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Serie „Reisewarnung“ : Gallier, wach auf

IMAX-Kinos, Wasserspiele und ein 48 Meter hoher Aussichtsturm – klingt das nicht nach einem vergnüglichen Nachmittag? Bild: AFP

Wir dürfen wieder reisen. Aber wohin? In unseren „Reisewarnungen“ stellen wir Ziele vor, die man tunlichst vermeiden sollte, und solche, die so schön sind, dass man für immer bleiben will. Folge zwei: Poitiers.

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          Selbst wenn sich die Grenzen nach Frankreich jetzt wieder offen sind: Fahren Sie nicht nach Poitiers! Lassen Sie es aus, machen Sie einen Bogen drum herum, brausen Sie auf dem Weg zum Atlantik mit gutem Gewissen einfach schnurstracks daran vorbei. Es lohnt sich nicht. Es gibt nichts zu sehen, außer einer alten, düsteren Kathedrale, ein paar unbehauenen Steinblöcken aus der Vorzeit und einer Erinnerungstafel an eine Schlacht im 8. Jahrhundert, bei der Karl Martell die Muslime zurückgeschlagen haben soll. Inzwischen wird die Bedeutung der Schlacht von Historikern angezweifelt. Dass das Abendland hier gerettet wurde, glauben nur noch ein paar Identitäre, die auf dem Dach der örtlichen Moschee mit Plakaten fuchteln, auf denen steht: „Gallier wach auf, Du bist hier zu Hause“.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Einer von denen, die hier kurzzeitig zu Hause waren, ist Michel Foucault. Der berühmte Philosoph und Soziologe wurde hier geboren und ging während des Zweiten Weltkriegs in Poitiers zur Schule, floh dann aber schnell nach Paris und kehrte nie wieder zurück. Wenn man Franzosen das Wort Poitiers hinwirft, dann verziehen sie meistens den Mund und sagen leicht enerviert: Ah oui, le Futuroscope. Mindestens einmal in seinem Leben ist jeder französische Schüler mit seiner Klasse zum Besuch in dem traurigen Freizeitpark vor den Toren Poitiers gezwungen worden, wo alte und neue „Technologien der Zukunft“ präsentiert werden. Zu den Hauptattraktionen des „Futuroscopes“ gehören IMAX-Kinos, Wasserspiele und ein 48 Meter hoher Aussichtsturm – na, klingt das nicht nach einem vergnüglichen Nachmittag?

          Ein Koffer voller Reisewarnungen

          Poitiers liegt zwar in der Mitte Frankreichs, aber sein Herz schlägt hier nicht. Das Beste, was man über Poitiers sagen kann, ist, dass es mit dem Zug nur gute zwei Stunden von Paris entfernt ist. Und, dass die Internetverbindungen meistens stabil sind. Dass Poitiers mehr Studenten pro Einwohner hat als jede andere französische Universitätsstadt, ist richtig. Allerdings verlassen die meisten von ihnen das Provinznest am Wochenende, um bei ihren Eltern in den umliegenden Dörfern Wäsche zu waschen und sich bekochen zu lassen. Das Geräusch von wackligen Rollkoffern dröhnt dem armseligen Erasmus-Studenten, der hier einmal ein halbes Jahr verbringen musste, sein Leben lang in den Ohren. Im Großen und Ganzen also das Gegenteil von Savoir-vivre und lavendelhafter Gemütlichkeit. Natürlich: Auch hier kann man eine Flasche Rotwein aufmachen und sich mit einem Stück Käse an den Clain setzen – so heißt der Fluss hier wirklich, „Clain“ –, aber ehrlich gesagt: Es lohnt sich nicht. Bleiben Sie lieber in Paris. Oder in Tours. Und fahren dann direkt nach La Rochelle durch. Oder nach Bordeaux. In jedem Fall: Fahren Sie nicht nach Poitiers!

          In der Krise träumen viele davon, endlich wieder reisen zu können – und vergessen, dass das Reisen schon vor Corona auch einige Probleme mit sich brachte. Weil es dort, wo man hinfuhr, dann doch nicht so schön war. Oder so schön, dass die Reisenden einen Nervenzusammenbruch bekommen. Manche Ziele müssten Beipackzettel bekommen, die über „unerwünschte Nebenwirkungen“ informieren. Wir haben deshalb Viel- und Wenigreisende um solche Beipackzettel gebeten. Vielleicht können sie in einer notwendigerweise reisearmen Zeit Erinnerungen wecken oder Vorfreude, Trost spenden oder helfen, die vertraute Umgebung mehr zu schätzen.

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