfood der feinsten Sorte: Singapur will seine Hawker-Kultur von den Vereinten Nationen zum immateriellen Welterbe erklären lassen.

          Morgens scheint die Sonne noch mild, und die Luft ist frisch, zumindest draußen. Drinnen sieht es ganz anders aus. Große Ventilatoren unter der Decke sorgen mehr schlecht als recht dafür, dass im Hawker Centre Ghim Moh in Singapurs Westen keine allzu dicke Luft herrscht. An mehr als siebzig Imbissständen, die meisten kaum größer als ein deutsches Badezimmer, schuften die Köche um die Wette. Über der Essenausgabe hängen Leuchtschilder, die Singapurs Nationalgerichte in grellen Farben zeigen: Chicken Rice mit oder ohne Haut; Laksa, die scharfe Nudelsuppe mit Krabben und Muscheln in Kokosmilch; Hokkien Mee, gebratene Nudeln mit Fisch oder Fleisch und viel Gemüse; Char Kway Teow, Reisnudeln mit Sojasoße, Eiern und Würstchen.

          „Hawker Centre sind die Esszimmer unserer Stadtgemeinschaft“, sagt Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong. Diese Esszimmer sollen nun unter Artenschutz gestellt werden. Bei den Vereinten Nationen ist beantragt worden, die Hawker und ihre Gerichte auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit zu setzen, so wie belgisches Bier, Yoga in Indien, die Windmühlen Hollands oder den Orgelbau in Deutschland. Das ist nicht einfach, zumal es überall auf der Welt Hawker Centres gibt.

          Bis zu dreihundert Portionen pro Tag

          Prompt meldete Singapurs ungeliebter Nachbar Malaysia Protest gegen das Vorpreschen an. „Der Antrag besagt nicht, dass wir als Einzige im Besitz der Hawker-Kultur sind oder besseres Hawker-Essen kochen als andere Orte der Welt“, sagt Yeo Kirk Siang, der Direktor des Amts für Kulturerbe in der Tropenmetropole. Doch der Antrag besagt sehr wohl, dass die Imbiss-Kultur Singapurs etwas ganz Besonderes sei. Singapurs freundlichstes Gesicht, der altgediente Botschafter und Rechtsprofessor Tommy Koh, begreift die Küche im Schmelztiegel der Ethnien sogar als politisches Hilfsmittel: „Einer der Klebstoffe, die unser junges Land mit seinen verschiedenen Ethnien zusammenhält, ist unsere Straßenküche. Alle Singapurer, ganz gleich, zu welcher Religion sie zählen, wo sie herkommen, was ihre Muttersprache ist, lieben dieselben klassischen Gerichte. Sie lieben unsere Hawker.“

          Der Mann hat recht: Vier Fünftel der Singapurer gehen mindestens einmal in der Woche beim Hawker essen, dessen Küche vom Frühstück bis spätnachts geöffnet ist. Bis zu dreihundert Portionen verkauft ein Hawker im Durchschnitt am Tag, die berühmten unter ihnen deutlich mehr – so wie der inzwischen mit einem Michelin-Stern dekorierte Chef Chan Hon Meng. Eine gute Stunde dauert es mittags, bis sein Hong Kong Soya Sauce Chicken Rice auf dem Plastikteller landet.

          Huhn mit Sojasoße und einem Michelin-Stern: Die Garküche von Chan Hong Meng.

          Sechstausend Hawker Stalls gibt es in Singapur, verteilt auf 114 Hawker Centres. Hochgerechnet servieren die Garköche 1,8 Millionen Essen pro Tag, und das bei 5,5 Millionen Einwohnern. Angesichts solcher Zahlen erscheint Unterstützung eigentlich überflüssig. Doch die ehemalige Kolonialstadt ist ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung weiter auf der Suche nach ihrer Seele. Dabei sollen die Hawker helfen. Ihre Kultur wird durch die Nominierung deutlich aufgewertet. „Uns geht es mit dem Unesco-Antrag vor allem darum, unserer eigenen Bevölkerung zu zeigen, was für einen Schatz wir hier besitzen“, sagt Yeo.

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