https://www.faz.net/-gxh-8kxav

Serie „Heimat“ (Folge 7) : Der U-Bahnhof als Bastelbogen

Als die Trabantenstadt noch Utopie war: Fahrt über die Nordweststraße im Jahr 1974. Bild: Kleinhans, Lutz

Ein Tag in der Kindheitswelt: Zu Besuch in Frankfurts Utopia, der Nordweststadt, die inzwischen ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat.

          9 Min.

          Vor einigen Jahren träumte ich, dass ich die Stadt, in der ich lebe, verlassen und nach Frankfurt zurückkehren müsse. Ich zog aber nicht, wie es nahegelegen hätte, mit meiner Familie in eine passende Bleibe, sondern allein in mein altes Kinderzimmer in der Wohnung meiner Eltern. Dort sah alles, auch meine Eltern selbst, genau so aus wie in meiner Kindheit: die Schränke und Kommoden, der Deckenleuchter im Wohnzimmer, die Bücherregale, die Schallplatten, die Stereoanlage von Grundig. Und draußen vor dem Haus traf ich die Kameraden meiner Schulzeit, ungefähr so, wie sie mit zehn Jahren ausgesehen hatten, die einen fröhlich und ausgelassen wie immer, die anderen bänglich und verhärmt, unter Ohrenentzündungen leidend, von Scheidungen und anderem familiären Unglück getroffen. Und obwohl ich als Erwachsener zu ihnen trat, behandelten sie mich, als wäre nichts geschehen, nahmen mich in ihren Kreis auf und spielten mit mir auf der Wiese vor unserem Haus.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es war kein Albtraum, aus dem ich aufwachte, eher das Gegenteil: eine Vision, in der alles so wohlgeordnet war wie die rechtwinklig stehenden Häuser der Nordweststadt, in der ich aufgewachsen bin und wohin ich nun zurückkehrte. Wir haben auf dich gewartet, schienen die Gesichter und die Dinge zu sagen, und: Wir sind immer noch da, für immer. Diese Gewissheit war tröstlich und beunruhigend zugleich. Erst Tage später wurde mir klar, woran mich der Traum erinnerte: an die letzte Einstellung in Stanley Kubricks Film „Shining“, in der Jack Nicholson auf einem Foto zu sehen ist, auf dem er gar nicht sein kann, weil es lange vor seiner Geburt entstand. Aber da steht er, lächelnd, und die Vergangenheit zieht ihn mit der Kraft eines rasenden Mahlstroms in eine Tiefe, aus der es kein Entrinnen gibt.

          Eine wahllose Ansammlung weißer und bunter Häuserwürfel zwischen dichtem Grün: Der neue Stadtteil sollte ein Instrument der gesellschaftlichen Durchmischung werden.

          Im Hotel

          Zum ersten Mal in einem Hotel an einem Ort zu wohnen, den man nur als Einheimischer kannte, hat etwas heillos Ernüchterndes: Es zeigt dem Ankömmling den Schauplatz seines früheren Lebens aus der Perspektive des Durchreisenden. Aus dem Fenster des Zimmers hoch über den Shopping-Galerien des Nordwestzentrums betrachtet, erscheint die Trabantenstadt wie eine wahllose Ansammlung weißer und bunter Häuserwürfel zwischen dichtem Grün. Man sieht, anders als auf Luftaufnahmen, nicht das städtebauliche Konzept, sondern die lebensweltliche Mischung: Büsche, Bäume, Beton. Als die Nordweststadt in den sechziger Jahren entstand, war die Plattenbauweise mit Zeilenbauten, quer zur Straße stehenden Wohneinheiten, der Standard in der Stadtplanung. Die Siedlungskonzepte eines Ernst May oder Bruno Taut aus den zwanziger Jahren verbanden sich in ihr mit dem Zukunftsvisionen Le Corbusiers. Der neue Stadtteil sollte ein Instrument der gesellschaftlichen Durchmischung werden, mit billigen Hochhauswohnungen für soziale Randgruppen, Reihenhäusern für betuchtere Familien und Mietwohnungsblöcken für kleinbürgerliche Aufsteiger. Die Ernst-Reuter-Schule, eine der ersten integrierten Gesamtschulen in Hessen, setzte dieses Programm in ihrem System von Jahrgangskursen fort. Aus dem Schichtengefüge der Nachkriegsgesellschaft sollte ein buntes Puzzle werden, in dem jeder den Platz fand, der zu ihm passte.

          In den achtziger Jahren erlahmte der sozialreformerische Impuls. Ein Gutteil des Überdrusses, der den Betonkubus als Leitbild hinwegfegte, kam aus den alternden Siedlungen selbst. Die weißen Würfel wurden grau. Kleinbürger tauschten die Plätze mit Arbeitslosen und Zuwanderern. Rentner blieben, Familien zogen weg. Mit neunzehn wollte ich nie wieder im Plattenbau wohnen. Die Gründerzeithäuser, früher muffige Absteigen mit Außentoiletten und rußenden Öfen, waren jetzt schick. Die Nordweststadt erstarrte zum Denkmal einer vergreisten Moderne.

          Denkmal einer vergreisten Moderne: Als die Würfel grau wurden, wollten alle wieder in Gründerzeithäusern wohnen.

          Zur Schule

          Der Weg zur Schule führt durch den Park. Als ich zum ersten Mal, aus entgegengesetzter Richtung kommend, mit dem Ranzen auf dem Rücken und der Schultüte im Arm zur Erich-Kästner-Schule lief, damals noch Grundschule II, gab es den Martin-Luther-King-Park noch nicht. Amerikanische Soldaten legten ihn Ende der sechziger Jahre an, sie planierten das Gelände der ehemaligen Ziegelei, deren Reste zwischen den Neubauten verkümmerten, hoben die Grube für einen Teich aus und schütteten den Aushub zu einem Rodelhügel auf. Wir sahen den Hügel wachsen, wenn wir aus dem Klassenzimmer hinausschauten, und bald spielten wir am Teich, quälten Kaulquappen, jagten Frösche, ließen Papierschiffe segeln.

          Die Geschichte des Martin-Luther-King-Parks ist auch die Geschichte der Nordweststadt. Zuerst war er kahl und hell, zitternd von Kindergeschrei, dann verlotterte und verkrautete er, die Entengrütze ließ den Teich umkippen, der Hügel wurde zum Grillplatz. Jetzt wirkt das Grün wieder gepflegt, eine Schautafel erzählt, wie es entstand, eine Frischwasserleitung hält den Tümpel am Leben. Die Spitze des Hügels, auf die ich dreihundertmal den Schlitten zog, um den Sekundenrausch der Abfahrt zu genießen, ist zugewachsen, darunter liegt ein Pärchen im Gras. Mittagsglück.

          Die Schule selbst ist geschlossen, es sind noch Ferien. Aber der Blick durch das Tor öffnet die Schleusen der Erinnerung, denn alles sieht noch fast genauso aus wie vor vierzig Jahren. Der aus Plastikplatten und Metallleisten zusammengesteckte Ipi-Bau, damals als Provisorium hochgezogen und zu raschem Verfall bestimmt, ist immer noch da, ein wenig aufgeputzt, aber im Kern unverändert. In den Klassenzimmern, in denen man im Sommer schmachtete und im Winter fror, stehen die Stühle umgedreht auf den länglichen Tischen. Nur die Gärtnerei an der Nordostseite der Schule hat aufgegeben. Im Herbst brannten oft große Feuer mit Gartenabfällen auf dem Gelände, der Rauch stieg in Schwaden vor dem Klassenfenster auf. U., ein Freund, konnte seine Augen nicht von dem Schauspiel lösen. Nachdem ihn der Lehrer zweimal ermahnt hatte, schickte er ihn aus dem Unterricht nach draußen, zum „Feuersche gucke“. Eine Weile saß U., von allen Übrigen heimlich beäugt, auf der niedrigen Mauer, die den Brand vor unseren Blicken verbarg, dann schlich er traurig nach Hause. Niemand schaute mehr nach dem Feuer.

          Der Lehrer war ein Idealist, er wollte die Elite der Zukunft formen. Nicht nur er ist im Laufe der Jahre resigniert.

          Der Lehrer, Herr P., war ein Neuling, Anfang dreißig, zweiter Bildungsweg, heimatvertrieben, ein Idealist. Wir waren seine erste Grundschulklasse, und er wollte aus uns die Elite der Zukunft formen. Auf Klassenfahrten zeigte er uns die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, den Taunus, die Moorleiche von Friedberg, die Salinen von Nauheim; in seinem Garten – er war Imker – bewirtete er uns mit Honig und Saft. Wir dankten es ihm nicht. Nach dem Wechsel auf Realschule und Gymnasium hielten die wenigsten mit ihm Kontakt. Als ich ihn viele Jahre später wiedertraf, war er sichtlich gealtert, resigniert und müde. Er habe aufgehört, nach Begabungen zu suchen, sagte er. Jetzt gehe es ihm nur noch darum, dass möglichst viele das Klassenziel erreichten. Zwei Drittel seiner Schüler seien Kinder von Zuwanderern, viele sprächen kaum richtig Deutsch. Vor zehn Jahren ist er gestorben.

          Die Kirche

          Bevor sich Nostalgie wie Mehltau über die Schritte des Heimkehrers legt, soll wieder die Realität ins Bild kommen, die harte, graue, heutige. Die Häuser beispielsweise, viergeschossige Riegel, elfstöckige Hochhausblöcke, die wie verpanzert hinter ihren Wärmedämmungen in der Hitze brüten. So grau aber sind sie mit ihrem Neuanstrich in Altrosa, Lindgrün, Himmelblau oder Sandgelb auch wieder nicht. Und auch der Kiosk auf dem Schulweg, damals wie heute Endstation der Hoffnungslosen und Wasserstelle der Gelegenheitstrinker, hat seine Schrecken verloren, den Fuselatem der Versuchung, vor dem uns Herr P. immer wieder drohend gewarnt hatte. Zwei plaudernde Greisinnen sitzen davor auf einer Bank, zwischen ihnen ein Weinglas, und ein Häuflein Säufer drückt sich unter das Vordach. Ein Sommeridyll.

          Aber die Kirche! Für uns Konfirmanden war sie der Gipfel der Banalität, ein Schuhkarton aus Beton mit Lichtschlitzen und einem großen Luftloch darin, ein Gebetskasten zur Verwaltung des Kirchenmitgliederschwunds. Auch der Gemeindepfarrer, der nach einem deutschen Aufklärer hieß, sprach im Konfirmationsunterricht lieber von Krisen und Zweifeln, statt uns mit Gewissheiten einzudecken. Bald merkten wir, dass der wahre Vorteil des Konfirmiertwerdens im privilegierten Zugang zu den Tanzpartys lag, die regelmäßig in den Gemeindehäusern der Umgebung gefeiert wurden. Der Pfarrer sah uns noch einmal am Tag unserer Konfirmation und dann nie wieder.

          Nach der Konfirmation sah uns der Pfarrer nie wieder. Das Haus der Evangelischen Dietrich-Bonhoeffer Gemeinde, aufgenommen im Jahr 2012.

          Heute ist die Kirche, erbaut von Werner Neumann, ein modernes Baudenkmal, und irgendwie sieht sie jetzt besser aus, was nicht nur am Betrachter liegt. Die hellgrauen Mauern sind mit Efeu überwachsen, das kleine Portal, weiß und trist, wirkt beinahe rührend. Im Inneren fällt das Licht friedlich durch die Buntglassteine in den hohen Schlitzen, und die Metallstreifen, die unter der Kreisöffnung in der Betondecke hängen, glänzen wie Silberpapier. Eine Handvoll Gläubige verliert sich in den langen Bänken. Der neue Pfarrer soll ein freundlicher Mann sein.

          Das wahrhaft Neue begegnet mir nebenan im kleinen Einkaufszentrum – so nannte man früher die Shopping-Malls –, das noch vor dem „großen“, dem Nordwestzentrum, im Winkel zwischen Thomas-Mann-Straße und Praunheimer Weg entstand. Als ich die Stufen in den Innenhof hinabsteige, kommt mir eine Menschentraube entgegen: alles Männer, einige mit Vollbart, viele in langen, einfarbigen Kutten mit weißen Kappen auf dem Kopf. Es ist das Ende des Freitagsgebets, das die Gemeinde der As-Salam-Moschee auf Teppichen im Freien abgehalten hat, weil die Räume des islamischen Kulturvereins im Erdgeschoss für die Menge der Gläubigen zu klein sind. So erklärt es mir eine Mitarbeiterin des Jugendclubs, der noch immer im Obergeschoss untergebracht ist, und ich betrachte staunend die Männer mit den Bärten, die mit ernstem Blick aus dem Einkaufszentrum strömen, die arabischen Schriftzeichen über dem Eingang des Kulturvereins, die Auslagen des türkischen Gemüsehändlers, die leeren, mit Metallgittern gesicherten Ladenräume gegenüber und das Hamburgerplakat im Schaufenster des „As-Salam-Grills“, der dort liegt, wo mir ein deutscher Friseur den ersten Mecki-Schnitt meines Lebens verpasste.

          Zu Hause

          Das Haus steht auf einer Anhöhe, Nord-Süd-Lage, vierundzwanzig Wohneinheiten in drei Blöcken, Fernwärme, Kinderspielplatz. Von der Straße ist es durch eine Böschung getrennt, von deren Höhe ich eine Zeitlang gern meinen Roller ungebremst herunterrasen ließ, um, im Sturz abspringend und im Gras abrollend, die Autofahrer auf der Straße zu Vollbremsungen zu zwingen. Es gab Ärger, Gebrüll, quietschende Reifen, Fernsehverbot. Zum Glück ist nie etwas Schlimmeres passiert. Der Verkehr war noch nicht sehr dicht.

          Die Wohnmaschine ist kein Zuhause: Richtfest am Nordwestzentrum am 7. November 1967.

          Auf dem Klingelschild der Wohnung, in der ich sechzehn Jahre lang mit meinen Eltern und meinem Bruder gelebt habe, steht jetzt ein anderer Name. Drei frühere Nachbarn leben noch hier, zwei Witwen, ein altes Ehepaar. Als meine Mutter auszog, lief ich durch die leeren Räume wie durch ein weißes Blatt. Die Wohnung hatte unsere Spuren getilgt, sie war wieder rein. Die Wohnmaschine ist kein Zuhause. Das Zuhause ist ringsum, auf den Wiesen und Wegen, es liegt in der Luft.

          Unten, vor dem Trockenplatz, auf dem die Hausfrauen damals an Stangen die Wäsche aufhängten, dieselben stachligen Büsche, dasselbe mit Löwenzahn und Butterblumen durchsetzte Gras. Zur Faschingszeit und auch im Sommer boten die Büsche willkommene Deckung bei unseren Indianerspielen, deren ewiges Ziel die Eroberung der beiden hölzernen Zelte auf dem längst abgeräumten, nur noch mit Schaukel und Rutsche bestückten Spielplatz war. In Silvesternächten verwandelte sich die Wiese dann in ein Kampfgebiet, auf dem die Chinaböller, die zu Matten gebündelten Minikracher und die zischenden Heuler hin und her flogen. Manche schossen von ihren Balkonen herab, andere suchten das Schützengrabengefühl am Fuß des Abhangs. Auch den Rest des Jahres hatte ich immer einen Böllervorrat. Unsere Anoraks waren von Brandlöchern durchsiebt. Ich schob den Schaden auf die schlechte Qualität des Stoffs. Später kamen dann Military-Jacken in Mode. Aber da war die Kindheit vorbei.

          Dorf und Feld

          Die Einkaufstasche in der Hand, lief ich zwischen den bröckelnden Fachwerkfassaden und der Kirchhofmauer aus Sandstein entlang, in der noch das Gelass für die Verurteilten zu sehen war, vorbei an der Metzgerei Frenzel zum Bauernhof Stark, jahrelang. Hinter einem Hoftor am Urselbach lauerte der Feind, ein schrecklicher Schäferhund, der mit seinen Sprüngen beinahe den schmiedeeisernen Rand des Tores erreichte. Einmal schlenkerte ich die Tasche mit den gekauften Eiern so heftig, dass die Hälfte von ihnen zerbrach. Ein andermal sah ich den alten Knecht des Hofs bei seiner Abendmahlzeit. Er hatte keinen Zahn mehr im Mund, so dass ihm die Bäuerin die Krusten der Brotscheiben abschnitt, damit er sie mümmeln konnte.

          Heute ist das Dorf zum vorstädtischen Rückzugsgebiet veredelt, Metzgerei und Bäcker sind verschwunden und durch ein Ensemble aus Natursteinwerkstatt, Weindepot, Schreinerei, Bildhauerei und Therapiezentrum ersetzt. Geländewagen manövrieren durch die Gassen. Das Rathaus von 1716, in dessen brüchigen Mauern Ende der sechziger Jahre Gastarbeiterfamilien zur Miete wohnten, ist renoviert und mit einer Gedenktafel versehen. Aber Niederursel sieht immer noch wie Niederursel aus. Ein neuer Besitzer hat den Stark-Hof übernommen, doch der Eierverkauf geht weiter. Im Urselbach schwimmen jetzt Nutrias, Migranten aus Südamerika. Die Substanz des Dorfes ist unausrottbar, weil sie sich aus der Sehnsucht nach dem Heimkommen, dem Bleiben und Wurzelschlagen speist.

          Die Kuben der Trabantensiedlung entstanden auf den Feldern der Niederurseler Bauern, und immer blieb etwas dörfliches im Zentrum übrig.

          Etwas davon ist, allem sozialen und kulturellen Patchwork zum Trost, auch in die innere Textur der Nordweststadt übergegangen. Die Kuben der Trabantensiedlung entstanden auf den Feldern der Niederurseler Bauern. Dort aber, wo die Bebauung in die Lärmzone der A5 vorstieß, blieb ein Streifen von Getreidefeldern und Obstgärten erhalten, wie ein Memento der älteren an die neuere, im Takt der Verbrennungsmotoren dahinrasende Welt.

          Die südliche Grenze dieses Streifens ist der Steinbach, der vom Taunus herunter zur Nidda fließt. Von der Senke aus, in die er sich eingegraben hat, erscheint die ganze Nordweststadt wie die biblische Stadt auf dem Berg, wie eine Verheißung, die sich erfüllt hat in Stahl und Beton. Aber ich schaute nie dorthin. Ich sah ins Wasser des Bachs, den wir mit Steinen und Hölzern stauten, und ich blickte auf die Felder mit ihren Mäusen und Bussarden, ein Stück Erde im Rhythmus der Jahreszeiten, der hier noch der gleiche war wie seit Jahrhunderten. Hinter der Autobahn gingen die Felder weiter, dann kam das geschwungene Höhenband des Taunus, und dahinter, weit im Westen, lag die Zukunft.

          Zum Schluss

          An einem Samstagmorgen im Sommerschlussverkauf ist das Nordwestzentrum eine lärmende, brodelnde, im Konsumrausch vibrierende Benutzeroberfläche. Unter den Glasdächern, die den Gebäudekomplex überspannen, wird gegessen und getrunken, das Eingekaufte anprobiert und der Kassenzettel mit dem des Nachbarn verglichen. Man muss sich Schwarzweißfotos aus Familienalben oder städtischen Archiven ansehen, um zu begreifen, wie dieses Schnäppchenparadies einmal ausgesehen hat. In jener Zeit gab es keine Dächer, ein einziges Kaufhaus und viele kleine, an keiner Kette hängende Läden. Vor der Titustherme, damals ein einfaches Hallenbad, in dem ich schwimmen lernte, reckte der Bürgerbrunnen von Hans Göpfert seine sputnikhaften Formen ins Licht. Im Winter schneite es, im Sommer brannte die Sonne in die Ladenzeilen. Ein Fischgericht in der „Nordsee“, eine Pizza beim Italiener waren der Gipfel der Schlemmerei. Die „Nordsee“ ist immer noch da, am selben Fleck, der Italiener verschwunden.

          Aber es gab schon die U-Bahn in die Frankfurter City, die U1, und es gibt sie noch. Als sie im Oktober 1968 zusammen mit dem Einkaufszentrum eingeweiht wurde, verschenkte die Frankfurter Sparkasse einen Bausatz der unterirdischen Station aus Karton. Sorgfältig schnitt ich die bedruckten Pappteile aus und klebte sie an den Falzen zusammen. Viele Jahre stand der Mini-U-Bahnhof bei uns im Keller, dann wurde er zusammen mit anderen Kindheitsrelikten entsorgt. Es waren die Jahre, in denen die U-Bahn zum Fluchthelfer in ein anderes Leben wurde, in den Rhythmus der Metropole, der Museen, Diskotheken, Vorlesungssäle. Am Ende des Tunnels öffnete sich eine neue Welt. Die Welt der Erwachsenen.

          Jetzt nur schnell noch zum Ticketautomaten, eine Fahrkarte ziehen! In vier Minuten geht der nächste Zug.

          Weitere Themen

          Der grandioseste Fluglärm des Planeten Video-Seite öffnen

          Karibikinsel Sint Maarten : Der grandioseste Fluglärm des Planeten

          Auf der ganzen Welt protestieren Menschen gegen Fluglärm. Auf der ganzen Welt? Nein! An einem kleinen Strand auf der Antilleninsel Sint Maarten ist das ganz anders. Dort liegt die Start- und Landebahn des Princess-Juliana-Flughafens direkt hinter dem Maho Beach: ein Treffpunkt von Fluglärmenthusiasten aller Länder.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.