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Serie „Heimat“ (Folge 4) : Wenn Heimat unheimlich wird

  • -Aktualisiert am

Schwelm in Westfalen – auch von hier fliehen Menschen. Bild: Walter Betz

Heimat ist kein gebieterischer Singular: In ihr addieren sich eine Anschrift und eine Bar, die Erinnerung und das Erzählen, ein Gefühl, das Kopfkissen und Schwelm in Westfalen. Von Heimatlust, Wanderlust und Verlust.

          Ich fahre gern nach Westfalen, an den Rand des Ruhrgebiets. Dort liegt die Stadt, aus der ich komme. IC und ICE fahren am Bahnhof mit den vier Gleisen so schnell durch, dass die Reisenden nicht einmal den Namen der Stadt lesen oder wenigstens bei den zwei grünen Kirchturmspitzen und der roten Klavierfabrik aufmerken können. Ich bin jung gewesen in dieser kleinen Stadt. Die Züge, die durchfuhren, waren der Wind, der mich von dort mit sich fortgenommen hat. Ich fahre gern dahin zurück, ein oder zwei Mal im Jahr, wegen eines Gefühls, das ich Heimatlust nenne. Heimatlust ist nicht Heimatverlust, obwohl von einem Verlust auch etwas in dem Wort Lust mitschwingen mag. Nichts ist mehr wie früher, aber ich mag diesen frischen Blick, mit dem ich dieses Früher und gleichzeitig mein Jetzt anschaue. Ich mag die Unsicherheit, die dann aufkommt: Heimat - war ich dort vor fünf Minuten oder vor hundert Jahren? Dann wird Heimat unheimlich. Auch das mag ich, denn davon lässt sich erzählen.

          Geboren bin ich in Schwelm. Franz Josef Degenhardt kommt ebenfalls aus dieser kleinen Stadt, die ihn 1965 das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ schreiben ließ. Ingrid Siepmann ist hier aufgewachsen, die Frau, die einmal die meistgesuchte Bankräuberin Deutschlands war. Sie trug gern weiße Hosenanzüge, vor allem bei den Überfällen. Sie war Mitglied der RAF und des 2. Juni. Ich habe im Heimatkundeunterricht nichts von Degenhardt oder Siepmann gehört, aber die Namen der Zechen auswendig lernen müssen, die seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Umkreis von Schwelm amtlich verzeichnet waren: „Zeche Herzkamp“, „Zeche Glückauf“, „Zeche Schelle“, „Zeche Frosch“, „Zeche Nachtigall“, „Zeche Frischgewagt“. Über die Hälfte meiner Klasse war nicht aus der Stadt, nicht aus meinem Land, das Deutschland heißt. Sie kamen aus Polen, Italien, Ungarn, Kroatien, Spanien. In der katholischen Grundschule St. Engelbert hockten wir in einem schmalen, zugigen Klassenzimmer dicht aufeinander. Im Winter roch es nach nassen Wollsachen, im Sommer nach dem Chlorwasser vom Waldschwimmbad. Wir schlugen und wir mochten uns.

          Klar waren wir katholisch

          Die Eltern und Großeltern meiner polnischen, italienischen, ungarischen, spanischen und kroatischen Mitschüler waren Menschen, die ich mir immer mit der fernen Landschaft im Hintergrund vorstellte, aus der sie stammten, obwohl ich noch nie die Birkenwälder des Ostens, ein südliches Meer oder den Duft von hitzetrockenen Nadelbäumen erlebt hatte. Die Gesichter jener Eltern und Großeltern meiner Mitschüler erzählten mir davon, auch ihre Hände, Haare oder manchmal die Art zu husten. Ich erzählte mir ihre Geschichten weiter, erfand hinzu. So wurden die Geschichten zu meinen. Eines von uns Kindern war staatenlos. Roman lebte in den Baracken beim Sportplatz. Er wurde vom Lehrer geschlagen. Das schweißte die Klasse enger zusammen, schaffte Zugehörigkeiten, die wir noch nicht zu benennen wussten. Klar waren wir alle katholisch. Gehörten wir deswegen so zusammen? Die Fächer, die täglich auf dem Stundenplan standen, hießen Religion und Heimatkunde. Aber waren wir auch heimatkundig, waren wir fromm? Ich glaube, wir waren ein seltsamer, disparater Haufen mit einigen „verhaltensoriginellen Exemplaren“ darunter, wie Lehrer heute sagen würden.

          Als ich 1968 auf das Gymnasium kam, Ingrid Siepmann nach Berlin zog und Franz Josef Degenhardt im dritten Jahr von den Schmuddelkindern sang, bekam ich gleich in der Sexta Probleme in Mathematik und Rechtschreibung. Schreiben und Rechnen waren vor lauter Religion und Heimatkunde auf St. Engelbert zu kurz gekommen. Nur in Sport konnte ich mithalten. Am letzten gemeinsamen Schultag, an dem sich drei oder vier Kinder zur Hilfsschule, fünfzehn zur Hauptschule, eins zur Realschule und drei zum Gymnasium verabschiedeten, fragte der Lehrer, was wir wohl am meisten in unseren neuen Lehranstalten vermissen würden. Niemand sagte etwas. Wir redeten nicht gern mit ihm. Er zeigte auf das große Holzkreuz über der Klassenzimmertür. Würden wir das wirklich vermissen? Ich lachte und bekam eine Ohrfeige. Damals habe ich nicht geahnt, dass unser gemeinsames Beten in der gleichen Sprache und all die katholischen Rituale, mal mit und mal ohne Weihrauch, Bilder von Heimat in meinem Erinnerungsspeicher hinterlassen würden. Das Gehirn, weiß man längst, prägt sich in den ersten Jahren. Jeder Neubeginn hat es schwer, den ersten, ältesten Beginn auszulöschen - und soll das auch besser nicht. Heute weiß ich das. Der Mensch hat immer Heimat, und sei es nur der Ort, an dem er gestern noch war und heute nicht mehr ist. Entfernung macht Heimat, Verlust macht Besitz.

          Heimat ist der Raum, in dem wir uns immer sicher bewegen können?

          Wer drei Mal die gleiche Bar betritt, hat ein Zuhause im Stehn?

          Heimat ist, wo wir den anderen und uns selber nicht fremd sind?

          Heimat kann überall sein?

          Oder ist Heimat nur eine Anschrift in einem - längst abgelaufenen - Ausweis?

          Heimat ist das, woher man kommt, oder dort, wohin man will?

          Die Stadt am Rand des Ruhrgebiets, aus der ich komme, hat sich verändert. Das Haus mit der Nummer 29, in dem ich aufwuchs, gibt es noch. Aber gleich nebenan, wo die Fabrik für Metallverarbeitung stand, ist Ende der Siebziger eine nicht sehr hohe Hochhausreihe entstanden, in der Ausländer lebten und jetzt auch Flüchtlinge untergekommen sind. Vom Haus Nr. 29 aus ist man in zehn Minuten im Wald, in zwanzig Minuten beim Friedhof und hat alles in der Stadt gesehen: die zwei Kirchen, den Pizza-Service des Türken, ein Kino, die Wäscherei, die alte Klavierfabrik bei den Bahngleisen, die gleich gegenüber dem leerstehenden Eisenwerk liegt, das früher die Tanksäulen für ganz Deutschland produzierte. Angekommen beim Waldschwimmbad, in das wir zur Ferienzeit täglich gingen, da wir nicht verreisten, erinnere ich mich an den Zauber unendlich träger Sommernachmittage, in denen alles, was Menschen sonst zu Hause machen, auf einem Badetuch stattfand. Kreuzworträtsel lösen, Pickel ausdrücken, Bier trinken, hartgekochte Eier essen, streiten, Kinder machen, Kinder wickeln, Kinder schlagen, und all das tobte sich aus in den Grenzen miteinander konkurrierender, akustischer Inseln, die von Transistorradios markiert wurden. Außerhalb der Badesaison lag damals und liegt heute noch der Parkplatz neben dem Waldschwimmbad wüst und leer da. Eine Sauna ist seit Jahren vorübergehend geschlossen und markiert den Rand einer Welt, die sich für die einen nach nichts, für andere nach Heimat anfühlt. Ich bin vor langer Zeit fortgegangen.

          Vor einiger Zeit hätte ich noch gesagt, ich bin von dort geflohen.

          Wovor? Vor der Langeweile, den Eltern und dieser ganzen Zähigkeit eines Zuhauses, das der falsche Ort im Leben zu sein schien? Man sagt so leicht, man ist weg wegen all der Leute, die einen schon so lange kennen, und weiß, aus dem gleichen Grund wird man vielleicht eines Tages zurückkommen. Spätestens dann, wenn man sich sagt, ich dachte immer, das ist schlimm, dass ich bei uns nur der sein kann, den alle kennen. Jetzt weiß ich, genau der kann ich nur sein.

          Heimat hat man bei sich

          Vor einigen Jahren machte ich noch die grobe Einteilung in Menschen mit mehr Schwerkraft, die gern am Ort bleiben, und solchen mit mehr Fliehkraft. Sie gehen rascher fort. Sofamenschen nannte ich die einen und Wandermenschen die anderen. Wandermenschen spucken nicht notwendigerweise Feuer oder betreiben Geisterbahnen, aber sie gehen hin, wohin sie wollen oder müssen. Sie ziehen ständig um. Von den einzelnen Stationen bleiben Fotos und Freunde, die spätestens beim Abschied „alte Freunde“ sind, Menschen, die einmal in einer Stadt geholfen haben, einen gemieteten Lastwagen mit Kartons und Möbeln zu bepacken. Danach schlagen die Wandermenschen wieder irgendwo in einem Mietshaus ein Zelt auf und nennen den Ort kurz Zuhause, weil sie abends dort hingehen und auch die Rechnungen dorthin adressiert sind. Er, der Wandermensch, stellt sich eine neue Familie zusammen aus Kollegen und Nachbarn. Und wenn der Ort nicht mehr recht funktioniert, zieht er weiter. Kein Ort ist Heimat.

          Jeder Ort ist Heimat. Heimat ist das, was der Wandermensch bei sich hat: Computer, Handy, Kopfkissen, eine Teekanne und nach einiger Zeit auch Erinnerungen. Er lebt an keinem Ort für immer, und der Gedanke macht ihn nicht unruhig. Neue Menschen finden sich, die in der neuen Stadt mit dem Wandermenschen auf dem Balkon sitzen, trinken und bis spät in die Nacht sich erzählen lassen, von den Städten, aus denen er kommt, vom Studium und den Arbeitsstellen, die ihn ausgenutzt haben, von den Geliebten, die er verlassen hat oder die ihn verlassen haben. Wenn die Runde aus Frauen besteht, kommt das Gespräch rasch auf die Kinder, die auf später verschoben wurden, auf die Kinder, die man sich vorgestellt, aber nie bekommen hat. Ja, diese zivilisierte Horde von Menschen, die nirgendwo hingehören und doch eine Stütze der Gesellschaft sind, hat längst verstanden: Die Welt, in der wir geworden sind, wie wir sind, besteht aus lauter Heimatorten. Manchmal ist der Ort dann auch ein Mensch, bei dem man bleibt. Dann ist dieser Mensch Heimat. Für eine Zeit.

          Was aber bleibt als Heimat in Kopf und Herz zurück, wenn ich nicht aus beruflichen Gründen oder wegen der Liebe fortwandern will und muss? Wenn ich wirklich fliehe und meine Flucht nicht nur eine raschere Gangart des Wanderns ist?

          Fliehen hat mit Angst zu tun, einer existentiellen Angst, die dauernd zum Leben gehört und wie der Tod nicht aufhört zu existieren, selbst wenn nicht unaufhörlich an sie gedacht wird. Was ist, wenn ich auf der Flucht bin aus meiner Heimat in ein Land, das die Heimat von anderen ist, denen ihr vertrautes Land unheimlich wird, weil ich komme?

          In der Musikschule meiner Heimatstadt wohnen jetzt Flüchtlinge. Ich habe in der Aula dort am Flügel Klavierspielen gelernt. Dass Franz Josef Degenhardt im gleichen Haus Gitarrenunterricht hatte, kann ich nicht versprechen. Ob Ingrid Siepmann ein Instrument spielte, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal ganz sicher, wohin sie aus der Heimat hin verschwunden ist.

          Aber ich weiß, wo Agloe liegt.

          Agloe ist die Kreuzung zweier Feldwege, ist eine Wiese, vielleicht noch ein Schuppen, ein verlassenes Haus. Wer freudig endlich! oder: angekommen!!! ruft, ist mit dem Ausruf schon an Agloe vorbei. Er muss den Wagen wenden und auf der Landstraße zurückfahren, am besten im Schritttempo, damit er auch etwas sieht. Man sieht nur, was man weiß.

          Agloe liegt im Staat New York und hält sich seit fast einhundert Jahren auf offiziellen Landkarten. Agloe ist ein Papierdorf, kartographiert, ohne wirklich zu existieren. Willkommen, sagt das Ortseingangsschild ohne Ort. Agloe ist die Erfindung von zwei Kartographen, die den Ortsnamen aus einem Anagramm ihrer eigenen Initialen bastelten, Otto G. Lindberg und Ernest Alpers, um konkurrierenden Kartographen - mit spitzem Finger auf Agloe zeigend - nachweisen zu können, dass sie abkupferten. Doch eines Tages eröffnet ein Unbekannter genau dort, an der Kreuzung der zwei Feldwege, einen Gemischtwarenladen. Für mich ist der Unbekannte ein Finne oder ein Ire, der eine Art Urheberrecht beansprucht auf jenen Flecken Welt, der ab jetzt nicht mehr Behauptung ist, sondern IST. Eine Wiese, ein Schuppen, ein Haus, vielleicht lernt man hier, sesshaft zu werden in der Sehnsucht, wenn man aus Finnland oder Irland kommt, wo die Menschen trauriger oder lustiger sind als andere Menschen anderswo.

          Das Wetter über Agloe

          Sesshaft werden in der Sehnsucht? Eine Utopie, oder? Es gibt ein Buch, das heißt „Utopia“. Es handelt von der fiktiven Insel Utopia im Atlantischen Ozean, die der Autor Thomas Moore Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erfand als Kulisse für eine perfekte Gesellschaft. Utopie ist also ein Erzähler- oder ein Denkerstaub von Intellektuellen und Dichtern, die den Vogelflug einer vergänglichen Idee gern mit der unvergänglichen Faktizität der Geschichte verwechseln. Stimmt das? Kann utopisches Denken, konkret angewendet, nicht auch Auftrag und Angelegenheit von engagierten Stadtplanern sein, die über halboffene Treppenhäuser und gemischte Wohnprojekte für Flüchtlinge und Studenten nachdenken und ihr Projekt einfach Utopia nennen, um unter diesem Label neue Kleider aus Stein für eine Gesellschaft der Zukunft zuzuschneiden? Vielleicht steht sogar im Türsturz, wo sonst die Heiligen Drei Könige Anfang Januar Kreidegruß und Segen hinterlassen, eine Inschrift: Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.

          Zurück nach Agloe: In den Dreißigern also siedelt sich in Agloe der unbekannte Ire oder Finne an. Iren sind ja bekanntlich große Erzähler. Er eröffnet in Agloe eine Fishing Lodge. Im Jahr 1957 taucht Agloe sogar in einem Reisebericht in der „New York Times“ auf. Dann ist die Fishing Lodge wieder verschwunden. Agloe aber bleibt, und Jugendliche von überallher machen sich auf die Reise dorthin. Sie alle sind auf der Suche nach den Spuren von Agloe. Den Ort kennen sie aus dem Roman „Paper Towns“ von John Green, auf Deutsch heißt er „Margos Spuren“. Ob Green vielleicht Ire oder gar ein wenig Finne ist oder solche Vorfahren hat, weiß ich nicht.

          Der Plot: In Agloe findet ein Junge ein Mädchen namens Margo nach längerem Suchen, obwohl es ja Agloe gar nicht gibt. Nach einer kurzen romantischen Begegnung trennt sich das Paar wieder. Ich stelle mir vor, der Himmel ist an jenem späteren Nachmittag des Abschieds von einer tiefen Bläue wie sonst das Meer, spiegelblank, azurn, glitzernd wie ein kostbarer Stein. Er dehnt sich nach allen Seiten, groß und ruhig, und man hätte Lust hineinzuspringen. Das Licht im August ist für dieses Jahr längst vorbei. Aber schönes, sonniges Herbstwetter hat mehr Reiz als schönes Wetter zur Sommerzeit, weil es unerwartet kommt, die Luft frisch ist und mit genau diesem Abschied von Margo darin. Es wird nicht mehr lange anhalten, wird nicht mehr lange anhalten können, dieses Wetter. Es ist ein Glücksfall, ein Geschenk, eine unerwartete Fügung. So ein Wetter über Agloe ist auch Heimat, und schon so schön wie Erinnerung.

          Wohin gehen wir mit oder in dieser Erinnerung? Nach Hause.

          Also: Jugendliche von überallher, die das Buch „Paper Towns“ gelesen haben, wallfahrten nach Agloe, um herauszufinden, was sie eigentlich suchen - so, wie Schriftsteller eigentlich schreiben, um herauszufinden, was sie denken. Die Jugendlichen haben der Geschichte von „Paper Towns“ und deren Erzähler blind vertraut. Menschen, die lesen, sind immer blind. Sie werden von den Worten bei der Hand genommen und lassen sich eine Welt beschreiben, die sie nur durch den Erzähler kennenlernen. Ohne den Erzähler wäre diese Welt im Dunkeln geblieben. Wenn die Jugendlichen an der Hand von John Green in Agloe angekommen sind, spielen sie wie Degenhardt auf der Gitarre und erzählen von ihrem Abenteuer in einem Video auf Youtube. Sie erzählen, dass sie gefunden haben, was sie noch suchen?

          Erzählen ist Heimat.

          Meine Großmutter Elisabeth, das jüngste von dreizehn Kindern, stammt aus einer Gegend ähnlich der Toskana mitten in Westfalen: Willebadessen, einem Ort, den niemand kennt. Meine Großmutter ist nie in der richtigen Toskana gewesen. Sie ist nie außerhalb Deutschlands gewesen, aber immer gern gereist, von Wuppertal nach Dortmund, von Gevelsberg nach Gütersloh, von Essen nach Ennepetal, von Köln einmal sogar bis nach Freudenstadt, immer mit dem Zug. Und mit dem Finger auf der Landkarte ist sie gereist bis nach Australien. Sie hat mir, sieben damals, von Australien erzählt, während sie es unter ihrem Finger festhielt. Sie hat erzählt von kindskopfgroßen Zitronen, beutelschwerer Känguru-Hitze und klapprigen Häusern ohne Keller. Das hatte sie alles nie gesehen.

          Aber Fernweh und Heimweh waren bei ihr wie ein Gefühl.

          Vor allem wenn es regnete und wenn es dunkel wurde, fing sie an zu erzählen oder wenn samstags nach dem „Wort zum Sonntag“ der späte Film einfach nur langweilig war.

          In den zwanziger Jahren trat sie ihre erste Stellung als Dienstmädchen in Paderborn an, bevor sie in diesen kleinen Ort mit der Klavierfabrik und den zwei grünen Kirchturmspitzen kam, von dem ich oben schon erzählte, und dort den jüngsten Sohn der Herrschaften, meinen Großvater also, verführte. Sie wurde schwanger, mit meinem Vater. So hatte sie einen sicheren Ort gefunden, an dem sie bleiben konnte, obwohl jener Ort fern ihrer Heimat war. Sie wollte ankommen, meine unruhige Großmutter. Ihr Großvater nämlich war Scherenschleifer gewesen. Er zog von Ort zu Ort mit einem Karren und zwei kleinen Mädchen, die seine Töchter waren, und erzählte die Geschichten von jenseits des Hügels, diesseits des Hügels den Bauern weiter. Sicher erfand er dazu, manchmal mit geliehener Pracht, um sich nicht mit sich selbst zu langweilen oder um nicht nur der fahrende Darsteller seiner selbst zu sein. Meine Großmutter hat mir von ihm erzählt, als hätte sie mit in dem Karren gesessen, obwohl sie ihn und sein Leben so wenig kannte wie die Zitronen in Australien. Oder doch?

          Erzählen ist bei uns also so eine Art Familienkrankheit? Ja, Erzählen ist Heimat.

          Reichte bisher.

          Etwas fehlt.

          Heimat, ist das nicht mittlerweile etwas, das es täglich neu zu finden gilt? Etwas, das sich in einem turbulenten Magnetfeld bewegt, wo Wörter wie Europa, Einwanderungsgesellschaft, Heimatschutz, Islam auftauchen und meine Erinnerungen und Heimaterzählorgien beiseitedrängen? Ich traue ihm nicht mehr, dem trauten Kaffeesatz, aus dem ich bislang mein Leben las. Was tun? Einfach sagen, Heimat ist eine Art Arbeit am Alltag? Heimat, das ist längst nicht mehr nur ein Ort, sondern die Zeit, die ich damit verbringe, mir und anderen Heimat zu schaffen. Heimat ist kein gebieterischer Singular, sondern ein Plural. Doch einen Wunsch habe ich. Möge mitten unter diesen bewegten, improvisierten und so vergänglichen wie vielversprechenden Heimaten jene Musikschule meiner Heimatstadt sein, in der einmal Flüchtlinge untergebracht gewesen sein werden. Wie lange her ist das? Wie lange wird das einmal her sein? Hundert Jahre oder fünf Minuten, egal. Nicht nur einer von denen, die kamen und blieben, unterrichtet dort jetzt Musik.

          Judith Kuckart (Jahrgang 1959) lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin. Am 11. August hat ihre Produktion „Mutter, lügen die Förster“ nach der Novelle „Die Judenbuche“ von Annette von Droste Hülshoff auf Burg Hülshoff Premiere.

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