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Seychellen : In der Ruhe liegt das Glück

Das Urbild des Seychellen-Traums: Der Strand Source d`Argent auf der Insel La Digue mit seinen Granitfelsen, die wie versteinerte Zauberwesen aussehen. Bild: (c) Bob Krist/Corbis

Wie auf den Seychellen könnte es einst im Garten Eden ausgesehen haben. Doch Ruhe, Schönheit und tropische Opulenz werden immer stärker von protziger Investorenarchitektur bedrängt.

          10 Min.

          Terence ist froh über jede Seemeile, die zwischen ihm und Mahé liegt. Besonders schnell wächst der Abstand jedoch nicht. Der Wind ist so flau, dass der Katamaran ohne Unterstützung des Motors nicht vom Fleck käme. Doch der junge Skipper lässt sich nicht beirren. Er lenkt das Boot in Richtung Heimat, ohne dabei erkennbar einen Muskel zu verziehen. Arme und Beine scheinen schon seit Stunden ebenso bewegungslos wie seine Mimik. Die Augen sind gegen das Licht mit einer verspiegelten Sonnenbrille geschützt. Die dunkle Haut hat er vor der Sonne unter einem Handtuch verborgen, fast so türkis wie das Meer unter uns, nur dass die Farbe des Stoffs nicht ganz so unnatürlich wirkt. Auf einmal kommt Bewegung in sein Gesicht. Er nimmt die Brille ab, und das Weiß seiner Augen blitzt so hell wie seine Zähne, als er den Kopf mit Nachdruck schüttelt. Ob er sich vorstellen könnte, auf Mahé zu leben? „Niemals!“ Die Insel sei viel zu groß und hektisch. Die vielen Menschen und die ganzen Autos erst! Dann zieht er wieder sein Handtuch zurecht, richtet den Blick aufs Meer und verfällt in eine Starre, die wir sonst nur von Reptilien kennen.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir wanken zum Bug des Schiffes, legen uns in das Netz unter dem Vorsegel und fragen uns, ob es sich um ein Missverständnis handeln kann. Meinen wir wirklich denselben Ort? Als wir am Tag zuvor auf Mahé ankamen, der größten Insel der Seychellen, hatten wir das Gefühl, das Leben habe hier, mitten im Indischen Ozean, zwei Gänge zurückgeschaltet. Vom Flugzeug spazierten wir zu Fuß über das Rollfeld zum Terminal. Auf dem Weg in die Hauptstadt Victoria kamen wir in die Rushhour. Doch anstatt Drängeln und Hupen nur ein gemächliches Schieben auf der einspurigen Hauptverkehrsader ins Zentrum. Und dann erst dieses Hauptstädtchen! Trotz des stolzen Namens wirkt es wie eine Playmobil-Version der großen Schwestern vom afrikanischen Festland: so viele Einwohner wie ein schwäbisches Provinznest, aber voller postkolonialer Gravitas, eingesprengselt ins geschäftig bunte Treiben.

          Lobgesang auf die Heimatinsel

          Während wir versuchen, das Bild von Terence mit unserem in Einklang zu bringen, geben wir uns dem Schaukeln hin. Die Natur um uns herum ist ein Streicheln: der Wind, der Klang der Wellen, die an den Bug schwappen, die Sonnenstrahlen, die uns - gedämpft durch den Schatten des Segels - nur indirekt wärmen. Selbst die Gischt, die uns manchmal am Bein erwischt, ist nicht kalt, sondern angenehm erfrischend. Wir könnten uns fallen lassen, unter halb geschlossenen Lidern langsam wegdösen, wenn da nicht diese Farbe wäre. Wer behauptet, Blau sei beruhigend, hat es noch nie derart leuchten gesehen. Von Aquamarin über Azur, Cyan, Türkis und Petrol, von königlich bis himmlisch strahlt das Meer so intensiv, dass es die Iris kitzelt und an Schlafen nicht zu denken ist.

          Langsam schiebt sich eine andere Farbe ins Bild. Am Horizont erscheint Grün, umgeben von einem hellen Streifen. Terence hat es natürlich längst bemerkt und wird auf einmal mobil. Er streckt seinen Kopf aus dem Handtuch und weist mit ausgestrecktem Arm auf den grünen Flecken in der Ferne. „Das ist La Digue“, ruft er, und es folgt ein Lobgesang auf seine Heimatinsel. Hier lasse sich gut leben, entspannt, ganz ohne hektisches Treiben wie auf Mahé.

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