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Straßenkunst in London : Gardist tanzt halbnackt Capoeira

  • -Aktualisiert am

Gentrifizierung mit der Spraydose: Erst kommen die Künstler, dann die Hipster. Bild: Reuters

Shoreditch im Osten Londons ist zum Epizentrum der britischen Street-Art geworden. Hier kämpfen die Sprayer um Respekt und Anerkennung – und manche von ihnen sind inzwischen Superstars der internationalen Kunstwelt.

          9 Min.

          Gregory zieht seine schwarze RVCA-Kappe in die Stirn, der Regen wird stärker. Ihm gefällt der Regen, weniger Menschen unterwegs. Das ist gut. Gregory ist Wall Writer, Graffitikünstler, einer, der legal und illegal malt, und er führt uns durch sein Revier, durch Shoreditch im heruntergekommenen Londoner Osten. Hier sind seine Straßen, hier ist seine Arbeit. Gregorys Leben kreist um Backsteine, um die braunen, manchmal rötlichen, immer unverputzten Ziegel, die sich zu Mauern und Fassaden auftürmen und außergewöhnliche Bilder tragen. Auch Gregorys Bilder sind darunter, denn er ist ein bekannter Mann in der Street-Art-Szene, die ein Aushängeschild Londons geworden ist. Künstler aus ganz Europa haben Shoreditch zu Londons größter und vielleicht spannendster Freiluftgalerie gemacht, und Besucher können sich hier die wilden, spöttischen Reflexe auf den rapiden Wandel der Millionenstadt anschauen.

          Es ist eng in Shoreditch, die Straßen sind schmal und von gelben, verwaschenen Doppellinien begrenzt, kein Parken erlaubt, aber Parkplatzsorgen kennen die meisten Bewohner des Viertels ohnehin nicht. Ein Blick auf einen unbepflanzten Balkon, auf dem ein misstrauisch äugender Mann eine Zigarette raucht, verrät, dass hier die Abgehängten der boomenden Metropole wohnen. „Vorsicht, auf diesem Platz ist es glatt“, sagt Gregory, und der Hinweis ist angebracht, denn wer Street-Art sucht, blickt nach oben und scannt Mauern und Simse. Auf die Straße schaut man nicht. Wir stehen direkt vor einem haushohen Wandbild von Phlegm. Der englische Street-Art-Künstler hat die komplette Rückseite eines Hauses bemalt. Die düstere Arbeit scheint einem Albtraum Kafkas entsprungen zu sein. Sie zeigt klaustrophobisch schmale, aufgeständerte Steinhäuser, in die eine hagere Kreatur mit einer Kerze steigt, um Licht unter die Dächer zu setzen. Phlegm malt schwarzweiß. Seine surrealen, erschrocken dreinblickenden Fabelwesen lösen Beklemmungen aus. Wir sehen uns um: Sozialwohnungen, Wäscheleinen, umgekippte Mülltonnen. Auf dem Balkon schlägt der Raucher hinter sich die Küchentür zu.

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