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Serie „Heimat“ (Folge 7) : Der U-Bahnhof als Bastelbogen

Dorf und Feld

Die Einkaufstasche in der Hand, lief ich zwischen den bröckelnden Fachwerkfassaden und der Kirchhofmauer aus Sandstein entlang, in der noch das Gelass für die Verurteilten zu sehen war, vorbei an der Metzgerei Frenzel zum Bauernhof Stark, jahrelang. Hinter einem Hoftor am Urselbach lauerte der Feind, ein schrecklicher Schäferhund, der mit seinen Sprüngen beinahe den schmiedeeisernen Rand des Tores erreichte. Einmal schlenkerte ich die Tasche mit den gekauften Eiern so heftig, dass die Hälfte von ihnen zerbrach. Ein andermal sah ich den alten Knecht des Hofs bei seiner Abendmahlzeit. Er hatte keinen Zahn mehr im Mund, so dass ihm die Bäuerin die Krusten der Brotscheiben abschnitt, damit er sie mümmeln konnte.

Heute ist das Dorf zum vorstädtischen Rückzugsgebiet veredelt, Metzgerei und Bäcker sind verschwunden und durch ein Ensemble aus Natursteinwerkstatt, Weindepot, Schreinerei, Bildhauerei und Therapiezentrum ersetzt. Geländewagen manövrieren durch die Gassen. Das Rathaus von 1716, in dessen brüchigen Mauern Ende der sechziger Jahre Gastarbeiterfamilien zur Miete wohnten, ist renoviert und mit einer Gedenktafel versehen. Aber Niederursel sieht immer noch wie Niederursel aus. Ein neuer Besitzer hat den Stark-Hof übernommen, doch der Eierverkauf geht weiter. Im Urselbach schwimmen jetzt Nutrias, Migranten aus Südamerika. Die Substanz des Dorfes ist unausrottbar, weil sie sich aus der Sehnsucht nach dem Heimkommen, dem Bleiben und Wurzelschlagen speist.

Die Kuben der Trabantensiedlung entstanden auf den Feldern der Niederurseler Bauern, und immer blieb etwas dörfliches im Zentrum übrig.

Etwas davon ist, allem sozialen und kulturellen Patchwork zum Trost, auch in die innere Textur der Nordweststadt übergegangen. Die Kuben der Trabantensiedlung entstanden auf den Feldern der Niederurseler Bauern. Dort aber, wo die Bebauung in die Lärmzone der A5 vorstieß, blieb ein Streifen von Getreidefeldern und Obstgärten erhalten, wie ein Memento der älteren an die neuere, im Takt der Verbrennungsmotoren dahinrasende Welt.

Die südliche Grenze dieses Streifens ist der Steinbach, der vom Taunus herunter zur Nidda fließt. Von der Senke aus, in die er sich eingegraben hat, erscheint die ganze Nordweststadt wie die biblische Stadt auf dem Berg, wie eine Verheißung, die sich erfüllt hat in Stahl und Beton. Aber ich schaute nie dorthin. Ich sah ins Wasser des Bachs, den wir mit Steinen und Hölzern stauten, und ich blickte auf die Felder mit ihren Mäusen und Bussarden, ein Stück Erde im Rhythmus der Jahreszeiten, der hier noch der gleiche war wie seit Jahrhunderten. Hinter der Autobahn gingen die Felder weiter, dann kam das geschwungene Höhenband des Taunus, und dahinter, weit im Westen, lag die Zukunft.

Zum Schluss

An einem Samstagmorgen im Sommerschlussverkauf ist das Nordwestzentrum eine lärmende, brodelnde, im Konsumrausch vibrierende Benutzeroberfläche. Unter den Glasdächern, die den Gebäudekomplex überspannen, wird gegessen und getrunken, das Eingekaufte anprobiert und der Kassenzettel mit dem des Nachbarn verglichen. Man muss sich Schwarzweißfotos aus Familienalben oder städtischen Archiven ansehen, um zu begreifen, wie dieses Schnäppchenparadies einmal ausgesehen hat. In jener Zeit gab es keine Dächer, ein einziges Kaufhaus und viele kleine, an keiner Kette hängende Läden. Vor der Titustherme, damals ein einfaches Hallenbad, in dem ich schwimmen lernte, reckte der Bürgerbrunnen von Hans Göpfert seine sputnikhaften Formen ins Licht. Im Winter schneite es, im Sommer brannte die Sonne in die Ladenzeilen. Ein Fischgericht in der „Nordsee“, eine Pizza beim Italiener waren der Gipfel der Schlemmerei. Die „Nordsee“ ist immer noch da, am selben Fleck, der Italiener verschwunden.

Aber es gab schon die U-Bahn in die Frankfurter City, die U1, und es gibt sie noch. Als sie im Oktober 1968 zusammen mit dem Einkaufszentrum eingeweiht wurde, verschenkte die Frankfurter Sparkasse einen Bausatz der unterirdischen Station aus Karton. Sorgfältig schnitt ich die bedruckten Pappteile aus und klebte sie an den Falzen zusammen. Viele Jahre stand der Mini-U-Bahnhof bei uns im Keller, dann wurde er zusammen mit anderen Kindheitsrelikten entsorgt. Es waren die Jahre, in denen die U-Bahn zum Fluchthelfer in ein anderes Leben wurde, in den Rhythmus der Metropole, der Museen, Diskotheken, Vorlesungssäle. Am Ende des Tunnels öffnete sich eine neue Welt. Die Welt der Erwachsenen.

Jetzt nur schnell noch zum Ticketautomaten, eine Fahrkarte ziehen! In vier Minuten geht der nächste Zug.

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